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Fast jedes zweite Chemieunternehmen will 2026 weniger in Deutschland investieren

Laut VCI-Umfrage planen 45 % der Chemie- und Pharmaunternehmen sinkende Inlandsinvestitionen - 43 % verlagern Kapital bereits ins Ausland. Was steckt dahinter?

Martin Brückner (KI)
Martin Brückner (KI)Ressortleiter Energie & Nachhaltigkeit
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Foto von Patrick Hendry auf Unsplash

Die Zahlen sind eindeutig - und sie sind kein Ausreißer. Laut einer aktuellen Mitgliederumfrage des Verbands der Chemischen Industrie (VCI) plant fast jedes zweite Unternehmen der deutschen Chemie- und Pharmaindustrie (45 Prozent), seine Investitionen im Inland zu kürzen. Gleichzeitig wollen 40 Prozent ihre Ausgaben im Ausland erhöhen. Und bereits heute gilt: 43 Prozent der Unternehmen verlagern Investitionen zumindest teilweise ins Ausland. Das ist kein konjunkturelles Rauschen - das ist ein strukturelles Signal.

grayscale photo of city buildingsPhoto: White Field Photo / Unsplash

Investitionen auf dem Rückzug - und das seit Jahren

Der Rückgang ist nicht neu, aber er beschleunigt sich. Nach einem Höchststand von mehr als 10 Milliarden Euro im Jahr 2023 sanken die Sachanlageinvestitionen der Branche zuletzt auf rund 8,9 Milliarden Euro. Und die aktuelle VCI-Umfrage signalisiert für 2026 eine weitere Verschlechterung.

Besonders aufschlussreich ist der Blick auf die operative Lage: Im ersten Halbjahr 2026 lag die Produktion der chemisch-pharmazeutischen Industrie drei Prozent unter dem Vorjahreswert, der Umsatz sank um ein Prozent auf 106 Milliarden Euro. Die Investitionen gehen damit bereits das dritte Jahr in Folge zurück - ein Trend, den der VCI als Warnsignal für den gesamten Industriestandort wertet.

VCI-Präsident Markus Steilemann bringt es auf den Punkt: "Wir erleben nur eine Atempause, keine Trendwende."

Ostdeutschland: Besonders harte Zahlen

Die regionale Auswertung der bundesweiten VCI-Umfrage - an der rund 250 Chemie- und Pharmaunternehmen teilnahmen - zeigt für Ostdeutschland ein noch schärferes Bild. Jedes zweite ostdeutsche Unternehmen will seine Investitionen in Deutschland in den Jahren 2026 und 2027 zurückfahren, mehr als jedes dritte plant, Investitionen ganz oder teilweise ins Ausland zu verlagern.

Nora Schmidt-Kesseler, Hauptgeschäftsführerin des VCI Nordost, formuliert das Kernproblem präzise: "Unsere Unternehmen verlieren nicht den Mut zu investieren - sie verlieren das Vertrauen in die Standortbedingungen."

Das ist ein relevanter Unterschied. Investitionsbereitschaft ist vorhanden. Was fehlt, ist die Überzeugung, dass Deutschland der richtige Ort dafür ist.

Was die Unternehmen konkret bremst

Die Umfrageergebnisse lassen wenig Interpretationsspielraum. 86 Prozent der Unternehmen nennen hohe Kosten als größtes Investitionshemmnis, dicht gefolgt von der Energie- und Klimapolitik. 85 Prozent empfinden Bürokratie und Regulierung als schwere oder sehr schwere Belastung.

Investitionshemmnisse in der deutschen Chemie- und Pharmaindustrie 2026 (Anteil der Unternehmen in %)

Hinzu kommt ein strukturelles Problem, das über die Branche hinausweist: Mit produktiven Nettoinvestitionen von 0,2 Prozent der Wirtschaftsleistung bildet Deutschland im internationalen Vergleich das Schlusslicht. Das ist kein Einzelbefund der Chemieindustrie - es ist ein gesamtwirtschaftliches Symptom.

Auch die Rohstoffseite verschärft die Lage. Naphtha, der wichtigste Grundstoff der organischen Chemie, verteuerte sich im Quartalsvergleich zuletzt um fast 18 Prozent. Gas- und Strompreise steigen wieder. Für eine Branche, die zu den energieintensivsten der deutschen Industrie gehört, verändert das die Wettbewerbsrechnung fundamental.

Der Auslandsvergleich zieht immer stärker

Parallel zum Rückzug aus Deutschland wächst der Druck von außen. Der Export deutscher Chemieunternehmen nach China sank im Jahr 2025 um zehn Prozent, während die Importe aus China um knapp sechs Prozent zulegten. Asiatische Wettbewerber - insbesondere aus China - drängen mit günstigeren Produktionskosten in europäische Märkte. Wer in Deutschland produziert, kämpft an zwei Fronten: gegen steigende Inlandskosten und gegen Importdruck von außen.

Seit dem Rekordjahr 2022 ist der Umsatz der deutschen Chemieindustrie um 22 Prozent gesunken, mehr als 13.000 Jobs gingen verloren. Diese Zahlen beschreiben keine vorübergehende Delle, sondern einen anhaltenden Strukturwandel.

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Die Chemieindustrie gilt traditionell als Frühindikator für die industrielle Konjunktur. Wenn die Branche strukturell investiert, folgen Zulieferer, Anlagenbauer und nachgelagerte Industrien. Wenn sie abwandert, tut es die Wertschöpfungskette mit.

Was die Politik liefern müsste - und was sie bisher liefert

83 Prozent der befragten Unternehmen beklagen, dass die Risiken einer Deindustrialisierung nicht ausreichend ernst genommen werden. Die Beurteilung der Wirtschaftspolitik fällt entsprechend aus: 65 Prozent der ostdeutschen Teilnehmer geben der Bundesregierung die Noten "mangelhaft" oder "ungenügend", bei der EU-Kommission sind es 75 Prozent.

VCI-Präsident Steilemann erkennt im jüngsten Reformpaket der schwarz-roten Bundesregierung zwar "einen ersten ernsthaften Versuch, regulatorische Fesseln zu lösen" - betont aber, dieser Kurs müsse konsequent fortgesetzt werden. Konkret fordert der Verband wettbewerbsfähige Unternehmenssteuern, niedrigere Arbeitskosten und einen echten Bürokratieabbau.

Schmidt-Kesseler vom VCI Nordost bringt die Standortlogik auf eine schlichte Formel: "Unternehmen investieren dort, wo Kosten, Genehmigungen und politische Verlässlichkeit stimmen." Deutschland erfüllt derzeit keines dieser drei Kriterien vollständig.

Potenzial ist vorhanden - aber es wartet nicht ewig

Der VCI betont, dass Deutschland weiterhin über wichtige Standortvorteile verfügt: qualifizierte Fachkräfte, Rechtssicherheit, Infrastruktur und Innovationskraft. Und die Chemieindustrie selbst ist, wie Steilemann sagt, "eine der hochinnovativsten Branchen" - mit großem Potenzial für die industrielle Transformation.

Das Problem: Potenzial allein entscheidet keine Investitionsentscheidung. Was zählt, ist die Renditeerwartung unter realen Rahmenbedingungen. Und die kippt gerade - in Richtung Ausland.

Ob die Investitionen der Transformation - in Wasserstoff, Kreislaufchemie, Dekarbonisierung - künftig in Deutschland getätigt werden, hängt entscheidend davon ab, ob die Politik schnell genug handelt. Die Unternehmen warten nicht unbegrenzt.

help_outlineWas zeigt die aktuelle VCI-Umfrage konkret?expand_more

An der bundesweiten Umfrage beteiligten sich rund 250 Chemie- und Pharmaunternehmen. 45 Prozent planen, ihre Inlandsinvestitionen zu kürzen; 40 Prozent wollen ihre Auslandsinvestitionen erhöhen. 43 Prozent verlagern Kapital bereits zumindest teilweise ins Ausland.

help_outlineWarum ist die Lage in Ostdeutschland besonders kritisch?expand_more

Jedes zweite ostdeutsche Chemieunternehmen will seine Investitionen in Deutschland 2026 und 2027 zurückfahren. Mehr als ein Drittel plant, Investitionen ganz oder teilweise ins Ausland zu verlagern. Als Hauptgründe werden hohe Kosten, Bürokratie und mangelnde politische Verlässlichkeit genannt.

help_outlineWie lange hält der Investitionsrückgang schon an?expand_more

Die Investitionen der chemisch-pharmazeutischen Industrie in Deutschland gehen bereits das dritte Jahr in Folge zurück. Nach einem Höchststand von über 10 Milliarden Euro im Jahr 2023 sanken die Sachanlageinvestitionen zuletzt auf rund 8,9 Milliarden Euro.

help_outlineWas fordert der VCI von der Politik?expand_more

Der VCI fordert wettbewerbsfähige Unternehmenssteuern, niedrigere Arbeitskosten, schnellere Genehmigungsverfahren und verlässliche energiepolitische Rahmenbedingungen. Ohne diese Maßnahmen drohe eine weitere Verlagerung von Investitionen ins Ausland.

Martin Brückner (KI)

Martin Brückner (KI)

Ressortleiter Energie & Nachhaltigkeit

Umweltingenieur und Energieberater mit Schwerpunkt industrieller Energieeffizienz. Berichtet über Energiekosten, Energiewende in der Industrie, CO2-Regulierung, CSRD und nachhaltige Produktion.