Die Meldung klingt nach einem positiven Signal: Arbeitgeber und Gewerkschaft ziehen an einem Strang, starten gemeinsam eine Initiative, wollen Nachwuchs sichern. Wer aber die Zahlen dahinter kennt, weiß: Es ist weniger ein Aufbruch als eine Notbremsung.
Ein Einbruch, der sich gewaschen hat
Nach Angaben des Arbeitgeberverbands Nordostchemie boten die Mitgliedsunternehmen im vergangenen Jahr insgesamt 586 Ausbildungsplätze an - 33 Prozent weniger als im Vorjahr. Besetzt wurden davon 531 Ausbildungsplätze, ein Rückgang von 30 Prozent gegenüber 2024. Das ist kein Ausreißer, das ist ein Trendbruch.
Und Ostdeutschland ist kein Sonderfall, sondern Vorbote. Bundesweit stellte die chemisch-pharmazeutische Industrie 2025 insgesamt 8.779 Ausbildungsplätze zur Verfügung - ein Rückgang um 13 Prozent gegenüber 2024. Damit erreicht das Angebot den niedrigsten Stand seit dem Höhepunkt der Corona-Krise im Jahr 2021. Wer auf dem Shopfloor arbeitet, kennt dieses Muster: Wenn die Auftragslage schwächelt, werden zuerst die Stellen gestrichen, die keinen unmittelbaren Output liefern. Ausbildungsplätze gehören dazu.
Kurzfristige Einsparungen bei Ausbildungsplätzen können langfristig einen verschärften Fachkräftemangel nach sich ziehen — besonders dann, wenn gleichzeitig erfahrene Beschäftigte in den Ruhestand gehen.
Was die Initiative konkret vorsieht
Der Arbeitgeberverband Nordostchemie und die IGBCE Nordost haben im Rahmen eines "Steuerungskreises Ausbildung" konkrete Ansätze vereinbart, um dem Rückgang entgegenzuwirken und jungen Menschen den Einstieg in industrielle Berufe zu erleichtern. Geplant sind laut Presseportal-Mitteilung unter anderem:
- eine Social-Media-Kampagne zur Nachwuchsgewinnung
- ein Förderprogramm für Ausbildungsbetriebe
- Qualifizierungsangebote für Ausbildungsverantwortliche
Das klingt nach einem vernünftigen Dreiklang. Die Frage ist, ob er ausreicht - und ob er schnell genug greift.
IGBCE-Landesbezirksleiterin Stephanie Albrecht-Suliak hat die Lage bereits im Frühjahr unverblümt benannt: "Wer heute nicht ausbildet, verspielt morgen Fachkräfte, Innovationskraft und Standorte." Das ist keine Gewerkschaftsrhetorik, das ist eine operative Realität, die jeder Produktionsleiter in der Region kennt.
Die strukturelle Zwickmühle
Hinter den Zahlen steckt ein Dilemma, das sich nicht durch eine Kampagne allein lösen lässt. Die Ursachen für den Rückgang sind klar benannt: hohe Energie- und Produktionskosten, zunehmender internationaler Wettbewerb, ausbleibende Investitionen und Standortschließungen setzen viele Unternehmen unter Druck. Gleichzeitig steigt der Bedarf an qualifizierten Fachkräften, weil in den kommenden Jahren zahlreiche erfahrene Beschäftigte in den Ruhestand gehen.
Das ist die eigentliche Sprengkraft dieser Entwicklung: Die Lücke entsteht nicht nur durch weniger Neueinstellungen, sondern durch den gleichzeitigen Abgang von Erfahrungsträgern. Wer heute keine Azubis ausbildet, hat in fünf Jahren niemanden, der die Anlage kennt.
Übernahme: Noch stabil, aber mit Fragezeichen
Ein Detail, das in der Debatte oft untergeht: Die Übernahmequote ist bundesweit noch vergleichsweise hoch. Die Übernahmequote lag 2025 bei 89 Prozent - so niedrig wie zuletzt im Jahr 2020. Neun von zehn Ausgebildeten werden übernommen, ohne tarifliche Verpflichtung. Das zeigt, dass die Branche ihre Fachkräfte grundsätzlich halten will.
Aber: Nur noch 58 Prozent der übernommenen Ausgebildeten erhielten einen unbefristeten Arbeitsvertrag - ebenfalls ein Tiefstand seit der Pandemie. Wer eine Ausbildung beginnt, hat zwar gute Chancen auf Übernahme - aber die Planungssicherheit für das eigene Berufsleben nimmt ab. Das ist ein Signal, das bei der Nachwuchsgewinnung nicht hilft.
Was das für den Shopfloor bedeutet
Die Initiative von Nordostchemie und IGBCE ist richtig und notwendig. Aber sie adressiert das Symptom - den Rückgang der Ausbildungszahlen - ohne die Ursache zu beseitigen: die strukturelle Schwäche des Chemiestandorts Ostdeutschland.
Solange Energiekosten hoch bleiben, Investitionen ausbleiben und Standortschließungen die Schlagzeilen dominieren, wird keine Social-Media-Kampagne junge Menschen dauerhaft für eine Ausbildung in der Chemieindustrie begeistern. Wer sich für einen Ausbildungsberuf entscheidet, denkt auch an die Perspektive danach - und die ist in einer Region mit Schließungsmeldungen schwer zu vermitteln.
Die eigentliche Aufgabe liegt also auf zwei Ebenen: kurzfristig Ausbildungsplätze sichern und Betriebe bei der Nachwuchsgewinnung unterstützen - das leistet die Initiative. Mittelfristig aber braucht es wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen, die Unternehmen wieder in die Lage versetzen, mit Überzeugung auszubilden. Daran arbeiten Nordostchemie und IGBCE gemeinsam - auch gegenüber der Bundespolitik.
Das Zeitfenster ist eng. Wer heute nicht ausbildet, hat in fünf Jahren ein Fachkräfteproblem, das sich nicht mehr durch Kampagnen lösen lässt.
Warum sind die Ausbildungszahlen in der ostdeutschen Chemieindustrie so stark eingebrochen?
Der Rückgang hat mehrere Ursachen: hohe Energie- und Produktionskosten, internationaler Wettbewerbsdruck, ausbleibende Investitionen und Standortschließungen. Viele Unternehmen reagieren auf wirtschaftlichen Druck, indem sie ihr Ausbildungsangebot reduzieren — eine kurzfristig nachvollziehbare, langfristig aber riskante Entscheidung.
Was plant die gemeinsame Initiative von Nordostchemie und IGBCE konkret?
Geplant sind eine Social-Media-Kampagne zur Nachwuchsgewinnung, ein Förderprogramm für Ausbildungsbetriebe sowie Qualifizierungsangebote für Ausbildungsverantwortliche. Ein Steuerungskreis koordiniert die Umsetzung.
Wie sieht die Situation bundesweit aus?
Bundesweit stellte die chemisch-pharmazeutische Industrie 2025 insgesamt 8.779 Ausbildungsplätze zur Verfügung — 13 Prozent weniger als im Vorjahr und der niedrigste Stand seit der Corona-Krise 2021. Der Rückgang in Ostdeutschland ist mit 33 Prozent deutlich stärker als im Bundesdurchschnitt.
Welche Berufe sind in der Chemieindustrie besonders schwer zu besetzen?
Besonders schwierig ist die Besetzung in Produktionsberufen und in Technik und Instandhaltung. In Forschungs- und Laborberufen sowie IT-Berufen bleiben dagegen vergleichsweise wenige Stellen unbesetzt.





