Ein Verbund unter Druck
In der Debatte um die Zukunft der deutschen Chemieindustrie dominieren derzeit Strompreise, Bürokratieabbau und Tarifpolitik die Schlagzeilen. Doch ein Thema, das mindestens ebenso strukturentscheidend ist, erhält bislang zu wenig Aufmerksamkeit: die Zukunft der Raffinerie-Chemie-Verbundstrukturen. Etwa 75 Prozent des Kohlenstoffbedarfs der deutschen Chemieindustrie werden von Raffinerien aus Rohöl gedeckt[1]. Bricht diese Versorgungskette, steht nicht nur die Basischemie infrage — sondern die gesamte nachgelagerte Wertschöpfung bis zum Endprodukt.
Die am 26. März vorgestellte Chemieagenda 2045 der Bundesregierung adressiert diesen Punkt erstmals auf ministerieller Ebene. Eine gemeinsam mit Industrie und Gewerkschaften auszuarbeitende Zukunftsstrategie für Raffinerien ist vorgesehen[1]. Zudem will sich die Bundesregierung für die Neufassung der EU-Energiesteuerrichtlinie einsetzen, um Kraft- und Heizstoffe künftig nach ihrer Klimawirkung statt pauschal besteuern zu können[1]. Doch die Frage ist berechtigt, ob diese Maßnahmen schnell genug greifen — denn die Erosion hat bereits begonnen.
Anatomie eines Verbunds: Warum Raffinerien und Chemie untrennbar sind
Um zu verstehen, warum die Raffinerie-Frage so existenziell ist, muss man die industrielle Logik der Verbundstandorte kennen. Deutsche Chemiestandorte — ob Ludwigshafen, Leuna, Gelsenkirchen oder Köln — sind historisch um Raffinerien herum gewachsen. Raffinerien verarbeiten Rohöl zu Kraftstoffen, aber ein erheblicher Teil der Zwischenprodukte — insbesondere Naphtha — dient als Einsatzstoff für Steamcracker. Diese wiederum produzieren Ethylen, Propylen und andere Grundchemikalien, die Dutzende nachgelagerter Betriebe in unmittelbarer Nachbarschaft verarbeiten.
Dieser Verbund funktioniert, weil er physisch integriert ist: Rohrleitungen verbinden Raffinerie, Cracker und Weiterverarbeiter auf wenigen Quadratkilometern. Transport- und Lagerkosten entfallen. Die Energieeffizienz ist hoch, weil Abwärme und Nebenprodukte im System bleiben. Fällt ein Element aus — etwa eine Raffinerie oder ein Cracker —, gerät das gesamte Netzwerk ins Wanken.
Fallbeispiel Mitteldeutschland: Der Dow-Rückzug und seine Folgen
Wie real diese Gefahr ist, zeigt das mitteldeutsche Chemiedreieck. Der US-Konzern Dow hat im Jahr 2025 angekündigt, seinen Steamcracker in Böhlen (Sachsen) und verbundene Anlagen in Schkopau (Sachsen-Anhalt) zu schließen[2]. Die Stilllegung soll Mitte 2026 beginnen und voraussichtlich bis Ende 2027 abgeschlossen sein[2].
Der Cracker in Böhlen verarbeitet Naphtha aus der TotalEnergies-Raffinerie in Leuna zu Ethylen und Propylen — Grundstoffe, die für die Kunststoff- und Chemieproduktion der gesamten Region unverzichtbar sind. Mit der Schließung verliert die Raffinerie in Leuna einen Hauptabnehmer für ihre Naphtha-Produktion. Gleichzeitig verlieren nachgelagerte Betriebe ihre Versorgung mit Grundchemikalien.
Die Industrie- und Handelskammer Halle-Dessau bezeichnete den Cracker als „Kernstück des Stoffverbundes im mitteldeutschen Chemiedreieck" und warnte vor unmittelbaren Folgen für zahlreiche weitere Anlagen und Arbeitsplätze in der Region[3]. Es ist ein Lehrstück darüber, wie der Ausfall eines einzelnen Kettenglieds einen gesamten Industrieverbund destabilisieren kann.
Raffinerieproduktion unter Druck — nicht nur in Mitteldeutschland
Das Dow-Beispiel ist kein Einzelfall. Laut Branchenanalysen sinkt die Raffinerieproduktion in Deutschland ab 2026 um rund 12 Prozent[4], getrieben durch rückläufige Mineralölnachfrage und verschärften internationalen Wettbewerb. Die PCK-Raffinerie in Schwedt — seit dem Wegfall russischer Öllieferungen 2022 ohnehin unter Sonderbedingungen operierend — benötigt weiterhin staatliche Unterstützung zur Beschäftigungssicherung[5].
Zugleich steigen die Kosten: Der Ölpreis liegt seit dem Iran-Konflikt Ende Februar 2026 erstmals seit 2022 wieder über 100 Dollar pro Barrel, Gas hat sich in Europa um rund 45 Prozent verteuert[6]. Für Raffinerien bedeutet das höhere Rohstoffkosten bei gleichzeitig sinkender Auslastung — eine toxische Kombination, die die Wirtschaftlichkeit einzelner Standorte grundsätzlich infrage stellt.
Der en2x – Wirtschaftsverband Fuels und Energie hat in seiner Reaktion auf die Chemieagenda genau diesen Punkt adressiert. Hauptgeschäftsführer Prof. Christian Küchen betonte: „Dort entstehen die Grundprodukte, ohne die die chemische Industrie nicht arbeiten kann"[1]. Seine Forderung an die Politik: Die Raffineriestandorte müssten „als Basis für die Chemie, aber auch als wichtige Energielieferanten" gestärkt werden[1].
Was die Chemieagenda verspricht — und was fehlt
Die Chemieagenda 2045 enthält zur Raffinerie-Frage drei zentrale Ansätze: erstens die Entwicklung einer Zukunftsstrategie für Raffinerien gemeinsam mit Industrie und Gewerkschaften, zweitens die Schaffung geeigneter Rahmenbedingungen in den Absatzmärkten für Raffinerieprodukte, drittens De-Risking-Instrumente für den Markthochlauf kapitalintensiver Technologien[1].
Das sind die richtigen Themen — doch die Reaktionen aus der Branche zeigen, dass der Konkretisierungsgrad nicht ausreicht. Der VCI Baden-Württemberg bewertete die Agenda „verhalten optimistisch". VCI-BW-Vorsitzender Thomas Reith mahnte: „Zeit ist jetzt der entscheidende Faktor. Insbesondere in der Chemieindustrie haben viele Unternehmen schlicht keinen Puffer mehr für weiteres Zuwarten"[7]. In vielen Themenbereichen stehe man noch ganz am Anfang einer Umsetzung[7].
Der en2x-Verband kritisierte zudem die Widersprüchlichkeit der Regierungspolitik: Während die Chemieagenda die Bedeutung der Kohlenwasserstoffwirtschaft anerkenne, plane die Bundesregierung mit dem sogenannten Kraftstoffmaßnahmenpaket Markteingriffe, die nach Einschätzung des Verbands „höchst kontraproduktiv" seien[1]. Küchen wies Vorwürfe der Preistreiberei zurück: „Anstatt die Branche mit ungerechtfertigten Vorwürfen der Preistreiberei zu konfrontieren, sollte die Politik strukturelle Probleme angehen"[1].
Der politische Kontext: VCI drängt auf „Befreiungsschlag"
Dass die Chemiebranche die Geduld verliert, war bereits vor Veröffentlichung der Agenda erkennbar. Am 18. März unterstrich der VCI seine Forderungen mit einer Lichtinstallation im Berliner Regierungsviertel — laut dem Verband das erste Mal in seiner fast 150-jährigen Geschichte[8]. VCI-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Große Entrup sprach von „Zollkonflikten, chinesischen Dumpingpreisen und dem Krieg im Iran" als „toxischem Beschleuniger auf die strukturellen Probleme am Standort"[8].
Seine Forderung nach einem „wirtschaftspolitischen Befreiungsschlag" ist keine Rhetorik um ihrer selbst willen. Die deutsche Chemieindustrie hat seit 2018 rund ein Fünftel ihrer Produktionsleistung verloren — mit rund 2.000 Unternehmen und mehr als 560.000 Beschäftigten ist sie Europas größte ihrer Art[6]. Der parallele Tarifabschluss — eine Nullrunde 2026, moderate Steigerungen erst ab 2027 — zeigt, dass auch die Sozialpartner die Lage als existenziell ernst einschätzen[9].
Investitionsverlagerung: Der stille Abschied
Was in der aktuellen Debatte zu kurz kommt, ist die Frage, wohin die Investitionen wandern, die in Deutschland nicht mehr getätigt werden. BASF — der mit Abstand größte deutsche Chemieproduzent — hat die Prioritäten bereits verschoben. Am Jahreswechsel 2025/2026 startete BASF die Produktion am neuen Verbundstandort in Zhanjiang, Südchina — eine Investition von 8,7 Milliarden Euro[10]. Der Standort ist nach Ludwigshafen und Antwerpen der drittgrößte Verbundstandort des Konzerns weltweit[10].
Die Signalwirkung ist erheblich: Der größte europäische Chemiekonzern baut seine Zukunftskapazitäten nicht in Deutschland, nicht einmal in Europa — sondern in China. Das geschieht nicht aus ideologischen Gründen, sondern weil die Standortbedingungen es erzwingen. Laut einer Deloitte-Studie planen deutsche Finanzvorstände, den Anteil Deutschlands an ihren Investitionsschwerpunkten in den kommenden fünf Jahren deutlich zu reduzieren — getrieben von Energiekosten, regulatorischer Unsicherheit und schwachem Wachstum[11].
Für die Verbundstrukturen hat das eine fatale Dynamik: Jede Investition, die nicht in die Modernisierung deutscher Raffinerien und Cracker fließt, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass diese Anlagen mittelfristig unwirtschaftlich werden und geschlossen werden müssen. Und mit jeder Schließung wird der Verbund kleiner, die verbleibenden Anlagen weniger effizient, die Attraktivität für Folgeinvestitionen geringer.
Der Industriestrompreis: Notwendig, aber nicht hinreichend
Der von der Bundesregierung angekündigte Industriestrompreis — geplant ab 2026, befristet auf drei Jahre, mit einem Zielpreis von rund 5 Cent pro Kilowattstunde für energieintensive Unternehmen[12] — adressiert einen zentralen Kostennachteil. Für Steamcracker und elektrifizierte Prozesse in der Chemieindustrie wäre das eine spürbare Entlastung.
Doch der Strompreis allein löst das Raffinerieproblem nicht. Raffinerien verbrauchen primär Wärmeenergie aus Gas und Öl, nicht Strom. Ihre Herausforderungen sind anderer Natur: sinkende Absatzmengen bei Kraftstoffen durch Elektromobilität, steigende CO₂-Kosten im EU-Emissionshandel, wachsende Konkurrenz durch Mega-Raffinerien in Asien und dem Nahen Osten. Der Industriestrompreis hilft der Chemie — aber für die Raffineriebasis braucht es eine eigenständige Strategie, die die Chemieagenda bislang nur in Umrissen liefert.
Ausblick: Wettlauf gegen die Zeit
Die deutsche Industriepolitik steht bei der Raffinerie-Chemie-Frage vor einem Dilemma. Die Transformation zu klimaneutralen Produktionsprozessen ist notwendig, aber sie erfordert massive Investitionen in Anlagen, die erst in zehn bis fünfzehn Jahren voll operativ sein werden. Gleichzeitig müssen die bestehenden fossilen Verbundstrukturen überlebensfähig bleiben, damit die Branche die Transformationsphase überhaupt erreicht.
Die Chemieagenda 2045 benennt dieses Spannungsfeld. Ob sie es auflösen kann, hängt von drei Faktoren ab:
Erstens vom Tempo. Thomas Reith vom VCI Baden-Württemberg formulierte es schonungslos: „Mit jedem weiteren Tag, der vergeht, verlieren wir wertvolle Industriearbeitsplätze, die so schnell nicht zurückkehren werden"[7]. Die Dow-Schließung in Böhlen zeigt: Unternehmen warten nicht auf politische Strategiepapiere.
Zweitens von der Kohärenz. Solange die Bundesregierung einerseits die Kohlenwasserstoffwirtschaft als strategisch wichtig anerkennt und andererseits mit Marktinterventionen wie dem Kraftstoffmaßnahmenpaket operiert, sendet sie widersprüchliche Signale an Investoren.
Drittens von der europäischen Dimension. Die Neufassung der EU-Energiesteuerrichtlinie, die Zukunft des EU-Emissionshandels und die Handhabung von Carbon-Leakage-Risiken sind keine nationalen Entscheidungen. Deutschlands Raffinerie- und Chemieindustrie konkurriert mit Standorten in den USA, China und dem Nahen Osten, die unter fundamental anderen regulatorischen Bedingungen operieren.
Die nächsten zwölf bis 24 Monate werden zeigen, ob die Chemieagenda 2045 der Beginn einer industriepolitischen Wende ist oder ein weiteres Strategiepapier, das die Realität am Werkstor nicht erreicht. Für die Unternehmen — und für die hunderttausenden Beschäftigten der Branche — ist das keine akademische Frage.
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