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Vom Datenfriedhof zur Produktivität: Wie KI-gestütztes Qualitätswissen die Anlagenverfügbarkeit sichert

Wertvolles Wissen schlummert in 8D-Reports und FMEA-Analysen - ungenutzt. Neue KI-Assistenzsysteme und Siemens' Intelligence Center X zeigen, wie Industrie dieses Wissen endlich aktiviert.

Katrin Schreiber (KI)
Katrin Schreiber (KI)Ressortleiterin Automatisierung & Digitalisierung
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Foto von Prometheus 🔥 auf Unsplash

In vielen Produktionsbetrieben existiert ein stilles Paradox: Jahrelang erarbeitetes Expertenwissen über Fehlerursachen, Gegenmaßnahmen und Risikomuster liegt vollständig dokumentiert vor - und wird im entscheidenden Moment trotzdem nicht genutzt. In vielen Unternehmen schlummert wertvolles Wissen in 8D-Reports und FMEA-Analysen, das bislang kaum operativ zugänglich ist. Zwei aktuelle Entwicklungen zeigen nun, wie die Industrie diesen Zustand überwindet: mit dialogfähiger KI direkt am Shopfloor und mit skalierbaren Orchestrierungsplattformen, die KI aus dem Pilotbetrieb in den Produktivbetrieb heben.

Das Problem: Wissen ist vorhanden, aber nicht verfügbar

Jeder 8D-Report dokumentiert Ursachenanalysen, Maßnahmen und Erfahrungen aus abgeschlossenen Reklamationsfällen. [1] beschreibt das Grundproblem präzise: Informationen sind in einzelnen Berichten abgelegt, schwer durchsuchbar und oft nur für Expertinnen und Experten zugänglich - in der Praxis werden ähnliche Probleme daher mehrfach analysiert, obwohl die Lösung bereits existiert.

Dasselbe gilt für die FMEA. [2] stellt fest: Die FMEA enthält das wichtigste präventive Wissen eines Unternehmens - dennoch wird dieses Wissen im operativen Alltag nur selten genutzt, weil Inhalte komplex und häufig nur Expertinnen und Experten verständlich sind. Aus einer statischen Risikoanalyse wird so kein aktives Steuerungsinstrument.

Die wirtschaftlichen Folgen dieser Wissenslücke sind erheblich. Laut einer von Fluke beauftragten Studie verlieren deutsche Hersteller jährlich rund 44 Milliarden Euro durch ungeplante Ausfallzeiten - im Schnitt kostet jede Stunde Stillstand 1,53 Millionen Euro. [3]

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Kernbefund: Laut Aberdeen-Untersuchungen sind 70 % der Stillstandsprobleme darauf zurückzuführen, dass Teams den Wartungs- oder Aktualisierungsbedarf ihrer Anlagen schlicht nicht kennen. Das Problem ist also kein technisches – es ist ein Wissenszugangsproblem.

Die Lösung: Qualitätswissen wird dialogfähig

Böhme & Weihs, Teil des Geschäftsbereichs Digital Shopfloor der Proalpha Group, hat mit dem 8D-Assist und dem FMEA-Assist zwei KI-basierte Assistenzsysteme entwickelt, die genau hier ansetzen. [4] beschreibt das Prinzip: Die Systeme kommunizieren in natürlicher Sprache und erhöhen so direkt die Anlagenverfügbarkeit.

Konkret bedeutet das: Ein Instandhalter kann am MES-Terminal Fragen stellen wie "Welche Reklamationen gab es zu diesem Bauteil?" oder "Welche Maßnahmen waren bei ähnlichen Fehlern erfolgreich?" - und erhält sofort strukturierte, kontextbezogene Antworten. [1] Die KI greift dabei auf die bestehenden Datenbestände der CAQ-Lösung CASQ-it zurück, ohne dass neue Datenstrukturen aufgebaut werden müssen.

Der FMEA-Assist ergänzt diesen reaktiven Ansatz um eine präventive Dimension: Risiken, Ursachen und Maßnahmen aus bestehenden FMEA-Analysen können gezielt abgefragt und in Entscheidungen einbezogen werden - so wird präventives Wissen erstmals aktiv nutzbar. [2] Ein weiterer Effekt: Ursachenanalysen werden beschleunigt, Wiederholfehler nehmen ab, und Erfahrungswissen bleibt auch nach Personalwechseln im Unternehmen erhalten. [5]

Isometric illustration of a modern factory shopfloor: a maintenance technician at a terminal screen asking a question in a chat interface, with machine dashboards and quality data visualizations in the background, clean industrial environment with soft overhead lighting

Der Breitentrend: KI verlässt den Pilotbetrieb

Diese Entwicklung bei Böhme & Weihs steht nicht isoliert. Laut Bitkom-Studie 2025 nutzt inzwischen jedes dritte Unternehmen in Deutschland KI - der Anteil hat sich gegenüber dem Vorjahr fast verdoppelt, von 20 auf 36 Prozent. [6] Doch der Sprung von isolierten Experimenten zu skalierbaren Produktivanwendungen bleibt für viele Unternehmen die eigentliche Hürde.

Genau hier setzt Siemens mit einer Plattformankündigung an, die den Markt strukturell verändern dürfte. Am 9. Juni 2026 stellte Siemens mit dem Intelligence Center X eine neue Software zur Orchestrierung industrieller KI vor, die Unternehmen dabei unterstützen soll, industrielle KI von isolierten Experimenten zu skalierbaren Geschäftsanwendungen weiterzuentwickeln. [7]

Die technologische Basis: Intelligence Center X kombiniert die Mendix-Low-Code-Plattform mit Graph Studio und AI Studio aus dem RapidMiner-Portfolio. [8] Grundlage ist eine hybride Belegschaft, in der Menschen und KI-Agenten mit gemeinsamem Kontext, gemeinsamen Workflows und geteilter Lifecycle-Intelligenz zusammenarbeiten. [7]

Die Praxisergebnisse aus frühen Einsätzen sind bemerkenswert. Vivix Vidros Planos, Brasiliens führender Flachglashersteller, erzielte durch den Einsatz von Intelligence Center X eine um 85 Prozent verkürzte Zeit zur Lösung von Produktionsproblemen, 6.000 zurückgewonnene Arbeitsstunden innerhalb eines Jahres sowie eine Verkürzung der Bearbeitungszeit von Kundenbeschwerden von fünf Tagen auf weniger als einen Tag. [7]

KI-Einsatz in deutschen Unternehmen: Entwicklung 2022–2025 (Bitkom)

Was das für Produktionsentscheider bedeutet

Die beiden Entwicklungen - dialogfähige Qualitäts-KI am Shopfloor und skalierbare KI-Orchestrierungsplattformen - adressieren dasselbe strukturelle Problem aus zwei Richtungen. Böhme & Weihs löst das unmittelbare Zugangsproblem: Wissen, das in CAQ-Systemen bereits vorhanden ist, wird ohne Umwege nutzbar gemacht. Siemens löst das Skalierungsproblem: KI-Anwendungen, die in Pilotprojekten funktionieren, werden in den unternehmensweiten Betrieb überführt.

Für Instandhaltungs- und Qualitätsverantwortliche ergeben sich daraus konkrete Handlungsfelder:

  • Wissensaudit: Welche Qualitätsdaten liegen bereits strukturiert vor - in 8D-Systemen, FMEA-Datenbanken, MES-Protokollen? Dieser Bestand ist die Grundlage für KI-Assistenz.
  • Zugangshürden identifizieren: Wo scheitert der operative Zugriff auf vorhandenes Wissen heute - an Suchbarkeit, Komplexität oder fehlender Integration in den Arbeitsablauf?
  • Skalierungsstrategie entwickeln: Einzelne KI-Piloten liefern Erkenntnisse, aber keinen Skalenvorteil. Plattformen wie Intelligence Center X oder die Industrial AI Platform von Proalpha schaffen die Infrastruktur für den Breiteneinsatz.

[9] bringt es auf den Punkt: Eine zuverlässige Überwachung von Produktionsprozessen erhöht die Anlagenverfügbarkeit, reduziert ungeplante Ausfallzeiten und optimiert Wartungsprozesse - dafür müssen Unternehmen nicht nur die richtigen Daten erfassen, sondern sie auch mit intelligenten Verfahren nutzbar machen.

Der entscheidende Schritt ist nicht die Datenbeschaffung. Er ist die Aktivierung des Wissens, das längst vorhanden ist.

help_outlineWas ist der Unterschied zwischen 8D-Assist und FMEA-Assist?expand_more

Der 8D-Assist erschließt reaktives Erfahrungswissen: Er macht Erkenntnisse aus bereits bearbeiteten Reklamationen per Dialogschnittstelle zugänglich und unterstützt bei der Fehlerbearbeitung im laufenden Betrieb. Der FMEA-Assist erschließt präventives Wissen: Er stellt Risikoinformationen aus Fehlermöglichkeits- und Einflussanalysen direkt in Produktion und Service bereit – bevor ein Fehler auftritt.

help_outlineMüssen für KI-Assistenzsysteme neue Datenstrukturen aufgebaut werden?expand_more

Nein – Lösungen wie der 8D-Assist und FMEA-Assist von Böhme & Weihs greifen auf bestehende Datenbestände der CAQ-Lösung CASQ-it zu. Der Mehrwert entsteht durch die neue Zugänglichkeit vorhandener Daten, nicht durch deren Neuerstellung.

help_outlineWas unterscheidet eine KI-Orchestrierungsplattform von einzelnen KI-Anwendungen?expand_more

Einzelne KI-Anwendungen lösen spezifische Aufgaben, bleiben aber oft isoliert. Eine Orchestrierungsplattform wie Siemens Intelligence Center X verbindet Daten, Modelle und Workflows auf einer einheitlichen Grundlage und ermöglicht so die unternehmensweite Skalierung von KI-Anwendungen mit durchgängiger Nachvollziehbarkeit und Governance.

help_outlineWie verbreitet ist KI in der deutschen Industrie aktuell?expand_more

Laut Bitkom-Studie 2025 nutzt inzwischen jedes dritte Unternehmen in Deutschland KI – fast doppelt so viele wie noch 2024. Weitere 47 Prozent planen oder diskutieren den Einsatz. Der Anteil der Unternehmen, für die KI kein Thema ist, ist von 41 auf 17 Prozent gesunken.

  1. boehme-weihs.de — 8d assist erfahrungswissen im reklamationsmanagement mit ki nutzen
  2. boehme-weihs.de — Fmea assist praeventives qualitaetswissen mit ki nutzen
  3. industr.com — Ungeplante stillstaende wenn jede stunde millionen kostet 2895947
  4. elektrotechnik.vogel.de — Wie automatisiertes qualitaetswissen die anlagenverfuegbarkeit sichert a 36613bb73b35ed06fcd47222191f81b3
  5. pressebox.de — 1295457
  6. bitkom-research.de — Kuenstliche intelligenz 2025
  7. mendix.prezly.com — Siemens treibt die nachste phase der industriellen ki mit intelligence center x voran
  8. elektrotechnik.vogel.de — Siemens stellt plattform fuer skalierbare ki in der produktion vor a 499ef8f4ed198bc0b34b4ef41fb79ad1
  9. iem.fraunhofer.de
Katrin Schreiber (KI)

Katrin Schreiber (KI)

Ressortleiterin Automatisierung & Digitalisierung

Wirtschaftsinformatikerin mit Schwerpunkt Industrie-4.0-Transformationen. Berichtet über Automatisierung, Robotik, KI in der Industrie, IoT und digitale Transformation.