Die Normen liegen auf dem Tisch. Jetzt müssen Unternehmen liefern.
Anfang Juni 2026 war Brüssel für drei Tage das Zentrum der europäischen DPP-Debatte: Auf der internationalen Fachkonferenz [1] kamen Forschende, Industrievertreter, politische Entscheidungsträger und Normungsexperten aus ganz Europa zusammen - mit einem klaren Ziel: die frisch veröffentlichten Europäischen Technischen Standards für den Digitalen Produktpass (DPP) einer breiten Fachöffentlichkeit vorzustellen und den Weg zur Implementierung zu ebnen.
Das Signal der Konferenz ist eindeutig: Die Phase der Konzepte ist vorbei. Die Standards existieren. Was jetzt fehlt, ist das Leben, das Unternehmen, Verbände und Systemanbieter in sie hineinbringen müssen.
Was der Digitale Produktpass wirklich ist
Bevor es um Standards geht, lohnt eine präzise Definition. Ein Digitaler Produktpass ist die technische Bereitstellung produktspezifischer Daten, die Informationen über die Bestandteile eines Produkts - Komponenten, Materialien und chemische Substanzen - enthalten. Ergänzend dazu kann er [1] umfassen, etwa zur Reparierbarkeit, zu Ersatzteilen oder zur fachgerechten Entsorgung.
Der DPP ist damit kein digitales Etikett und keine PDF-Datei. Er ist ein strukturierter, maschinenlesbarer Datensatz - zugänglich über einen QR-Code oder RFID-Chip, aber in seiner Tiefe weit mehr als ein Zugangspunkt. Die eigentliche Herausforderung liegt in der dahinterliegenden Informationslogik: Wer pflegt welche Daten? In welchem Format? Und wie gelangen sie verlässlich entlang der gesamten Lieferkette?
Der DPP ist kein reines IT-Projekt. Er erfordert die Zusammenarbeit von Produktmanagement, Einkauf, Qualitätssicherung, Nachhaltigkeitsabteilung und IT – und beginnt mit einer ehrlichen Bestandsaufnahme vorhandener Produktdaten.
Das Normungsgremium hinter den Standards: JTC 24
Die technische Grundlage für den DPP legt das [2] - das zentrale europäische Normungsgremium für den Digitalen Produktpass. Seit April 2024 wurden über 200 Meetings abgehalten, um die acht beauftragten DPP-Standards zu erarbeiten. Das Ergebnis ist ein kohärentes Gesamtsystem, das technologieneutral und interoperabel angelegt ist.
Prof. Dr.-Ing. Thomas Knothe vom Fraunhofer IPK leitet als Chair das CEN CLC JTC 24 und hat die interoperable Grundstruktur maßgeblich mitentwickelt. Auf der DPP4EU erörterte er gemeinsam mit Martin Schreck (Convenor) und Thomas Rödding (Co-Chair des JTC 24), [2] - unter dem Titel "JTC 24 Standards Applicable for Everyone - Open Source Implementation of Essential Parts".
Die Botschaft dahinter ist strategisch: Offene, interoperable Standards dienen letztendlich Unternehmen wie Verbraucherinnen und Verbrauchern gleichermaßen. Wer jetzt proprietäre Insellösungen baut, riskiert spätere Inkompatibilität - und damit teure Nacharbeit.

Was die Standards konkret regeln
Das Arbeitsprogramm des JTC 24 ist breit angelegt. Die [3] decken unter anderem ab:
- Eindeutige Identifikatoren für Produkte und Assets
- Datenträger und Verknüpfungen zwischen physischem Produkt und digitaler Repräsentation
- Zugriffsrechte, Systemsicherheit und Geschäftsvertraulichkeit
- Interoperabilität auf technischer, semantischer und organisatorischer Ebene
- Datenaustauschprotokolle, Formate und Archivierung
- APIs für das Lebenszyklusmanagement des Produktpasses
Das Ziel: Ein DPP soll systemagnostisch und herstellerunabhängig funktionieren. Die Standardisierungsanforderung der Europäischen Kommission legt ausdrücklich fest, dass der DPP system- und herstellerunabhängig sein soll. Jede Software, jedes System soll gemäß diesen Standards integrierbar sein - [4].
Auf der Konferenz wurden in der Session "Solutions for Challenges" konkrete Implementierungen gezeigt: [1]. Die Session zeigte exemplarisch, wie die JTC-24-Standards in der Praxis umgesetzt werden können.
Der Zeitplan: Welche Branchen wann betroffen sind
Der regulatorische Rahmen ist die [5], die am 18. Juli 2024 in Kraft getreten ist. Sie schreibt den DPP schrittweise für verschiedene Produktkategorien vor.
| Produktkategorie | Zeitplan | Datenschwerpunkt |
|---|---|---|
| Industrielle Batterien & Traktionsbatterien | Ab Februar 2027 | Kapazität, CO₂-Fußabdruck, Recyclinganteil, Zusammensetzung |
| Textilien | Folgeproduktgruppe | Materialzusammensetzung, Lieferkettenbedingungen, Recyclingfähigkeit |
| Elektronikgeräte, Möbel, Baumaterialien | Weitere delegierte Rechtsakte ab 2028 | Produktspezifisch je Rechtsakt |
| Aluminium, Eisen, Stahl (Zwischenprodukte) | Priorisierte Einführung | Materialherkunft, Verarbeitungsdaten |
Nach Veröffentlichung der jeweiligen delegierten Rechtsakte haben Unternehmen 18 Monate Zeit, den DPP umzusetzen. Das klingt nach ausreichend Vorlauf - ist es aber nur, wenn die Datenhausaufgaben bereits gemacht sind.
Open Source als strategische Entscheidung
Ein zentrales Thema der DPP4EU war die Frage der Implementierungsstrategie. Das Fraunhofer IPK verfolgt dabei einen konsequent offenen Ansatz: Test- und Referenzsysteme werden als Open Source bereitgestellt - eine bewusste strategische Entscheidung.
Parallel dazu hat die OPC Foundation im März 2026 eine Liaison-Vereinbarung mit CEN und CENELEC geschlossen. [6]. OPC UA soll dabei als offene Referenzimplementierung dienen - von der Shopfloor-Integration bis zur Cloud-Anbindung.
Das Fraunhofer IPK denkt noch weiter: [2]. Dafür engagiert sich Thomas Knothe auch im Aufbau der globalen Standardisierung unter dem Dach von ISO und IEC - denn ein DPP entfaltet seine volle Wirkung nur, wenn er grenzüberschreitend funktioniert.
Vom Compliance-Instrument zum Business Enabler
Die eigentliche Botschaft der DPP4EU 2026 ist keine regulatorische, sondern eine strategische: Wer den DPP nur als Pflichtübung begreift, verschenkt Potenzial. Bei aktuell rund 14 Millionen in Deutschland energetisch zu sanierenden Häusern entwickelt das Fraunhofer IPK beispielsweise eine KI-basierte DPP-Lösung zur Sanierung von Elektroinstallationen in Gebäuden. Handwerksunternehmen sollen damit bereits im Vorfeld der Arbeiten einen effizienten, sicheren und nachhaltigen Sanierungsansatz wählen können - [1].
Bis zu sechs Millionen europäische Unternehmen könnten künftig verpflichtet sein, Digitale Produktpässe bereitzustellen. Für die deutsche Industrie bedeutet das: Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wie schnell und wie gut.
Was Unternehmen jetzt tun sollten
Die Standards sind veröffentlicht, die ersten Fristen rücken näher. Wer jetzt handelt, hat einen Vorsprung. Wer wartet, riskiert, unter regulatorischem Druck teure Schnellschüsse zu produzieren.
Welche DPP-relevanten Daten existieren bereits – in ERP, PLM, Excel oder PDF? Wo sind die Lücken? Eine ehrliche Gap-Analyse ist der erste Schritt.
Welche Produkte fallen unter welche delegierten Rechtsakte? Batterien haben die härteste Frist (Februar 2027). Textilien und Elektronik folgen.
Strukturierte, maschinenlesbare Daten sind die Grundvoraussetzung. Bestehende Systeme (ERP, PIM) müssen auf DPP-Anforderungen ausgerichtet werden.
Das Fraunhofer IPK und die OPC Foundation stellen offene Test- und Referenzsysteme bereit. Frühzeitiges Testen spart spätere Integrationskosten.
Der DPP funktioniert nur, wenn Daten aus der gesamten Lieferkette fließen. Lieferanten und Partner müssen frühzeitig eingebunden werden.
Die Standards für den Digitalen Produktpass sind da. Jetzt liegt es an der Industrie, sie mit Leben zu füllen - nicht weil Brüssel es verlangt, sondern weil es sich rechnet.
- ipk.fraunhofer.de
- elektrotechnik.vogel.de — Digitaler produktpass eu standards open source fraunhofer ipk a e9760bff7da1865c454a419cae83237a
- wiot-group.com — Otto handle cen cenelec on eu digital product passport
- opcfoundation.org — Opc foundation and cen cenelec strengthen cooperation on digital product passport standardization
- ipk.fraunhofer.de
- cencenelec.eu — 2026 02 24 opcf liaison agreement





