Am 19. August 2026 wäre Dorothee Bürkert 100 Jahre alt geworden[1] - eine Frau, die in keiner Unternehmenschronik als Gründerin steht, ohne die das Ingelfinger Unternehmen Bürkert Fluid Control Systems aber vermutlich nicht existieren würde. Ihr Beitrag war kein spektakulärer Aufbau, sondern etwas Selteneres: das Bewahren und Weiterentwickeln eines Werks unter extremem Druck, gefolgt von einer Entscheidung, die das Unternehmen dauerhaft vor Zerschlagung und Kapitalinteressen schützte.
Das ist kein Jubiläumsartikel im üblichen Sinne. Es ist eine Einordnung - was Dorothee Bürkerts Handeln für die Struktur eines deutschen Mittelständlers bedeutete, und warum das Modell, das sie schuf, heute aktueller ist denn je.
1971: Der Moment, der alles veränderte
Christian Bürkert starb 1971 bei einem Flugzeugabsturz - nach 25 Jahren als Unternehmenslenker, nach dem Aufbau eines Betriebs, der aus einer elektrotechnischen Werkstatt auf einem Bauernhof bei Ingelfingen zu einem international agierenden Industrieunternehmen geworden war. Er leitete für 25 Jahre die Geschicke der Firma, bis sein tödlicher Flugzeugabsturz 1971 sein Lebenswerk in Frage stellte.
Was folgte, war eine klassische Unternehmenskrise: kein Nachfolger, kein Plan, ein Betrieb mitten in der Wachstumsphase. Seine Frau Dorothee Bürkert übernahm die Geschäftsführung und leitete gemeinsam mit Gerhard Hettinger bis 2004 das Unternehmen ihres Mannes weiter. Das ist, nüchtern betrachtet, eine Führungsverantwortung von mehr als drei Jahrzehnten - in einer Branche, die technisches Fachwissen, Kundennähe und Investitionsbereitschaft gleichzeitig verlangt.
Dorothee Bürkert (1926–2012) übernahm nach dem Tod ihres Mannes 1971 die Gesellschafterrolle und prägte das Unternehmen über vier Jahrzehnte. Operativ war sie nicht tätig — ihre Wirkung lag in der Eigentümerstruktur und im Stiftungsmodell, das sie schuf.
Nicht operativ, aber prägend
Hier ist eine wichtige Unterscheidung zu treffen, die in Nachrufen oft verwischt wird. Operativ war Dorothee Bürkert nie tätig gewesen. Und doch war die Frau von Firmengründer Christian Bürkert der Garant dafür, dass das gleichnamige Unternehmen mit Sitz in Ingelfingen in seiner Kultur bis heute erhalten geblieben ist.
"Tante Dorle hat das Unternehmen vier Jahrzehnte geprägt", sagt Großnichte Mariana Dierolf. Das klingt nach Familiensentiment - ist aber eine präzise Beschreibung einer Eigentümerfunktion, die im deutschen Mittelstand häufig unterschätzt wird. Wer die Anteile hält und entscheidet, wie mit ihnen umgegangen wird, prägt das Unternehmen strukturell tiefer als jeder operative Manager.
"Dorothee Bürkert war das soziale Gewissen des Unternehmens." Dieser Satz, der aus dem Umfeld der Stiftung stammt, beschreibt eine Funktion, die in börsennotierten Unternehmen schlicht nicht existiert: die Eigentümerin als moralische Instanz, die Wachstum und Gemeinwohl nicht als Gegensätze behandelt.
Die Stiftungsentscheidung: Strukturpolitik im Kleinen
Der entscheidende Schritt war nicht die Unternehmensführung, sondern die Stiftungsgründung. Nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes im Jahr 1971 war es Dorothee Bürkert wichtig, dass die in ihrem Eigentum befindliche Unternehmensbeteiligung dauerhaft der Zukunft der Bürkert-Gruppe dient und die ausgeschütteten Erträge der Allgemeinheit zugutekommen. Dorothee Bürkert, die als Gesellschafterin die Entwicklung der Bürkert Gruppe über vier Jahrzehnte maßgeblich geprägt hat, errichtete mit diesem Ziel bereits 1978 die Christian Bürkert Stiftung in der Rechtsform einer gemeinnützigen GmbH.
1978 gründete Dorothee Bürkert die Christian Bürkert Stiftung, um die Unternehmensbeteiligung dauerhaft gemeinnützig zu binden. Testamentarisch hatte sie dieser Stiftung ihre gesamte Unternehmensbeteiligung mit ihrem Tod im Jahr 2012 vermacht.
Das ist keine Philanthropie am Rande. Das ist eine Eigentumsarchitektur, die das Unternehmen aus dem Zugriff von Erbstreitigkeiten, Finanzinvestoren und Zerschlagungsszenarien heraushält - dauerhaft und rechtsverbindlich. Später brachte sie ihre Anteile am Firmenkapital in die Stiftung ein, um Erträge gemeinnützigen Zwecken zuzuführen und die Bürkert Gruppe als Ganzes zu erhalten.
Photo: Mr Xerty / UnsplashWas das Modell heute leistet
Das Unternehmen, das Dorothee Bürkert durch ihre Entscheidungen stabilisierte, ist heute ein handfester Industriebetrieb. 2023 beschäftigte das Unternehmen 3.812 Mitarbeiter und erzielte einen Umsatz von insgesamt 710,7 Millionen Euro. Seine Produkte kommen in Branchen wie der chemischen Industrie, der Lebensmittelindustrie, der Pharmaindustrie und der Wasseraufbereitung zum Einsatz.
Die Stiftung, die Dorothee Bürkert 1978 errichtete, fördert heute Bildung, Wissenschaft und soziale Projekte in der Region. 2022 wurden 91 Stipendien an zwölf Schulen, Hochschulen und Universitäten in Deutschland vergeben. Das Fördervolumen für diese Schüler und Studenten lag bei 128.000 Euro.
Und das Modell wird weiterentwickelt: Mit Blick auf die Zukunft und dem Ziel, die Stiftungsorganisation bei Bürkert weiterzuentwickeln, haben die Kuratoren der Christian Bürkert Stiftung gGmbH im vergangenen Jahr die gemeinnützige "Christian und Dorothee Bürkert Stiftung" mit Sitz in Ingelfingen errichtet. Die neue Stiftung wurde vom Regierungspräsidium Stuttgart im Oktober 2024 als rechtsfähige Stiftung bürgerlichen Rechts anerkannt.
Der neue Name ist mehr als Symbolik. Nach dem Tod von Firmengründer Christian Bürkert hat seine Frau Dorothee das gleichnamige Unternehmen vier Jahrzehnte lang geprägt. Ihr Wirken würdigt nun der neue Name der Bürkert-Stiftung. Die Christian Bürkert Stiftung hat ihre Beteiligung an der Unternehmensgruppe Bürkert auf die neu errichtete "Christian und Dorothee Bürkert Stiftung" übertragen. Damit befinden sich die Anteile an der Unternehmensgruppe - wie bisher - im Eigentum einer gemeinnützigen Stiftung.
Was bleibt
Dorothee Bürkert ist 2012 gestorben. Ihr 100. Geburtstag fällt in eine Zeit, in der die Debatte über Eigentümerstrukturen im deutschen Mittelstand neu geführt wird - angesichts von Nachfolgelücken, Private-Equity-Übernahmen und dem Druck auf familiengeführte Betriebe, Kapital zu mobilisieren.
Das Bürkert-Modell zeigt, was eine einzige Eigentümerentscheidung bewirken kann: Ein Unternehmen, das 1971 hätte verkauft, zerschlagen oder durch Erbstreitigkeiten geschwächt werden können, ist heute ein globaler Mittelständler mit stabiler Eigentümerstruktur, regionaler Verwurzelung und einem Stiftungsmodell, das Gewinne in die Allgemeinheit zurückführt.
Das ist kein Zufall. Das ist das Ergebnis einer Entscheidung, die Dorothee Bürkert vor fast 50 Jahren traf - nüchtern, langfristig, ohne Öffentlichkeit.





