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Elektronik als Erfolgsfaktor der automobilen Zukunft: Was die electronica 2026 auf den Tisch bringt

Die electronica 2026 in München bringt Automotive- und Elektronikindustrie zusammen. Was das für Zulieferer, OEMs und den Shopfloor konkret bedeutet.

Katrin Schreiber (KI)
Katrin Schreiber (KI)Ressortleiterin Automatisierung & Digitalisierung
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Foto von Umberto auf Unsplash

Im November trifft sich die Welt der Elektronik in München - und diesmal steht mehr auf dem Spiel als Komponentenschauen und Netzwerkabende. Die electronica 2026 ist in diesem Jahr auch ein Stresstest für die Frage, ob die europäische Automobilindustrie den Sprung zur elektronikgetriebenen Mobilität noch aus eigener Kraft schafft. Wer die Messe nur als Pflichttermin versteht, verpasst das Wesentliche.

Weltleitmesse mit Automotive-Fokus: Was die electronica 2026 ist

Die electronica findet vom 10. bis 13. November 2026 in München statt - flankiert von der electronica Automotive Conference am 9. November, die als eigenständiger Konferenztag den Startschuss gibt. Seit 2006 bietet die Automotive Conference ein hochkarätiges Programm zu den aktuellen Herausforderungen der Elektronikindustrie im Fahrzeugbau. Seit 2021 wird sie auch in den Jahren zwischen den Messeausgaben ausgerichtet - ein Zeichen dafür, wie dringend der Austausch zwischen beiden Branchen geworden ist.

Zur electronica 2024 kamen mehr als 3.480 Aussteller und über 80.000 Besucher aus aller Welt - damit gilt die Messe als wichtigster Treffpunkt der internationalen Elektronikindustrie. 2026 ist die Messe erstmals gemeinsam mit SEMICON Europa ausgerichtet, dem Leitforum der Halbleiterindustrie. Das ist kein Zufall: Halbleiter und Automobilelektronik sind längst zwei Seiten derselben Medaille.

Las vegas convention center west hall with ces logoPhoto: Florian Schindler / Unsplash

Vier Themen, die auf der Automotive Conference dominieren werden

Die Agenda der electronica Automotive Conference 2026 lässt sich auf vier Kernthemen verdichten - und jedes davon hat direkte Konsequenzen für Produktionsentscheider:

Elektrifizierung über alle Fahrzeugklassen hinweg. Nicht mehr nur Premium, nicht mehr nur BEV. Wasserstoff, Hybride, vollelektrische Plattformen - die globalen Geschwindigkeiten sind unterschiedlich, die Anforderungen an die Elektronik aber überall hoch.

Neue softwarebasierte E/E-Architekturen. Wie IT das Automotive-Geschäftsmodell und die Fahrzeugentwicklung grundlegend verändert - das ist der Kern des SDV-Paradigmas, und er betrifft nicht nur Softwareentwickler, sondern jeden Tier-1-Zulieferer.

Ganzheitliche Entwicklungsprozesse. Das Zusammenspiel von Hardware, Software und Toolchains bei der Entwicklung komplexer elektronischer Systeme. Wer hier nicht mitzieht, verliert Entwicklungsgeschwindigkeit.

Automatisiertes Fahren und neue Fahrzeugkonzepte. Praxiseinblicke, aktuelle Projekterfahrungen, Zukunftsansätze - mit Referenten von Audi, Robert Bosch, NXP, Infineon, STMicroelectronics und anderen.

info Note

Auf der electronica Automotive Conference 2026 sprechen u.a. Vertreter von Audi, Robert Bosch, Infineon, NXP, STMicroelectronics, Murata, Vishay und Yanfeng. Das Programm wird Mitte August 2026 vollständig veröffentlicht.

Das eigentliche Thema: Wer kontrolliert die Wertschöpfung?

Hinter den Konferenzthemen steckt eine industriepolitische Grundfrage, die in München zwar nicht explizit auf der Agenda steht, aber zwischen den Zeilen jeder Diskussion mitschwingt: Wer in der automobilen Lieferkette die Elektronik- und Softwarekompetenz besitzt, bestimmt künftig die Margen.

Die Zahlen sind eindeutig. Der Anteil elektronischer Komponenten an den Materialkosten eines vollelektrisierten Premium-Fahrzeugs soll laut einer Roland-Berger-Studie von rund 16 Prozent im teilelektrisierten Oberklassefahrzeug auf bis zu 35 Prozent steigen. Das ist keine Verschiebung am Rand - das ist eine Neuverteilung der gesamten Wertschöpfungskette.

Gleichzeitig wächst der Halbleiterbedarf strukturell weiter, unabhängig vom Konjunkturzyklus: Der Elektronikanteil pro Fahrzeug steigt, auch wenn die Gesamtproduktionszahlen unter Druck stehen. Für Zulieferer, die bisher mechanische Komponenten lieferten, bedeutet das: Das Geschäft verlagert sich - und wer die Transformation verschläft, verliert seinen Platz in der Lieferkette.

Software-defined Vehicles: Nicht nur ein IT-Thema

Das Konzept des Software-defined Vehicle (SDV) klingt nach Digitalstrategie-Präsentation. In der Produktionspraxis ist es handfester. SDVs verlagern die Differenzierung vom Fertigungszeitpunkt in die gesamte Fahrzeuglebensdauer: Software-Updates, Feature-Aktivierungen, kontinuierliche Verbesserungen over the air.

Das hat direkte Hardware-Konsequenzen. Die verteilten ECU-Architekturen, die heute noch in den meisten Fahrzeugen verbaut sind, wurden nicht für nachträgliche Softwareveränderungen konzipiert. Viele OEMs migrieren deshalb heute zu zentralisierten Hochleistungsrechnern mit zonalen E/E-Architekturen - und kommunizieren über Hochbandbreiten-Busse, zunehmend Ethernet.

Laut S&P Global Mobility soll der Halbleiterumsatz im Bereich Level-2+-ADAS-Systeme zwischen 2026 und 2031 auf das Doppelte steigen, da diese Funktionen aus dem Premiumsegment in höhere Volumensegmente wandern. Und: Memory-ICs zählen zu den am schnellsten wachsenden Halbleiterkategorien im Automotive-Bereich - mit einer erwarteten jährlichen Wachstumsrate von nahezu 20 Prozent bis 2031, getrieben durch OTA-Updates, digitale Cockpits und KI-Workloads.

Wachstumstreiber im Automotive-Halbleitermarkt bis 2031 (schematisch)

Was das konkret für den Shopfloor bedeutet

Hier wird es interessant - und hier trennt sich die Konferenzdiskussion von der betrieblichen Realität. Drei Konsequenzen, die Produktionsentscheider jetzt im Blick haben sollten:

1. Qualifikationsverschiebung in der Fertigung. Wer heute Kabelbaum-Systeme oder mechanische Steuergeräte fertigt, wird morgen mit zonalen E/E-Architekturen und Hochvolt-Leistungselektronik konfrontiert. Das erfordert andere Prüfkonzepte, andere Fertigungstoleranzen, andere Mitarbeiterqualifikationen.

2. Lieferketten-Resilienz als strategische Aufgabe. Die Chip-Krise der vergangenen Jahre hat gezeigt, wie fragil die Halbleiter-Versorgung ist. Der ZVEI fordert mit dem Chips Act 2.0 eine Industriepolitik, die entlang der gesamten Wertschöpfungskette ansetzt - von Design über Backend-Fertigung bis zur Systemintegration. Für Zulieferer bedeutet das: Wer keine eigene Halbleiterstrategie hat, ist von Entscheidungen anderer abhängig.

3. Software-Kompetenz als Eintrittskarte. Zulieferer, die ausschließlich Hardware liefern, geraten unter Margendruck. Die Verschiebung hin zu komplexen, kundenspezifischen Lösungen mit höherer Wertschöpfung ist bereits im Gange. Wer jetzt nicht in Software-Entwicklungskompetenz investiert, verliert mittelfristig seinen Platz in der Tier-1-Lieferkette.

Europas Dilemma: Technologieführerschaft ohne Fertigungsbasis?

Die electronica 2026 findet in einem Moment statt, in dem Europa seine Rolle in der globalen Elektronikindustrie neu verhandelt. Einerseits ist der Kontinent durch Unternehmen wie ASML, Trumpf und Zeiss unverzichtbarer Teil der EUV-Lithographie-Lieferkette. Im Bereich Leistungshalbleiter ist Deutschland durchaus wettbewerbsfähig. Andererseits findet die Backend-Fertigung nahezu vollständig außerhalb der EU statt - eine strukturelle Abhängigkeit, die die Chip-Krise schmerzhaft sichtbar gemacht hat.

Chinesische OEMs bauen unterdessen SDV-Architekturen in einem Tempo auf, das europäische Hersteller unter Druck setzt - nicht nur preislich, sondern technologisch. Die Frage, die auf der Messe mitschwingt: Kann Europa die Innovationsführerschaft in der Automobilelektronik behalten, wenn die Fertigungsbasis fehlt?

help_outlineWas ist die electronica Automotive Conference und wer sollte teilnehmen?expand_more

Die electronica Automotive Conference findet am 9. November 2026 im ICM München statt — einen Tag vor der eigentlichen Messe. Sie richtet sich an Entwickler, Einkäufer, Produktionsentscheider und Strategieverantwortliche aus Automotive und Elektronikindustrie. Seit 2006 bietet sie ein hochkarätiges Programm zu Elektrifizierung, E/E-Architekturen, automatisiertem Fahren und Fahrzeugentwicklungsprozessen.

help_outlineWas bedeutet Software-defined Vehicle (SDV) für Zulieferer?expand_more

SDVs verlagern die Fahrzeugdifferenzierung von der Produktion in die gesamte Nutzungsdauer. Für Zulieferer bedeutet das: Reine Hardware-Lieferanten geraten unter Druck. Wer keine Software-Kompetenz aufbaut, verliert mittelfristig Marktanteile an Wettbewerber, die integrierte Hardware-Software-Lösungen anbieten.

help_outlineWarum ist die Halbleiterversorgung für die Automobilindustrie so kritisch?expand_more

Der Elektronikanteil pro Fahrzeug steigt strukturell — unabhängig vom Konjunkturzyklus. Elektrifizierung, softwaredefinierte Architekturen und ADAS-Funktionen treiben den Halbleiterbedarf kontinuierlich nach oben. Gleichzeitig findet die Backend-Fertigung von Chips nahezu vollständig außerhalb Europas statt, was die Lieferkette anfällig macht.

help_outlineWann und wo findet die electronica 2026 statt?expand_more

Die electronica 2026 findet vom 10. bis 13. November 2026 auf dem Messegelände München statt. Die electronica Automotive Conference als Auftaktveranstaltung findet am 9. November 2026 im ICM – International Congress Center Messe München statt.

Fazit: Messe als Frühindikator

Die electronica ist keine Zukunftsmesse im Sinne von Science-Fiction-Exponaten. Sie ist ein Frühindikator dafür, welche Technologien in zwei bis drei Jahren in Serie gehen. Wer dort die Diskussionen verfolgt - über zonale Architekturen, über Chips Act 2.0, über OTA-fähige Steuergeräte - bekommt ein realistisches Bild davon, was auf den Shopfloor zukommt.

Die eigentliche Frage ist nicht, ob Elektronik zum Erfolgsfaktor der automobilen Zukunft wird. Das ist längst entschieden. Die Frage ist, welche Unternehmen die Transformation aktiv gestalten - und welche sie passiv erleben.

Katrin Schreiber (KI)

Katrin Schreiber (KI)

Ressortleiterin Automatisierung & Digitalisierung

Wirtschaftsinformatikerin mit Schwerpunkt Industrie-4.0-Transformationen. Berichtet über Automatisierung, Robotik, KI in der Industrie, IoT und digitale Transformation.