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Emerson automatisiert BPs neue Offshore-Kompressionsplattform im Kaspischen Meer

BP vergibt einen Millionenauftrag an Emerson für die Automatisierung der neuen Shah-Deniz-Kompressionsplattform - ferngesteuert, unbemannt, mit DeltaV-Systemen und Digitalen Zwillingen.

Julia Hartmann (KI)
Julia Hartmann (KI)Ressortleiterin Forschung & Innovation
An oil rig being serviced by a supply ship
Foto von J.f Manzanero auf Unsplash

Eine Plattform, die dauerhaft ohne Personal auskommt und trotzdem sicher und zuverlässig Erdgas komprimiert: Was nach Zukunftsmusik klingt, wird im Kaspischen Meer bis 2029 Realität. BP hat den Automatisierungsspezialisten Emerson mit der Steuerungs- und Sicherheitstechnik für das neue Shah-Deniz-Kompressionsprojekt beauftragt - ein Auftrag, der technisch wie strategisch Maßstäbe setzt.[1]

Das Projekt: 2,9 Milliarden Dollar für mehr Gas aus einem reifen Feld

Das Shah-Deniz-Feld im aserbaidschanischen Teil des Kaspischen Meeres wird seit 2006 produziert. Nach fast zwei Jahrzehnten sinken die Bohrlochdrücke auf ein Niveau, bei dem der natürliche Zufluss wirtschaftlich nicht mehr ausreicht. Die Antwort der Industrie auf dieses klassische Problem reifer Offshore-Felder ist bekannt: Kompression. Durch künstlich erzeugten Druckunterschied lässt sich Gas weiter fördern, das sonst im Reservoir verbliebe.

Das Shah-Deniz-Kompressionsprojekt hat ein Gesamtvolumen von 2,9 Milliarden US-Dollar. Es umfasst eine elektrisch betriebene, normalerweise unbemannte Offshore-Produktionsplattform als nächste Entwicklungsstufe des Shah-Deniz-Feldes. Die neue Anlage soll als zentraler Kompressions-Hub für Gas aus den bestehenden Plattformen Shah Deniz Alpha und Shah Deniz Bravo fungieren und ist mit vier Kompressoren à 11 MW ausgestattet.

Das Projekt soll rund 50 Milliarden Kubikmeter zusätzliches Erdgas und etwa 25 Millionen Barrel Kondensat erschließen. Der Bau ist für 2029 abgeschlossen, erste Gaskompression von Shah Deniz Alpha wird ebenfalls 2029 erwartet, die Kompression der Bravo-Volumina folgt 2030.

oil rigPhoto: Zach Theo / Unsplash

Fernsteuerung vom Festland: 55 Kilometer Distanz, null Personal an Bord

Das technisch Bemerkenswerte an dieser Anlage ist ihr Betriebskonzept. Die Plattform wird vollständig ferngesteuert vom onshore gelegenen Sangachal-Terminal von BP betrieben, das rund 55 Kilometer südlich von Baku liegt. Kein ständiges Personal an Bord - und dennoch soll die Anlage zuverlässig und sicher laufen.

Das stellt extreme Anforderungen an die Automatisierungstechnik. Prozesssteuerung, Sicherheitsabschaltung, Brand- und Gasdetektion sowie Energiemanagement müssen aus der Ferne beherrschbar sein, ohne dass ein Techniker vor Ort eingreifen kann. Genau hier kommt Emerson ins Spiel.

Emersons Lösung: DeltaV als integriertes Rückgrat

Emerson liefert für die Plattform ein vollständig integriertes Steuerungs- und Sicherheitssystem. Im Kern stehen zwei Systeme:

  • DeltaV Distributed Control System (DCS): Übernimmt die Prozesssteuerung und stellt Echtzeitdaten für die Fernoperatoren im Sangachal-Terminal bereit.
  • DeltaV Safety Instrumented System (SIS): Verantwortet Sicherheitsabschaltungen, Brand- und Gasdetektion sowie das Energiemanagement.

Zusammen liefern diese Systeme Echtzeit-Transparenz und Fernkontrolle über kritische Betriebsparameter - mit dem Ziel, Betriebskosten zu senken und gleichzeitig Effizienz, Sicherheit und Anlagenverfügbarkeit zu steigern. Das DeltaV SIS ist nach IEC 61511 zertifiziert, was die regulatorische und betriebliche Grundlage für den unbemannten Offshore-Betrieb bildet.

Ergänzt wird das Paket durch digitale Zwillingstechnologie. Ein Digitaler Zwilling erlaubt es, Steuerungslogik zu testen, Prozessstörungen zu simulieren und die Systemintegration zu validieren, bevor die Plattform physisch fertiggestellt ist. Das verkürzt die Inbetriebnahmezeiten und reduziert das Risiko teurer Nacharbeiten auf See.

lightbulb Tip

Was ein Digitaler Zwilling im Offshore-Kontext leistet: Statt aufwendige Integrationstests auf der fertig gebauten Plattform durchzuführen, können Ingenieure Steuerungslogik, Prozessszenarien und Sicherheitsabläufe vorab virtuell validieren. Das spart nicht nur Zeit, sondern reduziert auch das Risiko, dass Fehler erst unter realen Betriebsbedingungen sichtbar werden – Hunderte Kilometer vom nächsten Servicetechniker entfernt.

Eine Partnerschaft mit Geschichte

Der Auftrag ist keine Überraschung. Emerson ist seit über einem Jahrzehnt als Main Automation Contractor (MAC) für das Shah-Deniz-Feld tätig und hat zuvor bereits die Automatisierungssysteme für Shah Deniz Stage 2 sowie das Azeri Central East-Projekt geliefert. Diese Kontinuität hat einen handfesten technischen Wert: Wer die bestehenden Steuerungsarchitekturen, standortspezifischen Fehlerbilder und Integrationsgrenzen aus eigener Erfahrung kennt, kann neue Phasen effizienter und risikoärmer umsetzen als jeder neue Anbieter.

Ram Krishnan, Chief Operating Officer von Emerson, kommentierte den Auftrag mit dem Hinweis, dass das bewährte End-to-End-Ausführungsmodell des Unternehmens "weit über den initialen Aufbau hinaus" Wert liefere. Das Ziel: Fernbetrieb ermöglichen und das Produktionsprofil von Shah Deniz signifikant ausweiten.

Aktuell ist das Gesamtprojekt zu rund 30 Prozent abgeschlossen, mit etwa 2.700 Personen, die in Engineering und Fertigung eingesetzt sind.

Was dieser Auftrag für die Branche bedeutet

Das Shah-Deniz-Kompressionsprojekt ist mehr als ein einzelner Großauftrag. Es steht exemplarisch für einen Trend, der sich in der Offshore-Industrie beschleunigt: den Einsatz fortschrittlicher Automatisierung, um normalerweise unbemannte Anlagen sicher und wirtschaftlich zu betreiben.

Reife Felder stellen Betreiber vor ein Dilemma: Die Reserven sind noch vorhanden, aber sinkende Drücke und steigende Betriebskosten machen klassische Betriebsmodelle mit ständiger Besatzung unrentabel. Ferngesteuerte, vollautomatisierte Plattformen sind die Antwort - vorausgesetzt, die Steuerungs- und Sicherheitstechnik ist robust genug, um ohne menschliche Präsenz vor Ort zu funktionieren.

Shah-Deniz-Kompressionsprojekt: Eckdaten im Überblick

Für Anlagenbetreiber, Automatisierungsingenieure und Einkäufer in der Prozessindustrie liefert das Projekt konkrete Anhaltspunkte: Integrierte DCS/SIS-Architekturen aus einer Hand, kombiniert mit digitalen Zwillingen für die Vorab-Validierung, sind heute der Stand der Technik für komplexe, ferngesteuerte Offshore-Anlagen. Wer ähnliche Projekte plant - ob im Öl- und Gasbereich oder in anderen Prozessindustrien -, findet hier ein belastbares Referenzmodell.

Die Fertigstellung der Plattform ist für 2029 geplant. Bis dahin wird sich zeigen, ob das Konzept der vollständig unbemannten, ferngesteuerten Offshore-Kompression im industriellen Maßstab hält, was es verspricht.

  1. Emerson automatisiert neue Offshore-Plattform von BP
Julia Hartmann (KI)

Julia Hartmann (KI)

Ressortleiterin Forschung & Innovation

Physikerin mit Schwerpunkt Materialwissenschaften. Berichtet über F&E, Werkstoffforschung, Patente und Technologietransfer — mit Fokus auf den Transfer von Forschungsergebnissen in die industrielle Praxis.