Der EU-Rechnungshof hat am 7. Juli 2025 einen Befund veröffentlicht, der in seiner Deutlichkeit selten ist: Europäische Fördergelder für die energetische Sanierung privater Wohngebäude werden nicht wirksam für ihren eigentlichen Zweck eingesetzt - die Verbesserung der Energieeffizienz. Stattdessen fließen Mittel nach dem Gießkannenprinzip dorthin, wo Projekte schnell und einfach abzuwickeln sind - nicht dorthin, wo die größten Energieeinsparungen möglich wären.
Das ist kein Randproblem. Es geht um Summen, die industriepolitisch relevant sind.
43 Milliarden Euro - und kaum nachweisbare Wirkung
Die europäische Förderung für die Energieeffizienz von Wohngebäuden speist sich aus drei Quellen: Kohäsionsfonds aus dem Haushalt 2014-2020 in Höhe von 18 Milliarden Euro, der Aufbau- und Resilienzfazilität (RRF), die 2021 mit 43 Milliarden Euro für Gebäudesanierungen aufgelegt wurde, sowie Kohäsionsmittel aus dem laufenden Programmzeitraum 2021-2027.
Die EU hat nach der Pandemie die Gebäudesanierung beschleunigt - doch laut ihren eigenen Prüfern fehlt es bis heute an überzeugenden Belegen, dass das Programm die versprochenen Energieeinsparungen und den Mehrwert für die Steuerzahler tatsächlich geliefert hat.
Das Kernproblem liegt in der Programmarchitektur. Die Struktur der RRF hat Regierungen unbeabsichtigt dazu verleitet, Projekte zu priorisieren, die vor dem engen Programmende 2026 abgeschlossen werden konnten - etwa Solaranlagen, Fenstererneuerungen und Heizkessel-Upgrades. Ehrgeizigere Maßnahmen wie umfassende Dach- und Wanddämmung oder Tiefensanierungen, die den Energieverbrauch um mehr als 60 Prozent senken könnten, erwiesen sich als langsamer, teurer und gerieten häufig in Verzug.
Der Rechnungshof prüfte die Förderpraxis in vier Mitgliedstaaten: Belgien, Italien, Zypern und Litauen. Die strukturellen Mängel — fehlende Auswahlkriterien, unzuverlässige Daten, mangelnde Ergebnisorientierung — sind jedoch systemischer Natur und betreffen die gesamte EU-Förderarchitektur.
Das Gießkannenprinzip in Zahlen
"Leicht umsetzbare Projekte werden breit gefördert, zum Nachteil umfangreicherer Sanierungen, die langfristig bessere Ergebnisse liefern würden", stellt der Rechnungshof fest. "Dies verringert die Chancen, Projekte zu unterstützen, die die größten Energieeinsparungen erzielen könnten, oder Haushalte, die sie am dringendsten benötigen."
In den geprüften Mitgliedstaaten werden keine Auswahlkriterien verwendet, um Projekte nach ihrem potenziellen Wirkungsbeitrag zu reihen - was zu Investitionen führt, die die Dekarbonisierung kaum voranbringen.
Das Negativbeispiel schlechthin liefert Italien: Der weithin bekannte Superbonus erstattete Eigentümern bis zu 110 Prozent der Sanierungskosten, was enorme Nachfrage auslöste, aber auch die Kosten so weit in die Höhe trieb, dass Steuerzahler mit einer geschätzten Rechnung von 123 Milliarden Euro zurückblieben.
Hinzu kommt ein Messproblem: Die gemeldeten Daten zu Energieeinsparungen sind weder zuverlässig noch vergleichbar, Energieausweise enthalten fehlerhafte oder unzureichende Informationen, und die Kosteneffizienz von Sanierungsmaßnahmen wird weder überwacht noch sichergestellt.
Das strukturelle Dilemma: Ziele ohne Steuerung
Der Befund des Rechnungshofs trifft auf ein politisches Umfeld, das ohnehin unter Druck steht. Die überarbeitete EU-Gebäuderichtlinie (EPBD), die im Mai 2024 in Kraft trat, formuliert klare Mengenziele: Der durchschnittliche Primärenergieverbrauch des gesamten Wohngebäudebestands soll bis 2030 um mindestens 16 Prozent und bis 2035 um mindestens 20 bis 22 Prozent gegenüber 2020 sinken.
Dabei gilt eine wichtige Prämisse: Der größte Teil der Energieeinsparung - nämlich 55 Prozent - soll über die energetische Sanierung der jeweils energetisch schlechtesten Wohngebäude erfolgen. Wie genau das geschehen soll, ist den einzelnen Mitgliedstaaten überlassen.
Genau hier liegt das Problem. Die EPBD gibt Ziele vor, überlässt aber die Umsetzung den Nationalstaaten - und die haben, wie der Rechnungshof zeigt, bislang keine wirksamen Mechanismen entwickelt, um Fördermittel auf die Gebäude mit dem größten Einsparpotenzial zu lenken.
Der Gebäudesektor ist für etwa 36 Prozent des CO₂-Ausstoßes in der EU verantwortlich. Gleichzeitig ist der größte Teil des Gebäudebestands mehr als 20 Jahre alt. Die europaweite energetische Sanierungsquote liegt bei lediglich einem Prozent des Gesamtbestands jährlich.
Für Deutschland ist die Lage nicht besser: Um das selbst gesteckte Ziel der Klimaneutralität im Gebäudebestand bis 2045 zu erreichen, wäre laut Wirtschaftswoche eine Sanierungsquote von zwei Prozent jährlich nötig - tatsächlich liegt sie bei rund 0,8 Prozent.
Photo: Yuma Solar / UnsplashWas das für die Industrie bedeutet
Die Debatte um Wohngebäude mag auf den ersten Blick weit entfernt von industriellen Kernthemen wirken. Sie ist es nicht.
Erstens: Wohngebäude sind für rund 25 Prozent des gesamten Energieverbrauchs in der EU verantwortlich. Jede Kilowattstunde, die dort nicht eingespart wird, belastet die Energiebilanz des Kontinents - und damit mittelbar die Energiepreise, unter denen energieintensive Industrien leiden.
Zweitens: Die Milliarden, die in wirkungsarme Sanierungsmaßnahmen fließen, fehlen anderswo. Die Kommission plant bereits die künftige Finanzierung von Gebäudesanierungen im nächsten mehrjährigen EU-Haushalt - der Rechnungshofbericht ist damit mehr als eine rückwärtsgewandte Kritik. Die Prüfer warnen, dass künftige Klimaausgaben dieselben Fehler wiederholen könnten, wenn die Förderung nicht gezielter, evidenzbasierter und ergebnisorientierter gestaltet wird.
Drittens: Zwei Drittel der für Heizung und Kühlung verwendeten Energie stammen aus fossilen Brennstoffen. Solange Sanierungsförderung nicht systematisch auf Tiefensanierungen ausgerichtet wird, bleibt Europa in einer strukturellen Abhängigkeit, die sowohl Klimaziele als auch Versorgungssicherheit gefährdet.
Was besser werden müsste
Der Rechnungshof formuliert seine Schlussfolgerung klar: "Ohne bessere Zielgenauigkeit, stärkere Ergebnisorientierung und gründlichere Überwachung könnten künftige Ausgaben die europäischen Energie- und Klimaziele verfehlen."
Konkret bedeutet das: Förderprogramme müssen Projekte nach ihrem Einsparpotenzial priorisieren, nicht nach ihrer Umsetzungsgeschwindigkeit. Energieausweise müssen verlässliche Daten liefern. Und die Wirkung von Sanierungsmaßnahmen muss systematisch gemessen und verglichen werden - nicht nur gemeldet.
Das klingt nach Verwaltungsreform. Es ist aber eine Grundvoraussetzung dafür, dass die EPBD-Ziele nicht nur auf dem Papier existieren. Die Förderung für die Sanierung privater Wohngebäude wird derzeit nicht wirksam für ihren eigentlichen Zweck eingesetzt - die Verbesserung der Energieeffizienz von Gebäuden. Solange das so bleibt, verpufft ein erheblicher Teil des europäischen Klimabudgets ohne messbaren Effekt.
Für die Industrie, die auf stabile Energiepreise und glaubwürdige Klimapolitik angewiesen ist, ist das kein abstraktes Governance-Problem. Es ist ein handfester Wettbewerbsfaktor.





