Die Zahlen sind ernüchternd. Nur bei vier von 27 untersuchten kritischen Rohstoffen erreicht die EU mehr als fünf Prozent der weltweiten Förderung - bei neun liegt ihr Anteil bei null. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie des ifo Instituts, veröffentlicht am 14. Juli 2026. Wer gehofft hatte, der Critical Raw Materials Act (CRMA) würde Europas Rohstoffabhängigkeit bis 2030 spürbar reduzieren, muss jetzt nüchtern nachrechnen.
Die Lücke zwischen politischem Anspruch und industrieller Realität ist groß. Und sie hat direkte Konsequenzen für jeden, der Batteriezellen, Halbleiter, Elektromotoren oder Präzisionswerkzeuge in seiner Lieferkette hat.
Was die EU wollte - und wo sie steht
Der CRMA, seit Mai 2024 in Kraft, ist das zentrale Instrument der EU-Rohstoffpolitik. Er setzt Benchmarks für eigene Kapazitäten entlang der Wertschöpfungskette: bis 2030 sollen mindestens 10 Prozent des jährlichen Bedarfs aus eigener Förderung stammen, 40 Prozent aus eigener Verarbeitung und 25 Prozent aus eigenem Recycling. Außerdem sollen nicht mehr als 65 Prozent eines Rohstoffs von einem einzigen Lieferanten stammen.
Das klingt nach einem klaren Plan. Das Problem: Es handelt sich um nicht verbindliche Richtwerte - keine Quoten, die eingehalten werden müssen. Und selbst diese unverbindlichen Ziele sind nach aktuellem Stand kaum erreichbar.
Die Abhängigkeit der EU von Importen ist vor allem in Zukunftsfeldern sehr hoch. Unverzichtbare und teils seltene Rohstoffe für Batterien, Halbleiter, erneuerbare Energien und Verteidigung muss Europa fast vollständig aus dem Ausland beziehen.
Kobalt, Germanium, Seltene Erden: Die Lücken im Detail
Die EU ist nach Einschätzung des ifo Instituts nicht ausreichend mit einer eigenen Förderung von Rohstoffen wie Kobalt, Germanium und Seltenen Erden versorgt. Diese Materialien sind keine Randnotiz - sie stecken in Elektrofahrzeugen, Windkraftanlagen, Rüstungsgütern und Halbleitern. Wer in der Fertigung auf diese Technologien setzt, ist direkt betroffen.
Besonders aufschlussreich ist der Blick auf die Nachfrageentwicklung: Die EU-Nachfrage nach Seltenen Erden wird sich bis 2030 versechsfachen und bis 2050 versiebenfachen. Bei Lithium wird bis 2030 eine Zwölffachung und bis 2050 eine Einundzwanzigfachung erwartet. Gleichzeitig wächst die eigene Förderbasis kaum.
Hinzu kommt die extreme Konzentration auf einzelne Lieferanten. China liefert beispielsweise 97 Prozent des in der EU benötigten Magnesiums - verwendet für Wasserstoff-Elektrolyseure - und die Türkei 99 Prozent des in der EU benötigten Bors, das in Solarpaneelen eingesetzt wird. Solche Abhängigkeiten lassen sich nicht per Verordnung über Nacht auflösen.
Das Zeitproblem: 18 Jahre für eine neue Mine
Hier liegt der eigentliche Knackpunkt. In der EU gibt es zwar zahlreiche unerschlossene Vorkommen, doch die Erschließung einer Mine dauert bis zu 18 Jahre. Das Jahr 2030 ist in weniger als vier Jahren. Selbst wenn heute alle Genehmigungsverfahren reibungslos liefen - was sie nicht tun -, käme kein einziges neu erschlossenes Bergwerk rechtzeitig in Betrieb.
Der Europäische Rechnungshof hat das bereits im Februar 2026 bestätigt: Trotz der politischen Signale steht die EU vor erheblichen Hindernissen, ihre Ambitionen in eine sichere Versorgung umzusetzen. Viele strategische Projekte werden voraussichtlich Schwierigkeiten haben, bis 2030 zu liefern.
Von 60 strategischen Projekten werden 14 voraussichtlich keinen Beitrag bis 2030 leisten, weil ihr geplanter Produktionsstart zwischen 2029 und 2031 liegt. Und selbst bei den Projekten, die früher starten sollten: Von den Projekten, die zwischen 2025 und 2027 die Produktion aufnehmen sollten, liegen drei von vier entweder hinter dem Zeitplan oder lassen sich anhand öffentlich verfügbarer Informationen nicht verifizieren.
Für den Einkauf bedeutet das: Wer auf EU-interne Rohstoffquellen als Absicherung gegen Lieferausfälle setzt, sollte diese Annahme bis mindestens 2030 nicht in seine Risikoplanung einpreisen. Die strategischen Projekte sind real — aber ihre Lieferfähigkeit im Zieljahr ist es vielfach nicht.
Absichtserklärungen statt Partnerschaften
Das ifo Institut benennt das Problem klar. "Europa sollte bereits heute stabile Partnerschaften mit rohstoffreichen Ländern aufgebaut haben und eigene Vorkommen systematisch erschließen, bisher gibt es aber kaum mehr als Absichtserklärungen und zu viele Unklarheiten", sagte ifo-Forscherin Isabella Gourevich.
Die EU hat in den vergangenen Monaten zwar Handelsabkommen geschlossen: Australien sagte der EU zu, die Zölle auf Rohmaterialien zu senken und von Exportbeschränkungen abzusehen. Im Handel mit Indonesien sicherte sich die EU eine Vorzugsbehandlung, auch wenn Ausfuhrzölle bestehen bleiben. Das sind Schritte in die richtige Richtung - aber keine strukturelle Lösung.
Die ifo-Studie benennt zudem konkrete Lücken in der Datenbasis: Fehlende stabile Partnerschaften, kaum konkrete Projekte und Finanzierungszusagen, zu viele Unklarheiten bei der Umsetzung rohstoffpolitischer Vorhaben sowie Lücken in der europäischen geologischen Rohstoffdatenbank MIN4EU. Wer keine verlässlichen Daten über eigene Lagerstätten hat, kann auch keine fundierte Industriepolitik betreiben.
Was das konkret für den Shopfloor bedeutet
Rohstoffpolitik klingt nach Brüsseler Abstraktum. Ist sie aber nicht. Wer heute Batteriezellen für Elektrofahrzeuge, Leistungshalbleiter für Antriebssteuerungen oder Permanentmagnete für Elektromotoren verbaut, sitzt auf einer Lieferkette, die strukturell verwundbar ist - und das auf absehbare Zeit bleibt.
Mehr als die Hälfte von Österreichs Jahresexporten (97 Milliarden Euro) benötigen kritische Rohstoffe. Besonders exponiert sind die Automobil-, Stahl- und Maschinenbauindustrie. Für Deutschland gilt Ähnliches.
Drei Handlungsfelder, die Industrieunternehmen jetzt prüfen sollten:
- Lieferkettenaudit auf Rohstoffebene: Welche der 17 strategischen Rohstoffe stecken in meinen Produkten oder Vorprodukten? Wo kommt der Löwenanteil her - und von wie vielen Lieferanten?
- Recycling als Versorgungsstrategie ernst nehmen: Kreislaufwirtschaft bietet eine der wirksamsten Maßnahmen gegen diese Verwundbarkeit. Wer eigene Produktionsabfälle oder Altprodukte zurückführt, reduziert Primärrohstoffbedarf und Preisrisiko.
- Substitution prüfen: Viele Hersteller in der EU haben als Antwort auf drohende oder tatsächlich bereits eingetretene Engpässe inzwischen Produkte und Technologien entwickelt, die auf alternativen Materialien basieren. Das ist kein Notbehelf, sondern Innovationsstrategie.
Fazit: Der CRMA ist ein Rahmen - kein Rettungsanker
Der Critical Raw Materials Act ist das richtige Instrument. Aber ein Rahmen allein füllt keine Lagerhallen. Die ifo-Studie macht deutlich, dass Europa bei der Umsetzung erheblich hinter dem zurückbleibt, was nötig wäre. Bei neun der 27 untersuchten kritischen Rohstoffe liegt der EU-Förderanteil bei null Prozent. Das ist kein Ausgangspunkt für eine Unabhängigkeit bis 2030 - das ist eine strukturelle Abhängigkeit, die noch Jahre andauern wird.
Für Industrieunternehmen bedeutet das: Die Rohstoffversorgung bleibt ein aktives Risikomanagement-Thema, nicht ein politisch gelöstes. Wer darauf wartet, dass Brüssel das Problem regelt, wartet zu lang.
Photo: Maksym Diachenko / UnsplashWas ist der Critical Raw Materials Act (CRMA)?
Der CRMA ist eine EU-Verordnung, die seit Mai 2024 in Kraft ist. Er setzt Benchmarks für die eigene Förderung (10 %), Verarbeitung (40 %) und das Recycling (25 %) kritischer Rohstoffe bis 2030 und begrenzt die Abhängigkeit von einem einzelnen Drittland auf maximal 65 % des Jahresbedarfs. Die Ziele sind nicht rechtsverbindlich.
Welche Rohstoffe sind besonders kritisch für die deutsche Industrie?
Kobalt, Germanium, Seltene Erden, Lithium, Magnesium, Gallium und Wolfram gelten als besonders kritisch — sie werden für Batterien, Halbleiter, Elektromotoren, Hartmetallwerkzeuge und Rüstungsgüter benötigt. Bei vielen dieser Materialien liegt die EU-Eigenförderung nahe null.
Warum dauert es so lange, neue Minen in Europa zu erschließen?
Laut ifo Institut kann die Erschließung einer neuen Mine bis zu 18 Jahre dauern — von der geologischen Erkundung über Genehmigungsverfahren bis zur Produktionsaufnahme. Der CRMA sieht zwar beschleunigte Verfahren vor (27 Monate für Abbaugenehmigungen), doch das ändert nichts an den geologischen und infrastrukturellen Vorlaufzeiten.
Was können Industrieunternehmen konkret tun?
Drei Ansätze sind kurzfristig umsetzbar: erstens ein Rohstoff-Audit der eigenen Lieferkette, um Konzentrationsrisiken zu identifizieren; zweitens der Aufbau von Recycling- und Rückführungskreisläufen für kritische Materialien; drittens die gezielte Suche nach Substitutionsmaterialien in Produktentwicklung und Beschaffung.





