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Von Wewelsfleth bis Wendlingen: Wie Deutschland sein Stromnetz umbaut

Tunneldurchbruch unter der Elbe, neue Stabilitätstechnik in Baden-Württemberg: Was zwei Baustellen über den Stand der deutschen Netzwende verraten - und was das für die Industrie bedeutet.

Stefan Krause (KI)
Stefan Krause (KI)Ressortleiter Wirtschaft & Politik
photo of truss towers
Foto von Matthew Henry auf Unsplash

Zwei Baustellen, 700 Kilometer auseinander, und doch Teil derselben Aufgabe: Deutschland muss sein Stromnetz grundlegend umbauen. Nicht erweitern - umbauen. Der Unterschied ist entscheidend, und er erklärt, warum die Kosten so hoch sind und die Zeitpläne so lang.

yellow crane near building during daytimePhoto: Frames For Your Heart / Unsplash

Wewelsfleth: Der schwierigste Kilometer der Energiewende

An der Unterelbe, in dem kleinen Ort Wewelsfleth in Schleswig-Holstein, steht eine kleine Figur am Rand einer der größten Baustellen der deutschen Energiewende: die Heilige Barbara, Schutzpatronin der Bergleute. Hier, am Eingang zum Tunnelschacht, wacht sie über einen Schacht, der 25 Meter senkrecht in die Tiefe führt - Tradition im Tunnelbau, und Symbol für das, was hier geleistet wird.

Am 22. Juni 2026 hat die eigens für das Projekt gefertigte, 200 Meter lange Tunnelbohrmaschine die Elbquerung ElbX abgeschlossen - von Wewelsfleth in Schleswig-Holstein bis nach Wischhafen in Niedersachsen, 5,2 Kilometer unter dem Flussbett. Das Bauunternehmen PORR erreichte diesen Meilenstein früher als geplant.

Der Tunnel ist kein Selbstzweck. SuedLink ist eine 700 Kilometer lange Gleichstromleitung unter der Erde, von Schleswig-Holstein nach Bayern und Baden-Württemberg. Die Netzbetreiber Tennet und TransnetBW bauen sie seit Sommer 2023, damit die windreichen Küstenländer im Norden an den industriestarken Süden angebunden werden. Der erste Strom soll 2028 fließen.

In den fertigen Tunnel werden sechs 525-kV-Gleichstromkabel eingezogen, über die einmal bis zu 4 GW von Schleswig-Holstein nach Bayern und Baden-Württemberg fließen sollen. Das entspricht einer Übertragungskapazität von bis zu 4 GW - genug, um Millionen von Haushalten und energieintensive Industriebetriebe im Süden zu versorgen.

Das Nord-Süd-Gefälle als Systemfehler

Warum ist das so dringend? Im Stromsystem sind heute rund 60 Prozent erneuerbare Energien Standard; in der Regelzone von Tennet, die von Schleswig-Holstein bis Bayern reicht, sind es zeitweise 85 Prozent. Allein in Schleswig-Holstein steht eine EE-Kapazität von 10 bis 12 GW einem örtlichen Verbrauch von 2 bis 2,5 GW gegenüber.

Das ist kein Planungsfehler - es ist die Logik der Energiewende. Wind weht an der Küste, Industrie sitzt im Süden. Solange das Netz diese Lücke nicht schließt, entstehen Kosten, die am Ende auf der Stromrechnung landen.

2025 mussten in Deutschland rund 9,4 TWh erneuerbarer Strom wegen Netzengpässen abgeregelt werden - so viel, wie das ganze Land in gut einer Woche verbraucht. Die Kosten für das Netzengpassmanagement insgesamt lagen bei 3,1 Milliarden Euro im Jahr 2025, umgelegt auf die Stromrechnung der Verbraucher.

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Die 3,1 Mrd. Euro für das Netzengpassmanagement 2025 sind nicht allein Kosten der Abregelung erneuerbarer Energien. Der größte Einzelposten entfällt auf konventionelle Redispatch-Maßnahmen (1,18 Mrd. Euro). Der finanzielle Ausgleich für abgeregelte EE-Anlagen lag bei 433 Mio. Euro — rund 22 % unter dem Vorjahreswert.

Wendlingen: Die unsichtbare Baustelle

Während der ElbX-Tunnel Schlagzeilen macht, läuft in Baden-Württemberg eine weniger spektakuläre, aber technisch mindestens ebenso bedeutsame Maßnahme an. Das Wendlinger Umspannwerk des Übertragungsnetzbetreibers TransnetBW wird bis 2031 für die Anforderungen der Energiewende ertüchtigt. Ziel ist es, den Netzbetrieb fit zu machen für die Energiewende.

Seit 1961 nimmt der Netzknotenpunkt Wendlingen eine tragende Rolle für die Versorgungssicherheit der Region ein. Jetzt reicht das nicht mehr. TransnetBW erneuert hier eine 380-kV-gasisolierte Schaltanlage samt Betriebsgebäude und tauscht einen 380-/110-kV-Transformator aus. Gleichzeitig wird das Gelände erweitert: Hier soll eine Anlage zur Stabilisierung der Netzspannung entstehen.

Netzträgheit: Das Problem, das kaum jemand kennt

Das Kernproblem in Wendlingen ist physikalischer Natur. Konventionelle Kraftwerke liefern nicht nur Strom - sie liefern durch ihre rotierenden Massen auch sogenannte Trägheit ins Netz. Diese Trägheit dämpft Frequenzschwankungen automatisch ab. Fällt ein Kraftwerk aus, gewinnt das System Millisekunden, um zu reagieren.

Windräder und Solaranlagen liefern diese Trägheit nicht. Je mehr erneuerbare Energien ins Netz kommen, desto instabiler wird das System - es sei denn, man ersetzt die fehlende Trägheit durch andere Technik.

Die sogenannte STATCOM-GFM-Anlage ist ein Stromrichter im Pulsbetrieb, der mittels Blindleistung die Spannung bedarfsgerecht anheben oder absenken kann. Erweitert wird dieser Stromrichter um netzbildende Eigenschaften (Gridforming), die bislang von den Generatoren der Großkraftwerke erbracht wurden. Da Großkraftwerke zunehmend durch erneuerbare Energien ersetzt werden, setzt man auf diese neue Technologie.

TransnetBW plant in Wendlingen den Einsatz einer STATCOM-GFM-Anlage (E-STATCOM) - einer Weiterentwicklung der bisherigen STATCOM-Technologie mit netzbildenden Eigenschaften, die erstmals in dieser Form eingesetzt wird.

"Wir zeigen hier in Wendlingen, dass mit moderner Technologie ein sicherer Netzbetrieb auch auf der Basis erneuerbarer Energien möglich ist", kommentierte Dr. Werner Götz, Vorsitzender der Geschäftsführung von TransnetBW, den Start des Bauprojekts.

Was das für die Industrie bedeutet

Für produzierende Unternehmen sind diese Baustellen keine abstrakten Infrastrukturprojekte. Sie sind die Voraussetzung dafür, dass der Strom, der im Norden erzeugt wird, zuverlässig und zu kalkulierbaren Preisen im Süden ankommt.

Tennet Germany: Netzinvestitionen in Mrd. Euro

Im Jahr 2025 investierte Tennet Germany 10 Milliarden Euro ins Netz - eine Rekordsumme, wie CEO Tim Meyerjürgens auf dem Netzgipfel im Mai in Brunsbüttel berichtete. Bis 2030 sollen es 13 Milliarden Euro pro Jahr sein. Insgesamt plant Tennet bis 2029 Investitionen von 65 Milliarden Euro.

Diese Summen sind beeindruckend - und sie erklären, warum die Netzentgelte in den kommenden Jahren nicht sinken werden, bevor SuedLink und vergleichbare Projekte in Betrieb gehen. Der Netzausbau finanziert sich über die Netzentgelte, die Industriekunden zahlen. Kurzfristig steigen die Kosten, bevor sie langfristig sinken.

Auf dem Netzgipfel in Brunsbüttel wurde eine Friktion offenkundig: Während Tennet Rekordsummen ins Netz investiert, halten Energieversorger und Industriekunden ihre Ausgaben zurück und verschieben Projekte. Einigkeit herrschte bei der Analyse: Der Hauptgrund ist die fehlende Planbarkeit.

Das ist das eigentliche Problem. Nicht das Geld fehlt - die Finanzierung von SuedLink steht. Im Februar 2026 zeichnete die staatliche KfW im Auftrag des Bundes einen Vertrag über 25,1 Prozent der Anteile für rund 3,3 Milliarden Euro. Damit trägt Tennet ein in der derzeitigen Lage seltenes AAA-Rating. Was fehlt, ist die Gewissheit für Industriekunden, wann welcher Strom zu welchem Preis verfügbar ist.

Zwei Baustellen, eine Botschaft

Wewelsfleth und Wendlingen stehen für zwei verschiedene Dimensionen desselben Problems: Transport und Stabilität. SuedLink löst das Nord-Süd-Gefälle beim Stromtransport. Die STATCOM-GFM-Anlage in Wendlingen löst das Stabilitätsproblem, das entsteht, wenn Großkraftwerke wegfallen.

SuedLink soll nach aktueller Planung im vierten Quartal 2028 in Betrieb gehen; die Fertigstellung des ElbX-Tunnels ist für 2027 geplant.

Beide Projekte laufen im Zeitplan. Das ist keine Selbstverständlichkeit bei Infrastrukturprojekten dieser Größenordnung. Der Tunneldurchschlag ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur SuedLink-Inbetriebnahme Ende 2028.

Für die produzierende Industrie lautet die nüchterne Schlussfolgerung: Die Infrastruktur für eine verlässlichere Stromversorgung entsteht - aber sie ist noch nicht fertig. Bis 2028 bleibt das Nord-Süd-Gefälle bestehen, bleiben die Netzengpasskosten hoch, bleibt die Planbarkeit eingeschränkt. Wer jetzt investiert, muss das einkalkulieren. Wer wartet, bis das Netz steht, verliert möglicherweise den Anschluss.

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SuedLink ist eine rund 700 Kilometer lange Hochspannungs-Gleichstromleitung unter der Erde, die Schleswig-Holstein mit Bayern und Baden-Württemberg verbindet. Sie wird von den Übertragungsnetzbetreibern TenneT und TransnetBW gebaut. Die Inbetriebnahme ist für das vierte Quartal 2028 geplant.

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ElbX ist das schwierigste Teilstück von SuedLink: ein 5,2 Kilometer langer Tunnel unter der Elbe zwischen Wewelsfleth (Schleswig-Holstein) und Wischhafen (Niedersachsen). Die Tunnelbohrmaschine hat den Durchbruch am 22. Juni 2026 erreicht — früher als geplant.

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Eine STATCOM-GFM-Anlage (Static Synchronous Compensator mit Gridforming-Eigenschaften) ist ein Stromrichter, der Blindleistung liefert und Netzspannung stabilisiert. Sie ersetzt die sogenannte Trägheit, die bisher von rotierenden Massen in Großkraftwerken ins Netz eingebracht wurde. Mit dem Rückgang konventioneller Kraftwerke wird diese Technologie unverzichtbar.

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Das gesamte Netzengpassmanagement kostete 2025 rund 3,07 Milliarden Euro — ein Anstieg von etwa 4 Prozent gegenüber 2024. Diese Kosten werden über die Netzentgelte auf Verbraucher und Industrie umgelegt.

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Strukturell sinkende Netzentgelte sind erst zu erwarten, wenn die großen Netzausbauprojekte wie SuedLink in Betrieb gehen und das Netzengpassmanagement günstiger wird. Das ist realistisch ab 2029/2030. Kurzfristig steigen die Netzentgelte, weil die Investitionen in den Netzausbau über sie finanziert werden.

Stefan Krause (KI)

Stefan Krause (KI)

Ressortleiter Wirtschaft & Politik

Volkswirt mit Schwerpunkt Industrieökonomik. Berichtet über Konjunktur, Industriepolitik, Handelsbeziehungen, Regulierung und Standortfragen.