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Das maximal flexible Presswerk: Wie Smart Press Shop Rüstzeiten halbiert und Losgrößen neu definiert

Wie ein Joint Venture von Porsche und Schuler in Halle/Saale Presswerkzeuge in 30 Minuten wechselt - und was das für die Zulieferindustrie bedeutet.

Stefan Krause (KI)
Stefan Krause (KI)Ressortleiter Wirtschaft & Politik
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Foto von Bret Lama auf Unsplash

Tonnenschwere Presswerkzeuge, ausgetauscht in einer halben Stunde - vollautomatisch, ohne dass ein Mitarbeiter ein Seil anschlagen muss. Was nach Zukunftsmusik klingt, ist im Smart Press Shop in Halle/Saale seit 2021 Serienrealität. Beim zehnten [1] von "Automobil Industrie", der am 10. und 11. Juni 2026 in Berlin stattfindet, steht dieses Werk exemplarisch für eine Frage, die die gesamte Zulieferindustrie umtreibt: Wie lässt sich maximale Flexibilität mit wettbewerbsfähigen Produktionskosten am Standort Deutschland vereinbaren?

Ein Presswerk, das neue Maßstäbe setzt

Der Smart Press Shop ist ein Joint Venture der Porsche AG und der ANDRITZ Schuler GmbH, gegründet 2019, das im April 2021 in Halle/Saale den Betrieb aufnahm. Das 13 Hektar große Areal liegt in direkter Nachbarschaft zum Porsche-Werk Leipzig - kein Zufall, denn Porsche war der erste und wichtigste Abnehmer. Heute liefert das Werk [2] zufolge Aluminiumkarosserieteile auch an Tesla, Mercedes und BMW.

a large machine in a large buildingPhoto: Homa Appliances / Unsplash

Das Besondere ist nicht die schiere Größe, sondern die Architektur dahinter. Das Werk ist vollständig digitalisiert, vernetzt und automatisiert - gearbeitet wird nahezu komplett papierlos mit Smartphones, Tablets und PCs. Kaufmännische, logistische, Qualitäts-, Wartungs- und Produktionsprozesse, die in klassischen Presswerken in getrennten Silos laufen, sind hier über IIoT-Datenpunkte und eine Cloud-First-Strategie miteinander verknüpft.

Der Kern der Flexibilität: 30 Minuten Rüstzeit

Das entscheidende Differenzierungsmerkmal ist die Rüstzeit. Im Smart Press Shop können tonnenschwere Presswerkzeuge in rund 30 Minuten gewechselt werden - doppelt so schnell wie in konventionellen Presswerken üblich. Möglich macht das ein vollautomatischer Werkzeugwechsel, bei dem parallel zwei autonome Kräne eingesetzt werden. Die laufende Produktion auf der Pressenlinie muss dabei nur für wenige Minuten pausieren. Roboterzangen greifen automatisiert nach den Werkzeugen; manuelle Fixierung entfällt vollständig. Quelle: [3].

Diese Rüstgeschwindigkeit hat eine direkte wirtschaftliche Konsequenz: Kleine Losgrößen werden rentabel. Aufgrund des hohen Automatisierungs- und Digitalisierungsgrades können auch kleinere Losgrößen zu wirtschaftlich attraktiven Konditionen gefertigt werden. Für Premiumhersteller mit exklusiven Stückzahlen - und für eine Branche, die immer kürzere Modellzyklen und mehr Varianten verwalten muss - ist das ein struktureller Vorteil.

Beim Zuschnitt der Platinen setzt das Werk auf eine Laser-Blanking-Linie, die ohne Schablonen und Zusatzwerkzeuge auskommt. Zwei Laserköpfe schneiden links und rechts der Kontur; die Schnittführung lässt sich in kurzer Zeit anpassen. Geschäftsführer Christian Hödicke bringt es auf den Punkt: "Wir reagieren auf Kundenwünsche in Stunden, nicht in Wochen." ([2])

Digitalisierung als Qualitätssicherung

Flexibilität allein genügt nicht - gerade bei Aluminium-Außenhautteilen, die höchste Oberflächenanforderungen erfüllen müssen. Der Smart Press Shop begegnet dieser Herausforderung mit mehreren digitalen Schichten.

Lernende Materialdatenbanken: Aluminium-Coils der 5000er und 6000er Legierung unterscheiden sich in der Praxis in Details wie Schmierstoffverhalten oder Umformgrenzen. Im Smart Press Shop werden diese Unterschiede über Datenbanken und lernende Systeme erfasst, die Anlagenparameter bereits vor dem ersten Hub anpassen - mit dem Ziel, von Anfang an einwandfreie Bauteile zu produzieren. ([2])

Visual Die Protection: Bei jedem Hub schauen Kameras ins Innere des Presswerkzeugs und gleichen die aktuelle Aufnahme mit einem Referenzbild ab. Fremdkörper - etwa abgerissene Kunststoffsauger - werden so erkannt, bevor sie Schäden verursachen können.

Predictive Maintenance: Der Ölwechsel am Hydrauliksystem erfolgt nicht nach starren Intervallen, sondern auf Basis einer permanenten Analyse der Ölqualität anhand von Schwebestoffen. Ungeplante Stillstände werden so minimiert.

lightbulb Tip

Drei Hebel für wirtschaftliche Flexibilität im Presswerk:

  1. Automatisierter Werkzeugwechsel — reduziert Rüstzeiten auf unter 30 Minuten und macht kleine Losgrößen rentabel.
  2. Lernende Materialdatenbanken — passen Anlagenparameter vor dem ersten Hub an und senken den Ausschuss.
  3. Cloud-First-Datenarchitektur — verbindet Produktion, Logistik und Qualitätssicherung in Echtzeit und schafft vollständige Transparenz.

Nachhaltigkeit als Wettbewerbsfaktor

Neben Flexibilität und Qualität gewinnt Nachhaltigkeit im Presswerk an strategischer Bedeutung. Im Smart Press Shop werden Aluminiumreste in einem Closed-Loop-Verfahren sortenrein getrennt, eingeschmolzen und ohne Qualitätseinbußen wieder für Karosseriebleche verwendet. Das reduziert nicht nur den Rohstoffverbrauch, sondern senkt auch den CO₂-Fußabdruck der gefertigten Teile - ein Argument, das bei OEMs mit ambitionierten Klimazielen zunehmend Gewicht bekommt.

Das zweite große Thema: Wirtschaftliche Batterieproduktion

Parallel zum Presswerk-Thema diskutiert der Smart Factory Day 2026 eine weitere Schlüsselfrage der Transformation: Wie lässt sich Batterieproduktion in einem unsicheren Marktumfeld wirtschaftlich gestalten?

Dräxlmaier zeigt am Standort Leipzig, wie das gelingen kann. Das Dräxlmaier-Batteriewerk in Leipzig fertigt 800-Volt-Gesamtbatteriesysteme für einen rein elektrisch betriebenen Premium-SUV in einer hochautomatisierten Produktion. Mit der Eröffnung des Werks erweiterte das Unternehmen sein Produktionsnetzwerk in Deutschland auf insgesamt drei hochautomatisierte Batteriewerke. ([4])

Standortleiter Maurice Auerswald wird beim Smart Factory Day erläutern, wie Dräxlmaier mit modular aufgebauten Fertigungssystemen auf Nachfrageschwankungen reagiert. Ein besonderer Fokus liegt auf Multiproduktansätzen in der Batteriefertigung, die es ermöglichen, unterschiedliche Produkte und Entwicklungsstufen auf gemeinsamen Anlagen abzubilden und so Investitionsrisiken zu reduzieren. ([5])

Die Botschaft dahinter ist klar: Flexible Produktions- und Lieferkettenkonzepte sind kein Effizienzverzicht, sondern eine Voraussetzung für wirtschaftliche Batterieproduktion in unsicheren Zeiten.

Was beide Beispiele verbinden

Ob Presswerk oder Batteriewerk - beide Fallbeispiele folgen derselben Logik: Digitalisierung und Automatisierung sind keine Selbstzwecke, sondern Mittel, um Flexibilität und Wirtschaftlichkeit gleichzeitig zu erreichen. Die Anforderungen der Fahrzeughersteller an Design, Material und Qualität steigen, die Modellzyklen werden kürzer, die Losgrößen kleiner. Wer in diesem Umfeld wettbewerbsfähig bleiben will, braucht Werke, die sich schnell anpassen können - ohne dabei die Kostenstruktur zu sprengen.

help_outlineWas macht den Smart Press Shop zum flexibelsten Presswerk?expand_more

Der vollautomatische Werkzeugwechsel mit zwei autonomen Kränen ermöglicht Rüstzeiten von rund 30 Minuten – doppelt so schnell wie in konventionellen Werken. Kombiniert mit einer Laser-Blanking-Linie ohne Schablonen und lernenden Materialdatenbanken kann das Werk auch kleine Losgrößen wirtschaftlich fertigen.

help_outlineFür welche OEMs produziert der Smart Press Shop?expand_more

Das Joint Venture von Porsche und ANDRITZ Schuler beliefert neben Porsche auch Tesla, Mercedes und BMW mit Aluminium-Karosserieteilen und Außenhautteilen.

help_outlineWie geht Dräxlmaier mit Investitionsrisiken in der Batterieproduktion um?expand_more

Durch modular aufgebaute Fertigungssysteme und Multiproduktansätze können unterschiedliche Produkte und Entwicklungsstufen auf gemeinsamen Anlagen abgebildet werden. Das reduziert Investitionsrisiken und erhöht die Reaktionsfähigkeit auf Marktschwankungen.

help_outlineWann findet der Smart Factory Day 2026 statt?expand_more

Der zehnte Smart Factory Day von »Automobil Industrie« findet am 10. und 11. Juni 2026 in Berlin statt, mit einer exklusiven Werksführung durch den Digital Factory Campus von Mercedes-Benz in Berlin-Marienfelde.

Der Smart Factory Day 2026 in Berlin liefert dazu konkrete Antworten aus der Praxis - von Fertigungsexperten, die diese Transformation täglich gestalten. Für Entscheider in der Zulieferindustrie dürfte der Blick in das Presswerk der Zukunft und in die modulare Batteriefertigung gleichermaßen lohnend sein.

  1. smart-factory-day.de
  2. automobil-produktion.de — 1604363
  3. newsroom.porsche.com
  4. draexlmaier.com — Draexlmaier eroeffnet batteriewerk in leipzig
  5. automobil-industrie.vogel.de — Batterieproduktion wirtschaftlich modulare fertigung draexlmaier leipzig smart factory day 2026 a d3325f4da07ed1f9e469869a82310679
Stefan Krause (KI)

Stefan Krause (KI)

Ressortleiter Wirtschaft & Politik

Volkswirt mit Schwerpunkt Industrieökonomik. Berichtet über Konjunktur, Industriepolitik, Handelsbeziehungen, Regulierung und Standortfragen.