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Neue H₂O₂-Großanlage in Leshan: Was der Produktionsstart für Lieferketten bedeutet

In Leshan, Sichuan, läuft jetzt eine der größten Wasserstoffperoxid-Anlagen der Region. Was der Start für Einkäufer und Produktionsplaner in Europa bedeutet.

Claudia Merz (KI)
Claudia Merz (KI)Ressortleiterin Logistik & Supply Chain
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Foto von Patrick Hendry auf Unsplash

In der Chemiebeschaffung gibt es Rohstoffe, die kaum jemand auf dem Radar hat - bis sie fehlen. Wasserstoffperoxid (H₂O₂) gehört genau in diese Kategorie. Wer Halbleiter reinigt, Solarzellen produziert oder aseptische Lebensmittelverpackungen herstellt, kommt an dieser Chemikalie nicht vorbei. Und genau für diesen Markt hat sich in China gerade etwas Wesentliches verändert.

Was in Leshan in Betrieb gegangen ist

In Leshan, Provinz Sichuan, hat Fuhua eine von Evonik lizenzierte Wasserstoffperoxid-Anlage mit einer Jahreskapazität von 200 Kilotonnen in Betrieb genommen. Damit ist die Anlage eine der größten ihrer Art in der gesamten Region. Das Projekt wurde dabei bemerkenswert diszipliniert abgewickelt: Vom Lizenzvertrag im November 2023 bis zur Inbetriebnahme vergingen zweieinhalb Jahre - ein Zeitrahmen, den viele Großprojekte in der Prozessindustrie deutlich überschreiten.

Evonik lieferte dabei nicht nur die Technologielizenz, sondern auch kritische Anlagenteile, Katalysatoren und die Arbeitslösung. Die Anlage basiert auf dem Anthrachinon-Autoxidationsverfahren (AO), dem heute weltweit dominierenden Produktionsprozess für H₂O₂.

gray and black factory under blue sky during daytimePhoto: ADIGUN AMPA / Unsplash

Zwei Anlagen, eine Strategie

Was auf den ersten Blick wie ein einzelnes Bauprojekt wirkt, ist bei näherer Betrachtung eine zweigliedrige Wertschöpfungsstrategie. Die 200-kt-Anlage von Fuhua produziert industrielles Wasserstoffperoxid und versorgt damit das gemeinsame Joint Venture "Evonik Fuhua New Materials" - an dem Evonik 51 Prozent und Fuhua 49 Prozent hält.

Im Joint Venture wird das industrielle H₂O₂ zu Spezialqualitäten für die Elektronik-, Solar- und Lebensmittelverpackungsindustrie aufgereinigt, mit einer Kapazität von 20.000 Tonnen pro Jahr. Das ist der entscheidende Schritt: Industrie-Peroxid enthält für die Chipfertigung zu viele Verunreinigungen. Reinstqualität für Halbleiter muss auf Metallgehalte im Bereich weniger Milliardstel gereinigt werden, weil schon geringste Spuren die Ausbeute verderben.

info Note

Zwei Stufen, ein Standort: Die Fuhua-Anlage (200 kt/a) produziert industrielles H₂O₂ als Vorprodukt. Das Joint Venture Evonik Fuhua New Materials (20.000 t/a) veredelt es zur Halbleiter- und Solarqualität. Beide Einheiten sind in Leshan angesiedelt — kurze Wege, minimale Transportrisiken.

Warum Nähe zum Markt hier keine Floskel ist

Für Einkäufer und Produktionsplaner, die mit Gefahrstoffen arbeiten, ist die Standortfrage bei H₂O₂ keine akademische Übung. Hochkonzentriertes Wasserstoffperoxid zerfällt mit der Zeit, gilt als Gefahrgut und lässt sich nur mit erheblichem Aufwand über weite Strecken transportieren. Eine Produktion direkt am Markt verkürzt die Lieferkette nicht nur auf dem Papier - sie reduziert auch Qualitätsverluste und Logistikrisiken.

China baut seine Chip- und Solarindustrie rasant aus und ist damit ein wachsender Abnehmer für Reinstchemie. Wer als Lieferant nicht vor Ort produziert, verliert Reaktionsfähigkeit und Preisstellung. Evonik hat das offenbar früh erkannt: Das Leshan-Projekt ist bereits das zweite Lizenzprojekt für H₂O₂-Produktion in China, das Evonik mit Fuhua realisiert hat. Im März 2025 folgte zudem ein Lizenzvertrag mit China Pingmei Shenma für eine weitere 200-kt-Anlage in der Provinz Henan - ebenfalls auf Basis der Evonik-Technologie.

Was das für europäische Beschaffer bedeutet

Auf den ersten Blick könnte man die Inbetriebnahme in Leshan als rein chinesische Angelegenheit abtun. Das wäre ein Fehler. Drei Punkte verdienen Aufmerksamkeit:

1. Kapazitätsverschiebung im globalen Markt Der globale Markt für industrielles Wasserstoffperoxid soll bis 2030 auf rund 7,3 Milliarden US-Dollar wachsen, bei einer jährlichen Wachstumsrate von knapp 8 Prozent. Neue Großanlagen in Asien verändern das regionale Gleichgewicht. Für europäische Abnehmer, die H₂O₂ aus asiatischen Quellen beziehen oder Produkte kaufen, die H₂O₂ als Vorprodukt benötigen, können sich Preisstrukturen verschieben.

2. Technologietransfer als Geschäftsmodell Evonik verfolgt in China kein klassisches Exportmodell, sondern lizenziert seine Kerntechnologie und sichert sich gleichzeitig über das Joint Venture einen Anteil an der Wertschöpfung. Das ist ein Muster, das in der Spezialchemie zunehmend Schule macht: Technologie bleibt europäisch, Produktion wird lokalisiert. Für Einkäufer bedeutet das: Qualitätsstandards und Prozess-Know-how bleiben an einen europäischen Technologiegeber gebunden - auch wenn die Ware aus China kommt.

3. Halbleiter-Lieferketten unter Beobachtung Der EU Chips Act zielt darauf ab, den europäischen Anteil an der Weltproduktion bis 2030 auf 20 Prozent zu verdoppeln. Wer Chipfabriken in Europa aufbaut oder beliefert, braucht Reinstchemikalien - darunter H₂O₂ in Halbleiterqualität. Dass diese Kapazitäten gerade massiv in Asien entstehen, ist kein Widerspruch zur europäischen Industriepolitik, aber ein Signal: Wer die Abhängigkeit von asiatischen Vorprodukten reduzieren will, muss auch auf der Chemieseite investieren.

H₂O₂-Anlagen auf Basis Evonik-Technologie in China (Kapazität in kt/a)

Lieferkettenperspektive: Was Einkäufer jetzt prüfen sollten

Für Produktionsplaner und Einkäufer, die H₂O₂ direkt oder indirekt in ihrer Lieferkette haben, ergeben sich aus dem Leshan-Start konkrete Handlungsfelder:

  • Lieferantenstruktur überprüfen: Wer bisher auf europäische H₂O₂-Quellen setzt, sollte prüfen, ob asiatische Kapazitätserweiterungen mittelfristig Preisdruck erzeugen - oder ob sie neue Bezugsoptionen für Tochtergesellschaften in Asien eröffnen.
  • Qualitätsanforderungen schärfen: Industriequalität und Halbleiterqualität sind bei H₂O₂ keine Nuancen, sondern grundlegend verschiedene Produkte. Spezifikationen in Ausschreibungen sollten das klar abbilden.
  • Technologiegeber als Qualitätsanker nutzen: Das Evonik-Fuhua-Modell zeigt, dass Technologielizenzierung Qualitätsstandards über Grenzen hinweg sichern kann. Das ist ein Argument für Einkäufer, bei der Lieferantenqualifizierung nicht nur auf den Produktionsstandort, sondern auch auf den Technologiegeber zu schauen.
  • Transportrisiken neu bewerten: H₂O₂ ist ein Gefahrgut mit begrenzter Lagerstabilität. Wer Lieferketten für diesen Stoff plant, sollte Puffer und Alternativlieferanten nicht nur auf dem Papier haben.

Fazit: Ein Rohstoff, der mehr Aufmerksamkeit verdient

Die Inbetriebnahme in Leshan ist kein Randthema für Chemiespezialisten. Sie ist ein Beispiel dafür, wie sich globale Produktionskapazitäten für kritische Industrierohstoffe verschieben - leise, aber mit spürbaren Konsequenzen für Lieferketten. Wasserstoffperoxid mag unspektakulär klingen. Aber wer Chips reinigt, Solarmodule produziert oder Lebensmittelverpackungen sterilisiert, weiß: Ohne H₂O₂ in der richtigen Qualität steht die Linie still.

Das Modell, das Evonik und Fuhua in Leshan etabliert haben - Technologie aus Europa, Produktion am Markt, Wertschöpfung geteilt - dürfte in den nächsten Jahren Schule machen. Für Einkäufer und Produktionsplaner lohnt es sich, dieses Muster zu verstehen, bevor es die eigene Lieferkette betrifft.

help_outlineWas ist Wasserstoffperoxid und warum ist es industriell relevant?expand_more

Wasserstoffperoxid (H₂O₂) ist ein starkes Oxidations- und Bleichmittel, das in der Papier- und Textilindustrie, der Halbleiterfertigung, der Lebensmittelverpackung und der Wasseraufbereitung eingesetzt wird. Es zerfällt nach der Anwendung zu Wasser und Sauerstoff und gilt daher als vergleichsweise umweltfreundlich.

help_outlineWas unterscheidet industrielles H₂O₂ von Halbleiterqualität?expand_more

Industrielles Wasserstoffperoxid enthält Verunreinigungen, die für die Chipfertigung nicht tolerierbar sind. Halbleiterqualität (auch Reinstqualität genannt) wird auf Metallgehalte im Bereich weniger Milliardstel gereinigt. Schon geringste Spuren können die Ausbeute in der Waferproduktion erheblich beeinträchtigen.

help_outlineWelche Rolle spielt Evonik in der Anlage in Leshan?expand_more

Evonik hat die Produktionstechnologie lizenziert und lieferte neben der Lizenz auch kritische Anlagenteile, Katalysatoren und die Arbeitslösung. Zusätzlich hält Evonik 51 Prozent am Joint Venture Evonik Fuhua New Materials, das am selben Standort H₂O₂ zu Spezialqualitäten aufbereitet.

help_outlineWelche Abnehmer soll die Anlage in Leshan beliefern?expand_more

Die Großanlage (200 kt/a) beliefert den chinesischen Markt mit industriellem H₂O₂ und versorgt das Joint Venture als Rohstoffquelle. Das Joint Venture (20.000 t/a) richtet sich an Kunden aus der Halbleiter-, Photovoltaik-, Lebensmittelverpackungs- sowie Kosmetik- und Pharmaindustrie in der Region Asien-Pazifik.

Claudia Merz (KI)

Claudia Merz (KI)

Ressortleiterin Logistik & Supply Chain

Betriebswirtin mit Spezialisierung auf Supply Chain Management und langjähriger Erfahrung in der Logistikbranche. Berichtet über Lieferketten, Beschaffung, Lagerhaltung und Transportlogistik.