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Haimer: Die zweite Generation übernimmt - und setzt auf Digitalisierung

Zum 1. August 2026 übernehmen Andreas und Kathrin Haimer sämtliche Anteile der Haimer Gruppe. Was der Generationswechsel für Strategie, Eigentümerstruktur und Technologiekurs bedeutet.

Martin Brückner (KI)
Martin Brückner (KI)Ressortleiter Energie & Nachhaltigkeit
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Foto von Ibrahim Boran auf Unsplash

Zum 1. August 2026 ist bei der Haimer Gruppe vollzogen, was in der deutschen Fertigungsindustrie selten so geräuschlos gelingt: ein vollständiger Eigentümerwechsel innerhalb der Familie - planmäßig, ohne externe Investoren, ohne Bruch in der Unternehmensführung.

Andreas und Kathrin Haimer übernehmen zum 1. August 2026 sämtliche Anteile der Haimer Gruppe und treten als geschäftsführende Gesellschafter in die Verantwortung. Die Gründer Claudia und Franz Haimer geben damit nach fast fünf Jahrzehnten die operative Kontrolle ab - bleiben aber bis Ende 2027 in der Geschäftsführung aktiv und wechseln anschließend in einen neu gegründeten Beirat.

Vom Ein-Mann-Betrieb zum Hidden Champion: 49 Jahre Aufbauarbeit

Claudia und Franz Haimer gründeten das Unternehmen 1977 im bayerischen Igenhausen bei Augsburg. Was als spezialisierter Lohnzulieferer begann, ist heute ein weltweit führender Hersteller von Spannwerkzeugen, Voreinstell-, Schrumpf- und Auswuchttechnik sowie Komplettlösungsanbieter im Bereich Tool Management rund um die Werkzeugmaschine.

Die Kennzahlen belegen den Aufstieg: Die Haimer Gruppe beschäftigt weltweit rund 800 Mitarbeiter, davon über 500 am Stammsitz in Deutschland. Das Unternehmen hält weltweit rund 700 Patente. Die Exportrate überstieg zuletzt die 70-Prozent-Marke - Tendenz steigend. Mit 15 Vertriebs- und Serviceniederlassungen in allen zerspanungsrelevanten Märkten ist Haimer trotz des klaren Bekenntnisses zu "100% made in Germany" längst ein Global Player.

a factory filled with lots of orange machinesPhoto: Simon Kadula / Unsplash

Kein abrupter Schnitt - eine jahrelang vorbereitete Übergabe

Was auf den ersten Blick wie ein Datum aussieht, ist in Wirklichkeit das Ergebnis eines mehr als zehnjährigen Prozesses. Andreas Haimer trat bereits Anfang 2014 als Geschäftsführer und President der Haimer Group in die Unternehmensführung ein. Er übernahm damit Verantwortung für Internationalisierung, Recht, Patente und Finanzen der gesamten Gruppe.

Kathrin Haimer ist seit über 15 Jahren im Unternehmen tätig und leitete seit 2015 den Bereich Personal zunächst als Prokuristin, bevor sie zum 1. Juli 2024 zur Geschäftsführerin bestellt wurde. In der Geschäftsführung verantwortet sie die Bereiche Personal, Ausbildung, Verwaltung und Organisation.

Die Anteilsübertragung zum 1. August 2026 ist damit der formale Abschluss eines strukturierten Übergabeprozesses - kein Neustart, sondern Kontinuität mit veränderter Eigentümerverantwortung. Claudia und Franz Haimer begleiten den Übergang bis Ende 2027 operativ und bringen danach ihre Erfahrung und ihr Netzwerk als Beiratsmitglieder ein.

info Note

Zeitstrahl der Nachfolge bei Haimer

  • 2014 — Andreas Haimer wird Geschäftsführer und President der Haimer Group
  • 2017 — Übernahme der Haimer Microset GmbH in Bielefeld als zweiter Produktionsstandort
  • Juli 2024 — Kathrin Haimer wird zur Geschäftsführerin bestellt
  • 1. August 2026 — Vollständige Anteilsübertragung an die zweite Generation
  • bis Ende 2027 — Claudia und Franz Haimer bleiben operativ in der Geschäftsführung
  • ab 2028 — Gründer wirken im neu gegründeten Beirat mit

Strategische Prioritäten der neuen Eigentümergeneration

Der Generationswechsel ist kein Selbstzweck. Die neue Führung hat klar kommuniziert, wohin die Reise geht. In ihrer neuen Rolle als geschäftsführende Gesellschafter wollen Andreas und Kathrin Haimer den Wachstumskurs fortsetzen und zugleich neue Impulse in den Bereichen Digitalisierung, Automatisierung und Nachhaltigkeit setzen - etwa durch den weiteren Ausbau digitaler Produkte, vernetzter Tool-Room-Lösungen und automatisierter Zellen für Schrumpfen, Voreinstellen und Auswuchten.

Andreas Haimer benennt den technologischen Kern dieser Strategie konkret: Haimer betreibt selbst über 200 Werkzeugmaschinen mit einem jährlichen Zerspanungsvolumen von rund 5.000 Tonnen. Aus dieser Eigenproduktionsperspektive heraus investiert das Unternehmen in KI-fähige Schrumpf-, Wucht- und Voreinstellgeräte, in das "Tool Room of the Future"-Konzept und in globale Kooperationen mit Maschinenherstellern.

Tool Room of the Future: Das Kernangebot für den Shopfloor

Das strategische Leitprodukt der kommenden Jahre ist klar umrissen: Mit dem "Tool Room of the Future" gibt Haimer seinen weltweiten Kunden ein ganzheitliches Werkzeugraum-Konzept für mehr Effizienz, Digitalisierung und Automatisierung an die Hand. Aus einer bislang oft undurchsichtigen Werkzeugmontage als "Black Box" wird ein transparenter, datengestützter Werkzeugrüst- und Voreinstellprozess - mit dem Ziel, die Produktion auch bei größtmöglicher Automatisierung rund um die Uhr laufen zu lassen.

Konkret bedeutet das: Werkzeugdaten werden digital über Software wie WinTool und den Tool Room Manager gemanagt, Voreinstellgeräte, Schrumpfstationen und Auswuchtsysteme sind vernetzt, und der Haimer Automation Cube übernimmt das Aus- und Einschrumpfen sowie das Vermessen von Gesamtwerkzeugen vollautomatisch.

Partnerschaft mit DMG Mori als Wachstumshebel

Besonders relevant für die globale Skalierung dieser Strategie ist die vertiefte Kooperation mit DMG Mori. Die Vereinbarung umfasst die weltweite Integration von Haimer-Lösungen in DMG-Mori-Showrooms, Technologiezentren und Produktionsstandorten - darunter die Werke in Tokio, Iga (Japan) und Pfronten (Deutschland). Für Haimer bedeutet das einen direkten Zugang zur globalen Kundenbasis des Maschinenbauers und eine beschleunigte Marktdurchdringung für das Tool-Room-Konzept.

Was der Wechsel für Kunden und Lieferanten bedeutet

In einer Branche, die gerade unter erheblichem Transformationsdruck steht - Fachkräftemangel, Kostendruck, Zwang zur Automatisierung - ist die Eigentümerstruktur eines Zulieferers keine Nebensache. Eigentümergeführte Familienunternehmen treffen Investitionsentscheidungen typischerweise mit längerem Zeithorizont als kapitalmarktorientierte Konzerne. Haimer betont diesen Punkt explizit: Trotz turbulenter Zeiten in der Metallindustrie bleibt das Unternehmen zu 100 Prozent in deutscher Familienhand - mit dem Versprechen langfristigen und nachhaltigen Handelns gegenüber Kunden, Partnern und Mitarbeitern.

Für Einkäufer und Produktionsleiter, die Haimer-Produkte in ihre Fertigungsprozesse integriert haben, ändert sich operativ zunächst nichts. Die Kontinuität in der Geschäftsführung - beide Geschwister sind seit Jahren im Unternehmen verankert - minimiert Übergangsrisiken. Strategisch hingegen dürfte das Tempo bei Digitalisierungsprojekten eher zunehmen als nachlassen.

Einordnung: Gelungene Nachfolge als Wettbewerbsvorteil

Nachfolgeplanung in Familienunternehmen scheitert häufig nicht an fehlendem Willen, sondern an fehlender Vorbereitung. Das Haimer-Modell - schrittweise Integration der zweiten Generation über mehr als ein Jahrzehnt, klare Ressortverantwortung, parallele Übergangsphase mit den Gründern - ist ein Lehrstück für strukturierte Unternehmensnachfolge im Mittelstand.

Das Ergebnis: Ein Unternehmen, das zum Übergabezeitpunkt keine Führungslücke hat, sondern eine vollständig eingearbeitete zweite Generation, die den strategischen Kurs bereits mitgeprägt hat. Für die Zerspanungsbranche, die auf verlässliche Systempartner angewiesen ist, ist das kein unwichtiges Signal.

Martin Brückner (KI)

Martin Brückner (KI)

Ressortleiter Energie & Nachhaltigkeit

Umweltingenieur und Energieberater mit Schwerpunkt industrieller Energieeffizienz. Berichtet über Energiekosten, Energiewende in der Industrie, CO2-Regulierung, CSRD und nachhaltige Produktion.