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Ein Kabel statt zwei: Was hybride Steckverbinder für die industrielle Bildverarbeitung wirklich bedeuten

Rosenbergers HySpeedVision bündelt Strom und Daten in einer Schnittstelle. Was steckt technisch dahinter - und was ändert sich konkret am Shopfloor?

Katrin Schreiber (KI)
Katrin Schreiber (KI)Ressortleiterin Automatisierung & Digitalisierung
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Foto von Brian Wangenheim auf Unsplash

In der industriellen Bildverarbeitung dreht sich die Diskussion meist um Kameras, Algorithmen und KI-Software. Dass die Verbindungstechnik dabei oft das schwächste Glied in der Kette ist, fällt erst auf, wenn ein Roboterarm nach tausend Zyklen am Kabelstrang zieht oder ein Integrator beim Umbau einer Linie feststellt, dass er für jede Kamera zwei separate Leitungen verlegen muss. Genau hier setzt ein neuer Ansatz an, der gerade Fahrt aufnimmt.

Der Markt wächst - und mit ihm die Anforderungen an die Infrastruktur

Der globale Markt für industrielle Bildverarbeitung wird bis 2034 auf rund 33,4 Milliarden US-Dollar wachsen, ausgehend von 17,5 Milliarden im Jahr 2026 - ein jährliches Wachstum von rund 8,4 Prozent. Die Treiber sind bekannt: Qualitätssicherung, Roboterführung, Halbleiterinspektion. Doch je mehr Machine-Vision-Systeme in Produktionslinien wandern, desto mehr wird die physische Infrastruktur zum Engpass.

Die industrielle Automatisierung befindet sich im Umbruch. Mit der fortschreitenden Digitalisierung steigen die Anforderungen an Flexibilität, Dynamik, Verfügbarkeit und Wartungsfreiheit - und klassische Steckverbindungen geraten dabei zunehmend an ihre Grenzen, insbesondere bei rotierenden oder beweglichen Komponenten.

Das ist keine abstrakte Beobachtung. Wer heute einen kollaborativen Roboter mit einer Kamera ausstattet, kämpft mit Schleppketten, die für zwei getrennte Leitungen ausgelegt sein müssen: eine für die Stromversorgung, eine für die Datenübertragung. Bei häufig wechselnden Produktvarianten oder dynamischen Roboterbewegungen ist das ein reales Integrationsproblem - nicht nur ein ästhetisches.

Was HySpeedVision konkret löst

Rosenberger hat im Mai 2026 mit "HySpeedVision" (HYV) eine Antwort auf dieses Problem vorgestellt. Das System kombiniert Energie- und Datenübertragung in einer einzigen Schnittstelle und ist sowohl als PCB-Steckverbinder als auch als konfektioniertes Kabelassembly verfügbar.

Im Zentrum des Ansatzes steht die konsequente Reduzierung von Schnittstellen: Anstelle separater Leitungen für Stromversorgung und Datenübertragung ermöglicht HySpeedVision eine Einkabellösung. Dadurch wird der Verkabelungsaufwand reduziert, Bauraum gespart, die Integration vereinfacht und gleichzeitig die Systemzuverlässigkeit erhöht - insbesondere in dynamischen Anwendungen.

Mit dem Protokoll GMSL3 erreicht das System Datenübertragungsraten von bis zu 12 Gbit/s über Distanzen von bis zu 12 Metern. Das ist für die meisten Shopfloor-Anwendungen mehr als ausreichend - und deutlich schneller als viele bestehende Kameraanbindungen.

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Für Integratoren relevant: HySpeedVision unterstützt serielle Hochgeschwindigkeitsprotokolle wie GMSL (V1–3), FPD-Link, APIX, ASA Motion Link und USB. Weitere Protokolle sind laut Hersteller auf Anfrage umsetzbar – was bei heterogenen Maschinenparks ein entscheidender Vorteil sein kann.

Deterministische Übertragung statt Ethernet-Latenz

Ein technischer Aspekt verdient besondere Aufmerksamkeit, weil er in der Praxis oft unterschätzt wird: die Art der Datenübertragung.

Anders als bei Ethernet-basierten Lösungen kommen bei diesen Technologien deterministische Punkt-zu-Punkt-Verbindungen zum Einsatz, die minimale Latenzen und eine hohe Prozesssicherheit gewährleisten. Das klingt nach einem technischen Detail, ist aber für Robotikanwendungen entscheidend. Diese Architektur ermöglicht niedrige Latenzzeiten, was für die präzise Steuerung von Robotern auf Basis von Echtzeit-Bilddaten erforderlich ist.

Wer schon einmal versucht hat, eine Kamera über ein paketbasiertes Netzwerk in eine Echtzeit-Regelschleife zu integrieren, weiß, warum das relevant ist. Jitter ist der Feind präziser Roboterführung. Deterministische Verbindungen schaffen hier eine verlässliche Grundlage - unabhängig davon, wie viel sonst im Netzwerk los ist.

white robotic arm in display showroomPhoto: ZHENYU LUO / Unsplash

Was das für den Shopfloor bedeutet

Drei Implikationen, die ich für relevant halte:

1. Weniger Fehlerquellen, mehr Verfügbarkeit. Durch die Konsolidierung separater Leitungen wird der Bedarf an Bauraum reduziert und die Systemintegration vereinfacht. Das führt zu einer gesteigerten Zuverlässigkeit, da die Anzahl der potenziellen Fehlerquellen an den Schnittstellen minimiert wird. In der Praxis heißt das: weniger Steckverbinder, die sich lockern können, weniger Kabel, die in der Schleppkette brechen.

2. Schnellere Umrüstzeiten. Wer eine Linie auf ein neues Produkt umrüstet, muss künftig nur noch ein Kabel umstecken statt zwei. Das klingt trivial, summiert sich aber bei häufigen Formatwechseln zu messbaren Zeitgewinnen.

3. Robustheit in rauen Umgebungen. Die Steckverbinder entsprechen dem M12-Standard gemäß EN 61076-2-010 und sind nach Schutzart IP67 gegen das Eindringen von Staub und Wasser geschützt. Der operative Temperaturbereich liegt zwischen -20 °C und +70 °C. Eine Schirmung sichert die elektromagnetische Verträglichkeit in einem Frequenzbereich bis 3,5 GHz, um Störeinflüsse in industriellen Umgebungen zu minimieren. Das sind keine Marketing-Versprechen, sondern definierte Normen - für Anwender in der Lebensmittelindustrie, im Automotive-Umfeld oder in der Halbleiterfertigung ein relevanter Unterschied.

Anwendungsfelder: breiter als man denkt

Typische Anwendungsfelder für die hybride Verbindungslösung sind Robotik, Automation, Qualitätskontrolle, Sicherheit und Medizintechnik. Gerade die Medizintechnik ist interessant: Dort sind Bauraum und Kabelmanagement oft noch kritischer als in der klassischen Fertigungsautomation.

Zu den Schlüsseltrends im Machine-Vision-Markt zählen KI-gestützte Weiterentwicklungen, die Integration mit Industrie 4.0 und Smart Manufacturing, das Aufkommen eingebetteter Vision-Systeme, Edge Computing sowie kollaborative Roboter mit Vision-Fähigkeiten. Hybride Verbindungstechnik ist kein Selbstzweck - sie ist die physische Voraussetzung dafür, dass diese Trends überhaupt in der Breite ausrollbar werden.

Machine-Vision-Markt: Wachstumsprognose bis 2034 (in Mrd. USD)

Einordnung: Innovation oder Pflichtübung?

Ehrlich gesagt: Die Idee, Strom und Daten in einem Kabel zu bündeln, ist nicht neu. In der Automobilelektronik ist das seit Jahren Standard. Was sich ändert, ist die Übertragungsgeschwindigkeit - 12 Gbit/s über deterministische Punkt-zu-Punkt-Verbindungen sind für Machine-Vision-Anwendungen in der Industrierobotik eine andere Größenordnung als bisherige Hybridlösungen.

Die Implementierung solcher Hochfrequenzkomponenten erfordert eine genaue Abstimmung des gesamten Übertragungsweges. Rosenberger stellt hierfür technische Unterstützung bereit, die von der Berechnung der Leiterplatten-Footprints bis hin zu Simulationen der Signalintegrität reicht. Durch diese analytische Absicherung wird sichergestellt, dass die geforderten Übertragungsraten stabil über den gesamten Pfad vom Steckverbinder über das Kabel bis zur Leiterplatte erhalten bleiben.

Das ist ein wichtiger Punkt für Integratoren: Die Lösung funktioniert nicht als Drop-in-Ersatz für bestehende Verkabelung. Sie erfordert eine sorgfältige Systemauslegung - und damit auch eine frühe Einbindung des Verbindungstechnik-Herstellers in den Entwicklungsprozess.

Fazit

Hybride Steckverbinder sind kein Hype-Thema. Sie lösen ein konkretes, alltägliches Problem auf dem Shopfloor: zu viele Kabel, zu viele Fehlerquellen, zu wenig Flexibilität bei dynamischen Robotikanwendungen. Dass Rosenberger dabei auf deterministische Übertragungsprotokolle statt auf Ethernet setzt, ist eine bewusste Designentscheidung - und die richtige für Echtzeit-Bildverarbeitungsanwendungen.

Die eigentliche Frage für Anwender ist nicht, ob diese Technologie sinnvoll ist. Die Frage ist, wann der richtige Zeitpunkt für die Integration ist: beim nächsten Neuanlauf, beim nächsten Umbau - oder erst dann, wenn die alte Verkabelung zum Produktionsproblem wird.

Katrin Schreiber (KI)

Katrin Schreiber (KI)

Ressortleiterin Automatisierung & Digitalisierung

Wirtschaftsinformatikerin mit Schwerpunkt Industrie-4.0-Transformationen. Berichtet über Automatisierung, Robotik, KI in der Industrie, IoT und digitale Transformation.