Der Linzer Automatisierungsspezialist Keba hat sein Geschäftsjahr 2025/26 mit einem klaren Signal abgeschlossen: Wachstum trotz widrigem Umfeld - und ein strategischer Schwenk, der über das Kerngeschäft hinausweist. Mit der Gründung von Keba Digital tritt das Unternehmen erstmals als eigenständiger Anbieter von KI-Lösungen auf, unabhängig von der eigenen Hardware. Das ist mehr als eine Produkterweiterung. Es ist eine Neudefinition des Geschäftsmodells.
Solides Wachstum in einem schwierigen Marktjahr
Die Keba Gruppe erzielte im Geschäftsjahr 2025/26 (April 2025 bis März 2026) einen Gesamtumsatz von 544,4 Millionen Euro - ein Plus von rund sechs Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das klingt zunächst unspektakulär. Wer aber den Kontext kennt, liest die Zahl anders.
Europa war im abgelaufenen Geschäftsjahr von schwacher Konjunktur, zurückhaltenden Investitionsentscheidungen und geopolitischen Unsicherheiten geprägt. Der europäische Maschinen- und Anlagenbau - einer der Kernmärkte von Keba - investierte spürbar zurückhaltend. Dass das Unternehmen dennoch zulegte, verdankt es seiner geografischen Streuung: Rund 89 Prozent des Umsatzes erwirtschaftete die Gruppe im Ausland, davon rund 64 Prozent in der EU ohne Österreich, 17 Prozent in Asien und rund 8 Prozent im Rest der Welt. Positive Impulse kamen vor allem aus Asien und den USA - Regionen, die den europäischen Gegenwind zumindest teilweise kompensierten.
CEO Christoph Knogler bringt es auf eine Formel, die das Unternehmen seit Jahren konsequent lebt: "Keba hat erneut gezeigt, dass Breite, Technologiekompetenz und Kundennähe eine starke Basis für Stabilität und Wachstum sind." Diversifikation als Resilienzstrategie - das ist bei Keba kein Lippenbekenntnis, sondern strukturell verankert.
F&E-Quote von fast 17 Prozent - ein klares Bekenntnis
Wer in einem schwierigen Marktjahr wächst, könnte versucht sein, die Investitionsschraube zurückzudrehen. Keba tut das Gegenteil. Im Geschäftsjahr 2025/26 flossen 91,8 Millionen Euro in Forschung und Entwicklung - das entspricht einer F&E-Quote von rund 16,9 Prozent des Umsatzes.
Für ein Unternehmen mit rund 2.100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist das ein erheblicher Aufwand. CFO Andreas Schoberleitner formuliert die dahinterliegende Logik nüchtern: "Es geht nicht darum, Trends zu folgen, sondern bestehende Kompetenzen in Zukunftsfelder zu überführen." Das ist eine Aussage, die man ernst nehmen sollte - gerade weil sie implizit eine Warnung enthält: KI-Investitionen ohne industrielle Substanz verpuffen.
Keba Digital: Das neue Standbein
Der eigentliche strategische Schritt des Geschäftsjahres ist die Gründung von Keba Digital. Die neue Einheit wurde im Laufe des Geschäftsjahres 2025/26 vorbereitet, gegen Ende des Jahres formal gegründet und der Öffentlichkeit im Juni 2026 offiziell vorgestellt.
Was steckt dahinter? Keba bündelt damit erstmals seine Software- und KI-Kompetenzen in einer eigenständigen Gesellschaft - und bietet sie hardwareunabhängig an. Das ist strukturell neu. Bislang war Software bei Keba stets ein integraler Bestandteil der eigenen Produkte: von Industriesteuerungen über Geldautomaten bis zu Paketstationen und Ladeinfrastruktur. Mit Keba Digital wird diese Expertise erstmals als eigenständiges Produkt vermarktet.
Keba Digital kombiniert die Softwareerfahrung des Konzerns mit dem KI-Know-how der 2025 übernommenen 7LYTIX GmbH, eines oberösterreichischen KI-Spezialisten, der nach seiner Insolvenz von Keba übernommen wurde. Die Übernahme war kein Zufallskauf - sie war die gezielte Vorbereitung auf genau diesen Schritt.
Photo: Julia Taubitz / UnsplashWas Keba Digital konkret anbietet
Das Angebot von Keba Digital richtet sich an Unternehmen, die KI nicht als Pilotprojekt, sondern als produktiven Bestandteil ihrer Wertschöpfung einsetzen wollen. Die neue Einheit begleitet Kunden von der strategischen Beratung über die Entwicklung intelligenter Softwarelösungen bis hin zum laufenden Betrieb moderner Softwareumgebungen.
Dabei ist der Anspruch explizit kein rein technologischer: KI wird nicht als isoliertes Element verstanden, sondern als integraler Bestandteil industrietauglicher Softwarearchitekturen. Das Zielpublikum ist breit - neben industriellen Anwendungen adressiert Keba Digital auch regulierte Sektoren wie das Gesundheits- und Finanzwesen.
Operativ geführt wird die neue Einheit von CEO Sulejman Ganibegovic, einem erfahrenen Unternehmer mit Exit-Erfahrung im Softwarebereich, und CTO Hannes Kaufmann, der zuvor als Leiter der Softwareentwicklung bei Keba Industrial Automation Softwarearchitekturen für Robotik und Produktionsanlagen verantwortete. Die Kombination ist bewusst gewählt: unternehmerisches Denken trifft auf industrielle Systemkompetenz.
Drei Geschäftsfelder, unterschiedliche Dynamiken
Keba operiert in drei Bereichen: Industrial Automation, Handover Automation und Energy Automation. Das Geschäftsjahr verlief in allen drei Feldern, aber mit unterschiedlichem Tempo.
In der Industrial Automation blieb das Marktumfeld anspruchsvoll - der europäische Maschinenbau investierte verhalten. Keba arbeitete dennoch an KI-Lösungen, die Maschinen durch On-Device-AI präziser und flexibler machen sollen. Digitale Souveränität und Echtzeitfähigkeit sind dabei die zentralen Anforderungen.
Die Handover Automation - Bankautomaten und Paketstationen - entwickelte sich erfreulich. Mit der neuen Paketstation loxmate präsentierte Keba eine Lösung, die durch Photovoltaik und Akkutechnologie autark betrieben werden kann. Das KI-Assistenzsystem KeBob, das sicherheitsrelevante Situationen in Selbstbedienungsbereichen erkennt, wurde weiterentwickelt.
Im Bereich Energy Automation setzte Keba auf neue Schnellladelösungen für Elektroautos und Lastkraftwagen - ein Segment, das mittelfristig weiter wachsen dürfte.
Einordnung: Was dieser Schritt bedeutet
Keba ist kein Startup, das KI entdeckt. Das Unternehmen verfügt nach eigenen Angaben über mehr als 40 Jahre Erfahrung in der Entwicklung industrieller Softwarelösungen. Die Gründung von Keba Digital ist insofern keine Kurskorrektur, sondern eine Konsequenz - die logische Weiterentwicklung einer Kompetenz, die bislang im Verborgenen wirkte.
Was sich ändert: Der Adressierbare Markt wird größer. Wer KI-Lösungen hardwareunabhängig anbietet, ist nicht mehr auf den eigenen Kundenstamm beschränkt. Keba Digital kann prinzipiell jedes Industrieunternehmen ansprechen - unabhängig davon, ob es Keba-Steuerungen oder Keba-Ladeinfrastruktur einsetzt.
Das ist strategisch relevant, weil es Keba in eine Kategorie bringt, in der bislang vor allem reine Softwareanbieter und große Plattformkonzerne aktiv sind. Der Unterschied, den Keba für sich reklamiert: Praxisnähe. Wer selbst produziert, versteht Produktionsprozesse anders als wer sie nur modelliert.
Ob dieser Anspruch am Markt trägt, wird sich zeigen. Die Grundlagen - Softwarekompetenz, industrielle Erfahrung, eine integrierte KI-Einheit - sind vorhanden. Die Frage ist, wie schnell Keba Digital skalieren kann und ob das Corporate-Startup-Modell die nötige Agilität liefert, um im Wettbewerb mit spezialisierten KI-Anbietern zu bestehen.
Für die produzierende Industrie jedenfalls ist das Angebot interessant: ein Anbieter, der KI nicht als Versprechen verkauft, sondern aus der eigenen Fertigungspraxis heraus entwickelt.
Was ist Keba Digital?
Keba Digital ist eine im Juni 2026 offiziell vorgestellte neue Unternehmenseinheit der Keba Gruppe. Sie bündelt die Software- und KI-Kompetenzen des Konzerns und bietet industrietaugliche KI-Lösungen erstmals unabhängig von Keba-Hardware an.
Was hat Keba mit 7LYTIX zu tun?
Keba übernahm 2025 den insolventen oberösterreichischen KI-Spezialisten 7LYTIX. Dessen KI-Expertise fließt direkt in Keba Digital ein und bildet neben der langjährigen Softwarekompetenz des Konzerns die technologische Grundlage der neuen Einheit.
Wie hoch ist die F&E-Quote von Keba?
Im Geschäftsjahr 2025/26 investierte Keba 91,8 Millionen Euro in Forschung und Entwicklung. Das entspricht einer F&E-Quote von rund 16,9 Prozent des Gesamtumsatzes.
Welche Märkte adressiert Keba Digital?
Keba Digital richtet sich primär an industrielle Anwendungen, adressiert aber auch regulierte Sektoren wie das Gesundheits- und Finanzwesen. Die Lösungen sind hardwareunabhängig und damit branchenübergreifend einsetzbar.





