Wenn das Boarding stockt, denken die meisten Passagiere an überfüllte Sicherheitskontrollen oder verspätetes Gepäck. Dass hinter der Gangway eine hochkomplexe Mechanik steckt, die bei einem einzigen Leitungsdefekt den gesamten Abfertigungsprozess zum Stillstand bringen kann, ist kaum jemandem bewusst. Genau hier setzt eine aktuelle Lösung des Fluggastbrücken-Herstellers REEL an - und zeigt, wie durchdachte Leitungsführung zur Schlüsseltechnologie im modernen Flughafenbetrieb wird.
Das unterschätzte Herzstück der Fluggastbrücke
Die automatisierte Fluggastbrücke muss sich über mehrere Ebenen bewegen: Sie fährt wie ein Teleskop ein und aus, schwenkt, hebt sich an und senkt sich ab, um verschiedene Flugzeugtypen zu erreichen. Jede dieser Bewegungen muss von einem Bündel aus Energie- und Datenleitungen mitgemacht werden - zuverlässig, tausende Male, unter Witterungsbedingungen, die von Frost bis Sommerhitze reichen.
In einer Bewerbung für den igus-"vector award 2026" nennt REEL einen geforderten Temperaturbereich von -20 bis 40 °C. Die Komponenten müssten außerdem gegenüber Kerosin, Enteisungsmitteln und Strahlung beständig sein. Das sind Bedingungen, die handelsübliche Leitungsführungen schlicht nicht erfüllen.
Kommt es zu einem Leitungsdefekt, kann das den Boardingprozess verzögern. In einem straff getakteten Flughafenbetrieb ist das keine Kleinigkeit: Eine anfängliche Störung von 20 Minuten an einem großen Flughafen kann innerhalb weniger Stunden Dutzende weitere Flüge um 30 Minuten oder mehr verzögern.
Photo: C Cai / UnsplashDrei Bewegungsachsen, drei Kettensysteme
Die eigentliche Ingenieursleistung liegt im Zusammenspiel mehrerer Energiekettensysteme des Kölner Herstellers igus. REEL hat die Leitungsführung in drei funktionale Zonen aufgeteilt, die jeweils unterschiedliche Anforderungen stellen.
Zone 1 - Der stehende Hauptkanal: REEL führt die Leitungen in mehreren Energieketten des Kölner Herstellers igus. Im Hauptteleskop läuft eine stehende Kette in einem eingehausten metallischen Kanal. Diese Konstruktion schützt die Leitungen vor direkter Witterungseinwirkung und mechanischer Beschädigung durch Bodenfahrzeuge.
Zone 2 - Der mittlere Teleskopauszug: Beim teleskopischen Ein- und Ausfahren über drei Teleskopauszüge beträgt der Verfahrweg insgesamt 17,35 Meter. Beim teleskopischen Ein- und Ausfahren über drei Teleskopauszüge mit einem Verfahrweg von insgesamt 17,35 Metern bewegt sich ein Teil der E-Kette mit dem beweglichen Brückensegment, während der andere am festen Segment befestigt bleibt. In einer weiteren Energiekette der Serie E4.21, die horizontal zwischen Ober- und Untertrum der stehenden E-Kette verfährt, sind Energie- und Datenleitungen für den mittleren Teleskopauszug untergebracht.
Zone 3 - Die dreidimensionale Höhenverstellung: Am Ende des Führungskanals haben die Konstrukteure schließlich einige Leitungen in eine zweite, dreidimensional bewegliche Energiekette der Serie triflex für die Höhenverstellung überführt. Die triflex-Kette ist für genau solche Mehrachsbewegungen ausgelegt - sie folgt dem Brückenkopf beim Andocken an unterschiedliche Flugzeugtypen, ohne die Leitungen zu überbiegen oder zu verdrehen.
Warum die Kettenauswahl entscheidend ist: Frühere Lösungen mit Kabelschlepps oder Festoon-Systemen (hängende Kabelschlaufen) haben sich im Dauerbetrieb als störungsanfällig erwiesen. Energieketten definieren den Biegeradius, verhindern Scheuern und erlauben eine geordnete Leitungsbelegung – entscheidende Vorteile, wenn Wartungsfenster am Flughafen auf wenige Stunden begrenzt sind.
Was die Kombination leistet
"Durch dieses geschickte Zusammenspiel der E-Ketten bleiben die Leitungen über den gesamten Bewegungsablauf kontrolliert geführt und vor mechanischen Belastungen wie Scheuern, Einklemmen und übermäßiger Biegung geschützt. Das reduziert das Risiko von Leitungsdefekten und erhöht die Betriebssicherheit der Fluggastbrücke", erklärt Markus Marienfeld, technischer Verkaufsberater bei igus, der das Projekt mitbetreut.
Die Brücke ist dabei nicht nur mechanisch robuster, sondern auch intelligenter geworden. Die modernisierte Brücke besitzt eine automatische Höhenanpassung. Sie führt die angedockte Kabine nach, wenn sich die Höhe des Flugzeugs beim Be- oder Entladen verändert. Der Übergang zwischen Brücke und Tür soll dadurch stabil bleiben. Das ist relevant, weil sich während Passagiere aussteigen, Gepäck entladen und Treibstoff aufgenommen wird, die Masse des Flugzeugs verändert - und dadurch der Rumpf gegenüber dem Boden etwas heben oder senken kann.
Für den Notfall ist ebenfalls vorgesorgt: Weitere Sicherheitseinrichtungen überwachen nach Angaben von REEL die Kabinen- und Tunnelbremsen, die Kabinenkette sowie die sogenannten Tunnelseile. Bei einem Ausfall der regulären Steuerung steht zudem eine Notsteuerung zur Verfügung. Die Anlage ist in die Netzwerk- und Überwachungssysteme des Flughafens eingebunden.
Ein Trend, der Fahrt aufnimmt
Die REEL-Lösung steht nicht allein. Die Automatisierung von Fluggastbrücken hat in den vergangenen Jahren deutlich an Dynamik gewonnen - getrieben von zwei Faktoren: dem Fachkräftemangel und dem Druck auf Abfertigungszeiten.
Ein Flughafen mit effizienten und klimaschonenden Abläufen war das Ziel des Verbundprojektes FastGate. Am 22. August 2025 stellte das Fraunhofer IEM mit seinen Projektpartnern die Ergebnisse auf dem Airport Paderborn/Lippstadt vor. Und die können sich sehen lassen: Die Fluggast-Brücke kann jetzt automatisiert unterwegs sein.
Im Blickpunkt des Projekts FastGate steht die Automatisierung einer Fluggast-Brücke, mit der Airports auch das schwer verfügbare Fachpersonal kompensieren können. Die Projektpartner haben eine SPS-Steuerung und einen Roboter implementiert, der die Brücke auf Basis eines robusten und intelligenten Sensornetzes führen kann. Er steuert die Flugzeug-Türen von Passagiermaschinen wie dem Airbus A320 und der Boeing 737 an.
Am Flughafen Paderborn/Lippstadt wurde im August 2025 das Forschungsprojekt FastGate erfolgreich abgeschlossen - als erstes Projekt dieser Art in Deutschland. Der digitale Zwilling - also "das Gehirn" des Projekts - steuert den Roboter und stellt auch Daten für virtuelle Umgebungen bereit, die beispielsweise für Trainings nutzbar sind. Der Zwilling ist mit einem iPad verbunden, auf dem eine komplette Echtzeit-Simulation der realen Geschehnisse auf dem Vorfeld stattfindet. Eine intelligente Objekterkennung auf dem Vorfeld gewährleistet hohe Sicherheit während des Abfertigungsvorgangs.
Auch die Fernsteuerung rückt in den Fokus: Hersteller wie TK Elevator arbeiten an automatisierten und zentral ferngesteuerten Fluggastbrücken. Das Unternehmen demonstrierte 2025 die Echtzeitsteuerung einer Anlage in Nordspanien aus mehr als 1700 km Entfernung.
Was noch offen bleibt
Trotz der technischen Plausibilität der Lösung ist Nüchternheit angebracht. Die Veröffentlichung enthält allerdings keine Daten zu absolvierten Bewegungszyklen, Ausfallraten oder Wartungsintervallen. Damit bleibt offen, wie groß der praktische Vorteil der neuen Leitungsführung im Dauerbetrieb tatsächlich ist. Die technische Aufgabe ist plausibel gelöst, der Nachweis einer höheren Verfügbarkeit steht jedoch noch aus.
Das ist kein Makel, sondern der normale Stand der Technik bei einer noch jungen Anwendung. Belastbare Langzeitdaten entstehen erst im Regelbetrieb - und der beginnt jetzt, an Flughäfen wie Paderborn/Lippstadt und bei Projekten wie dem von REEL. Die Branche schaut genau hin.
Fazit: Kleine Kette, große Wirkung
Was auf den ersten Blick wie ein Detail der Elektroinstallation wirkt, entpuppt sich als systemkritische Komponente. Die Leitungsführung in einer automatisierten Fluggastbrücke ist kein Zubehör - sie ist die Voraussetzung dafür, dass Automatisierung überhaupt funktioniert. Wer Boarding-Prozesse beschleunigen und Ausfälle minimieren will, muss die Kabelführung mit derselben Sorgfalt planen wie die Steuerungssoftware oder die Sensorik.
Über die 18 Fluggastbrücken des Flughafens Köln/Bonn laufen pro Jahr knapp zehn Millionen Fluggäste. Für jeden einzelnen von ihnen ist eine funktionierende Brücke selbstverständlich. Dass dahinter eine ausgeklügelte Kombination aus Energieketten, Führungskanälen und Hochleistungskunststoffen steckt, bleibt unsichtbar - und das ist genau der Punkt.





