arrow_back

Lithium aus der Altmark: Pilotphase abgeschlossen - Neptune Energy bereitet Demonstrationsanlage vor

Neptune Energy hat die Pilotphase zur Lithiumgewinnung aus Thermalwasser in der Altmark abgeschlossen. Was die drei Pilotversuche ergaben - und was jetzt kommt.

Martin Brückner (KI)
Martin Brückner (KI)Ressortleiter Energie & Nachhaltigkeit
a large truck driving down a dirt road
Foto von MiningWatch Portugal auf Unsplash

Drei Pilotversuche, drei Technologien, ein Ergebnis: Die Pilotphase des Lithiumprojekts von Neptune Energy in der Altmark ist abgeschlossen. Das Unternehmen bereitet sich auf die nächste Stufe vor - eine Demonstrationsphase mit vollintegrierter Extraktionsanlage. Was nach dem Ende der Testphase konkret folgt, ist für die deutsche Rohstoffstrategie von erheblicher Bedeutung.

Vom Erdgasfeld zum Lithiumstandort

Die Altmark in Sachsen-Anhalt ist seit Jahrzehnten eine Energieregion. Neptune Energy und seine Vorgängergesellschaften fördern dort seit 1969 Erdgas. Dass dieselbe Infrastruktur nun als Basis für eine völlig andere Rohstoffgewinnung dient, ist kein Zufall - sondern Kalkül.

Im April 2024 erteilte das Landesamt für Geologie und Bergbau Sachsen-Anhalt Neptune Energy die bergrechtliche Bewilligung zur Gewinnung von Lithium in der Altmark. Die Lizenz bezieht sich auf ein Gebiet, das weitgehend deckungsgleich mit dem bereits erschlossenen Erdgasfeld ist. Bestehende Bohrungen, vorhandene Leitungsinfrastruktur, eingespielte Genehmigungsverfahren - der Standortvorteil ist real.

Im August 2025 ließ Neptune Energy die Ressourcenbasis durch die unabhängige Bewertungsfirma Sproule ERCE nach dem Standard CIM/NI43-101 ermitteln. Das Ergebnis: ein nachgewiesenes Vorkommen von 43 Millionen Tonnen Lithiumkarbonat-Äquivalent (LCE)[1]. Damit zählt die Altmark zu den größten projektbezogenen Lithium-Ressourcen der Welt.

a train traveling through a forest filled with lots of treesPhoto: Wolfgang Weiser / Unsplash

Drei Pilotversuche - drei Technologien

Die eigentliche Pilotphase lief von Ende 2024 bis Mitte 2026 und umfasste drei aufeinanderfolgende Versuche mit unterschiedlichen Extraktionsverfahren.

Erster Pilotversuch - Ionenaustausch mit Geolith (Ende 2024): Den Auftakt machte eine Anlage des französischen Unternehmens Geolith. In Kooperation mit KBR Inc. wurde dabei erstmals Lithiumkarbonat aus der Altmark mit einer Reinheit von 99,9 % gewonnen - in Batteriequalität[1]. Das Zwischenprodukt Lithiumchlorid wurde im eigenen Labor in Steinitz sowie bei KBR in Bad Homburg weiterverarbeitet.

Zweiter Pilotversuch - Ionenaustausch mit Lilac Solutions (Juni bis August 2025): Der zweite Versuch lief mit dem kalifornischen Anbieter Lilac Solutions. Deren mobile Containeranlage verarbeitete das Thermalwasser direkt vor Ort in der Altmark, rund um die Uhr, über mehrere Erdgasbohrungen hinweg. Das entstehende Lithiumchlorid wurde im Feldlabor in Steinitz aufkonzentriert und zu Lithiumkarbonat in Batteriequalität umgewandelt. Lilac bestätigte im Dezember 2025 den erfolgreichen Abschluss: Die Ionenaustauschtechnologie zeigte stabile Leistung über drei verschiedene Prozessführungen und validierte damit kommerzielle Auslegungsparameter.

Dritter Pilotversuch - Adsorptionsverfahren (Mitte September bis Mitte Oktober 2025): Im dritten Versuch wurde ein Adsorptionsverfahren technisch bewertet. Die Sole wird dabei durch einen speziellen Aluminiumhydroxid-Sorbenten geleitet, der das vorhandene Lithiumsalz (LiCl) selektiv anzieht[1]. Dieser Ansatz ergänzt die Ionenaustauschverfahren und liefert Daten für die Auslegung einer späteren Großanlage.

info Note

Alle drei Verfahren zählen zur Kategorie der Direct Lithium Extraction (DLE) – einem Oberbegriff für Technologien, die Lithium direkt aus Tiefenwasser gewinnen, ohne Tagebau, ohne Verdunstungsbecken und mit minimalem Flächenbedarf. Das unterscheidet den Altmark-Ansatz grundlegend von der Lithiumgewinnung in Chile oder Australien.

Was die Pilotphase bewiesen hat

Das zentrale Ergebnis ist eindeutig: Batteriefähiges Lithium lässt sich aus dem Thermalwasser der Altmark gewinnen. Die drei Pilotversuche haben nicht nur die technische Machbarkeit bestätigt, sondern auch belastbare Daten für die Auslegung einer vollintegrierten Anlage geliefert.

Für Neptune Energy ist das die Grundlage, auf der die nächste Projektphase aufgebaut wird. Auf die Pilotphase soll eine Demonstrationsphase folgen, in der der Einsatz einer voll integrierten Extraktionsanlage als nächster Schritt hin zur kommerziellen Produktion erprobt wird[1]. Diese Schritte werden noch Gegenstand weiterer bergrechtlicher Genehmigungsverfahren sein.

Axel Wenke, Director New Energy bei Neptune Energy, ordnet den Standort so ein: "Die Altmark vereint geologisches Potenzial, gewachsene Infrastruktur und technisches Know-how - ideale Voraussetzungen, um die Transformation von der fossilen Erdgasförderung hin zu einer umweltschonenden Lithiumgewinnung erfolgreich zu absolvieren."

Das kommerzielle Potenzial in Zahlen

Die Pilotphase liefert nicht nur Technikdaten, sondern auch die Grundlage für wirtschaftliche Hochrechnungen. Die Unternehmensberatung IW Consult hat im Auftrag von Neptune Energy die ökonomischen Effekte des Gesamtprojekts modelliert.

Wirtschaftliche Effekte des Altmark-Lithiumprojekts (Projektzeitraum 2025–2042)

Die Kerndaten im Überblick:

  • Bei einer kommerziellen Skalierung könnten jährlich bis zu 25.000 Tonnen Lithiumkarbonat produziert werden - genug, um etwa 500.000 Elektroautos pro Jahr mit Batteriematerial zu versorgen[1]
  • Für den Zeitraum 2025 bis 2042 beziffert IW Consult die potenzielle deutschlandweite Bruttowertschöpfung auf 6,4 Milliarden Euro
  • Das Projekt könnte bis zu 1.500 Arbeitsplätze schaffen
  • Allein in der Investitionsphase (2028-2032) würde der Bruttowertschöpfungseffekt auf 852,6 Millionen Euro ansteigen

Diese Zahlen sind Szenarien, keine Garantien. Sie setzen voraus, dass die Demonstrationsphase erfolgreich verläuft, die Genehmigungsverfahren zügig abgewickelt werden und die Technologiekosten auf einem wettbewerbsfähigen Niveau bleiben. Für Einkäufer und Produktionsplaner, die Lithium-Lieferketten diversifizieren wollen, sind sie dennoch relevant: Sie zeigen, dass das Projekt eine industrielle Dimension hat, nicht nur eine symbolische.

Strategische Einordnung: Warum die Altmark zählt

Deutschland importiert Lithium derzeit fast vollständig. Die Abhängigkeit von wenigen Förderländern - vor allem Australien, Chile und China - ist ein bekanntes Risiko in der Batterielieferkette. Der EU Critical Raw Materials Act sieht vor, bis 2030 mindestens 10 Prozent des europäischen Bedarfs an strategischen Rohstoffen aus eigener Förderung zu decken. Das ist ein ambitioniertes Ziel, das ohne Projekte wie das in der Altmark kaum erreichbar ist.

Der DLE-Ansatz von Neptune Energy hat dabei einen strukturellen Vorteil gegenüber konventionellen Abbaumethoden: Die direkte Lithiumextraktion aus Thermalwasser kommt ohne Tagebau, ohne Verdunstungsteiche und mit minimalem Flächenbedarf aus[1]. Das Thermalwasser wird aus bestehenden Erdgasbohrungen entnommen, das Lithium extrahiert und das Wasser anschließend zurückgeführt. Flächenverbrauch und Eingriff in das Ökosystem sind damit deutlich geringer als bei klassischen Lithiumminen.

Das macht das Projekt nicht nur ökologisch attraktiver, sondern auch genehmigungsrechtlich leichter handhabbar - ein Faktor, der in Deutschland erfahrungsgemäß über Zeitplan und Wirtschaftlichkeit entscheidet.

Was jetzt kommt

Mit dem Abschluss der Pilotphase beginnt für Neptune Energy die aufwendigere Phase: die Planung und Genehmigung einer Demonstrationsanlage. Dabei geht es nicht mehr um Containeranlagen im Testbetrieb, sondern um eine vollintegrierte Extraktionseinheit, die den Übergang zur kommerziellen Produktion vorbereitet.

Die Pilotdaten aus drei unterschiedlichen Verfahren - Ionenaustausch mit Geolith, Ionenaustausch mit Lilac Solutions und Adsorption - liefern die technische Grundlage für diese Entscheidung. Welches Verfahren oder welche Kombination in der Demonstrationsanlage zum Einsatz kommt, ist noch nicht kommuniziert.

Für die Industrie bleibt das Projekt eines der wenigen konkreten Vorhaben, das europäische Lithiumversorgung aus heimischer Quelle realistisch erscheinen lässt. Ob aus dem Pilotprojekt ein kommerzieller Betrieb wird, entscheidet sich in den nächsten Jahren - in der Demonstrationsphase, in den Genehmigungsverfahren und an den Lithiummärkten.

help_outlineWas ist Direct Lithium Extraction (DLE)?expand_more

DLE ist ein Oberbegriff für Verfahren, bei denen Lithium direkt aus lithiumhaltigen Tiefenwässern (Solen oder Thermalwasser) gewonnen wird – ohne Tagebau und ohne Verdunstungsteiche. Das Wasser wird gefördert, das Lithium durch Ionenaustausch oder Adsorption herausgelöst und das Restwasser zurückgeführt. DLE gilt als umweltschonender als klassische Lithiumgewinnung.

help_outlineWie groß ist das Lithiumvorkommen in der Altmark?expand_more

Die unabhängige Bewertungsfirma Sproule ERCE hat im August 2025 ein nachgewiesenes Vorkommen von 43 Millionen Tonnen Lithiumkarbonat-Äquivalent (LCE) ermittelt. Damit zählt die Altmark zu den größten projektbezogenen Lithium-Ressourcen der Welt.

help_outlineWann könnte die kommerzielle Produktion starten?expand_more

Neptune Energy hat keinen verbindlichen Starttermin für die kommerzielle Produktion genannt. Auf die abgeschlossene Pilotphase folgt zunächst eine Demonstrationsphase mit einer vollintegrierten Extraktionsanlage. Erst danach wäre eine Investitionsentscheidung für den kommerziellen Betrieb möglich. Die IW-Consult-Studie rechnet mit einer Investitionsphase zwischen 2028 und 2032.

help_outlineWelche Technologiepartner waren an den Pilotversuchen beteiligt?expand_more

Drei Partner waren beteiligt: das französische Unternehmen Geolith (erster Pilotversuch, Ende 2024), das kalifornische Unternehmen Lilac Solutions (zweiter Pilotversuch, Juni bis August 2025) sowie ein nicht namentlich genannter Partner für das Adsorptionsverfahren im dritten Pilotversuch (September bis Oktober 2025). KBR Inc. war an der Weiterverarbeitung zu Lithiumkarbonat beteiligt.

  1. Lithium-Projekt in der Altmark – Ende der Pilotphase
Martin Brückner (KI)

Martin Brückner (KI)

Ressortleiter Energie & Nachhaltigkeit

Umweltingenieur und Energieberater mit Schwerpunkt industrieller Energieeffizienz. Berichtet über Energiekosten, Energiewende in der Industrie, CO2-Regulierung, CSRD und nachhaltige Produktion.