Außenminister Johann Wadephul (CDU) hat Mitte Juli 2026 Nouakchott besucht - als erste Station einer viertägigen Afrikareise, die ihn anschließend nach Nigeria und Südafrika führte. Deutschland und das westafrikanische Mauretanien wollen die Zusammenarbeit im Wirtschafts- und Sicherheitsbereich ausbauen. Gerade in der Wirtschaft bestünden wechselseitige Chancen, die man in Europa noch nicht in dem Maße ergriffen habe, wie dies möglich wäre, sagte Wadephul bei einem Treffen mit seinem mauretanischen Kollegen Mohamed Merzoug.
Das klingt nach diplomatischer Standardformulierung. Ist es aber nicht - zumindest nicht vollständig. Denn hinter dem Besuch steckt eine nüchterne Rohstoff- und Energielogik, die für die deutsche Industrie durchaus relevant ist. Wer sich die Substanz anschaut, findet drei konkrete Hebel: LNG, grüner Wasserstoff und kritische Rohstoffe. Und einen geopolitischen Kontext, der den Zeitpunkt erklärt.
Der geopolitische Rahmen: Dritte Afrikareise in einem Jahr
Wadephul verstärkt angesichts der protektionistischen US-Politik und eines aggressiven Kurses Chinas sein Werben um Partner auf dem afrikanischen Kontinent. "Gerade in Zeiten globaler geopolitischer Verwerfungen ist eine verlässliche Zusammenarbeit mit unseren afrikanischen Partnern wichtig", erklärte er vor der Reise.
Es ist die dritte Afrikareise Wadephuls in diesem Jahr - im Januar war er in Kenia und Äthiopien, Ende April in Marokko. Das ist kein Zufall. Auf seiner Reise nach Mauretanien, Nigeria und Südafrika wird Wadephul von Wirtschaftsvertretern begleitet. Die Außenpolitik folgt hier der Wirtschaftspolitik - oder versucht es zumindest.
Als letzter Außenminister vor Wadephul hatte der heutige Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier Mauretanien im November 2006 besucht. Zwanzig Jahre Pause. Das sagt einiges darüber aus, wie lange dieses Land im deutschen Außenblick schlicht nicht vorkam.
LNG: Das Gasfeld, das alles verändert hat
Der konkreteste Anknüpfungspunkt ist Flüssiggas. Mauretanien produziert seit 2025 gemeinsam mit Senegal Flüssiggas (LNG). Dahinter steckt das Offshore-Projekt Greater Tortue Ahmeyim (GTA) - eines der tiefsten Unterwasser-Gasentwicklungsprojekte Afrikas.
Das GTA-Feld enthält nach Schätzungen bis zu 15 Billionen Kubikfuß förderbare Gasreserven. First Gas Production aus dem Subsea-System wurde am 31. Dezember 2024 erreicht, das erste LNG im Februar 2025 - und die erste LNG-Ladung wurde im April 2025 erfolgreich exportiert.
Am 5. Januar 2026 meldete Kosmos Energy, dass das GTA-Projekt seine angestrebte Jahresproduktion von 2,7 Millionen Tonnen LNG erreicht hat. Insgesamt wurden 2025 achtzehn LNG-Lieferungen und eine Kondensatladung exportiert. Das ist kein Pilotprojekt mehr - das ist ein laufendes Exportgeschäft.
Betreiber: BP (56%), Kosmos Energy (27%), PETROSEN (10%), SMH (7%)
Phase 1 Kapazität: ca. 2,7 Mio. Tonnen LNG/Jahr
Produktionsstart: Dezember 2024 / erster Export April 2025
Gasreserven: bis zu 15 Billionen Kubikfuß
Phase 2: Verhandlungen seit Mai 2025 laufend
Das ist der Punkt, wo man den Hebel für die Diversifizierung der deutschen Importe ansetzen kann, so Wadephul. LNG kann kurzfristig über bestehende Infrastruktur und Langfristverträge in Portfolios eingebunden werden. Das stimmt - sofern die Transportkette steht. Bei LNG zählen Standortwahl, Verflüssigungs- und Speicherfähigkeit, Wartungsfenster sowie die Verlässlichkeit der Transportkette. Entscheidend ist außerdem die Frage, wie schnell sich Lieferungen in bestehende europäische Netze einspeisen lassen, inklusive Terminrisiken und Kapazitätssteuerung.
Für Industrieunternehmen, die Energiebeschaffung planen, ist das keine Kleinigkeit. Ein neuer Lieferant am Atlantik ist kein Selbstläufer - aber er ist auch keine Utopie mehr.
Grüner Wasserstoff: Potenzial ja, Infrastruktur nein
Auch bei der Produktion von grünen Wasserstoff gebe es Potenzial für eine engere Zusammenarbeit, so Wadephul. Hier ist Vorsicht angebracht - nicht weil das Potenzial fehlt, sondern weil zwischen Potenzial und Lieferfähigkeit noch erhebliche Lücken klaffen.
Mauretaniens Regierung möchte das Land zu einem Zentrum der Wasserstoffwirtschaft ausbauen. Von den klimatischen, geografischen und topografischen Bedingungen her wären dafür alle Voraussetzungen erfüllt. Was fehlt, sind Kapital, Technologie und hochqualifizierte Fachkräfte in ausreichender Anzahl.
Ein Konsortium aus dem deutschen Projektentwickler Conjuncta, dem ägyptischen Energiekonzern Infinity und Masdar aus den Vereinigten Arabischen Emiraten plant in Mauretanien eine Wasserstoffanlage mit einem Investitionsvolumen von 34 Milliarden US-Dollar. Das Projekt nördlich der Hauptstadt Nouakchott soll bis 2028 den Betrieb aufnehmen und bis zu acht Tonnen nachhaltigen Wasserstoff und andere wasserstoffbasierte Endprodukte herstellen können, die unter anderem für den Export nach Deutschland gedacht sind.
Beim grünen Wasserstoff kommt die Komplexität hinzu: Für Elektrolyseanlagen sind stabile Stromquellen, Wasserverfügbarkeit, Netzanbindung und ein belastbares Regelkonzept erforderlich. Marktüblich ist dabei, zunächst Exportpfade zu definieren und erst dann die industrielle Abnahme in Konsortien zu sichern.
Den mittelfristigen Prognosen von IWF und Weltbank nach werden die Bruttoanlageinvestitionen 2027 weiter steigen, dann getragen von Vorhaben der erneuerbaren Energien und zur Erzeugung von Wasserstoff. Das ist eine Richtungsaussage - kein Lieferversprechen.
Für Einkäufer und Energiestrategen: Grüner Wasserstoff aus Mauretanien ist mittelfristig denkbar, aber kurzfristig kein planbarer Beschaffungskanal. LNG aus dem GTA-Feld ist operativ — hier lohnt es sich, die Marktentwicklung aktiv zu verfolgen.
Kritische Rohstoffe: Eisenerz und mehr
Das Land besitzt bedeutende Eisenerzvorkommen, reiche Fischereigründe und entwickelt sich zunehmend zu einem wichtigen Energieakteur in Westafrika. War das Land sonst auf einige natürliche Ressourcen wie Eisenerz, Kupfer, Gold oder Uran konzentriert, haben die Entdeckungen und Erschließungen der ersten Gasvorkommen eine neue wirtschaftliche Dynamik entfacht.
Das deutsche Exportgeschäft stützte sich 2025 laut Handelsstatistik von Destatis zum einen auf Nahrungsmittel sowie auf Maschinen und Anlagen für die Lebensmittelverarbeitung, Verpackungsherstellung, Fischerei und den Bergbau sowie auf Fahrzeuge und Teile. Die deutschen Einfuhren setzen sich wiederum vorrangig aus Eisenerz sowie Agrarprodukten zusammen.
Das ist die aktuelle Handelsrealität - überschaubar, aber mit klarer Wachstumslogik. Für Maschinenbauer und Anlagenhersteller, die im Bergbau- oder Energiesektor aktiv sind, ist Mauretanien ein Markt, der sich gerade erst öffnet.
Was die EU bereits investiert
Deutschland agiert hier nicht allein. Die EU hat ihre Zusammenarbeit deutlich ausgebaut und im Oktober 2025 ein Finanzierungspaket von 269 Millionen Euro initiiert, das unter anderem erneuerbare Energien, Gesundheitsversorgung und Migrationsmanagement fördern soll.
Mauretanien ist heute einer der wenigen Staaten der Region, der westliche Partnerschaften aktiv sucht und zugleich über genügend staatliche Handlungsfähigkeit verfügt, um diese Kooperationen wirksam umzusetzen. Das ist im Sahel-Kontext kein selbstverständliches Attribut.
Bei den Regierungsverhandlungen 2025 hat das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) Mauretanien 54 Millionen Euro zugesagt. Entwicklungspolitik und Wirtschaftspolitik greifen hier ineinander - was für Unternehmen, die Markteintritt planen, durchaus nützliche Rahmenbedingungen schafft.
Wirtschaftswachstum: Stabiler als der Ruf
Die mauretanische Wirtschaft befindet sich im laufenden Jahr in einer Phase robusten Wachstums, das laut IWF bei rund 4 bis 5 Prozent liegt und sich in ähnlicher Größenordnung auch 2027 fortsetzen dürfte. Treibende Faktoren sind steigende Gasexporte, die Einnahmen aus den Gold- und Eisenerzausfuhren sowie öffentliche Ausgaben für Infrastruktur und soziale Programme.
Mauretanien verzeichnet laut IWF 2026 ein Wirtschaftswachstum von rund 4 bis 5 Prozent, getragen von Gasexporten und Rohstoffeinnahmen.
2025 wurde ein novelliertes Investitionsgesetz verabschiedet, das vereinfachte Genehmigungsverfahren und verbesserten Rechtsschutz bringt und private Projekte in der Fischverarbeitung, Logistik sowie Agrarwirtschaft stimuliert. Für ausländische Investoren ist das ein relevantes Signal - auch wenn die Umsetzung in der Praxis noch zu beweisen ist.
Was bedeutet das konkret?
Wadephuls Besuch ist kein Durchbruch, aber er ist auch kein reines Symbolpolitik-Manöver. Er markiert den Beginn einer ernsthafteren Befassung mit einem Land, das lange unter dem Radar lag.
Für die deutsche Industrie ergeben sich daraus drei Beobachtungsfelder:
- LNG-Beschaffung: Das GTA-Feld produziert. Wer Energieportfolios diversifizieren will, sollte Mauretanien als Lieferquelle auf dem Radar haben - auch wenn die Transportlogistik noch Fragen aufwirft.
- Wasserstoff-Lieferketten: Mittelfristig realistisch, kurzfristig nicht planbar. Wer in H2-Projekte investieren will, findet in Mauretanien einen Markt, der sich gerade erst strukturiert - mit deutschen Akteuren, die bereits vor Ort sind.
- Maschinen- und Anlagenexport: Bergbau, Fischverarbeitung, Energieinfrastruktur - das sind Sektoren, in denen deutsche Hersteller traditionell stark sind und in denen Mauretanien Bedarf hat.
Im Jahr 2024 hat eine neue Phase begonnen: Inzwischen kommen verstärkt Technologielieferanten und Dienstleister nach Mauretanien, darunter Logistik- und Hafenspezialisten, Hersteller von Energie- und Elektrotechnik sowie Maschinen- und Anlagenbauer, um sich für künftige Ausschreibungen in Stellung zu bringen.
Wer zu spät kommt, findet den Markt bereits besetzt. Das gilt für Mauretanien genauso wie für jeden anderen Wachstumsmarkt.
Photo: Zach Theo / UnsplashIst Mauretanien ein sicherer Handelspartner für deutsche Unternehmen?
Mauretanien gilt im Sahel-Kontext als vergleichsweise stabiler Staat. Die Konrad-Adenauer-Stiftung beschreibt das Land als einen der wenigen Staaten der Region, der westliche Partnerschaften aktiv sucht und über ausreichend staatliche Handlungsfähigkeit verfügt. Das novellierte Investitionsgesetz von 2025 verbessert den Rechtsschutz für ausländische Investoren. Dennoch bleibt die regionale Sicherheitslage im Sahel ein Risikofaktor, den Unternehmen in ihre Planung einbeziehen müssen.
Wann könnte grüner Wasserstoff aus Mauretanien nach Deutschland fließen?
Das ambitionierteste Projekt — das Conjuncta/Infinity/Masdar-Konsortium — plant einen Betriebsstart bis 2028. Realistisch ist, dass erste nennenswerte Exportmengen eher in der zweiten Hälfte der 2020er-Jahre verfügbar werden. Bis dahin fehlen noch Exportpfade, Abnahmekonsortien und Infrastruktur.
Welche deutschen Unternehmen sind bereits in Mauretanien aktiv?
Der Projektentwickler Conjuncta ist Teil eines Konsortiums für grünen Wasserstoff. Im Maschinen- und Anlagenbau positionieren sich laut Germany Trade & Invest (GTAI) seit 2024 verstärkt deutsche Technologielieferanten für künftige Ausschreibungen — insbesondere in den Bereichen Energie, Bergbau und Logistik.





