Trillerpfeifen vor Tor 7 in Sindelfingen, rote Fahnen in Emden, Sprechchöre in Bremen: Der Freitag dieser Woche hat gezeigt, wie tief der Riss zwischen Belegschaft und Management in der deutschen Automobilindustrie inzwischen geht. Bei Mercedes-Benz und Volkswagen gleichzeitig - das ist kein Zufall, sondern das Symptom einer Branche unter Strukturdruck.
Was genau passiert ist
Gegen den Sparkurs bei Mercedes-Benz demonstrierten tausende Beschäftigte. An den Kundgebungen an mehreren Standorten nahmen nach Angaben der IG Metall mehr als 33.000 Beschäftigte teil; das Unternehmen selbst spricht von rund 16.000.
In Baden-Württemberg, der Herzkammer des schwäbischen Autobauers, protestierten die Beschäftigten unter anderem am traditionsreichen Standort in Sindelfingen, wo unter anderem die S-Klasse produziert wird. Nach Gewerkschaftsangaben beteiligten sich dort rund 20.000 Beschäftigte. In Bremen gingen rund 4.000 Beschäftigte auf die Straße. Als Redner sprach dort Bremens Regierungschef Andreas Bovenschulte (SPD).
Im ostfriesischen Emden protestierten laut IG Metall mehr als 4.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des VW-Werks gegen die Sparpläne des niedersächsischen Autobauers.
Photo: Museums Victoria / UnsplashWas die Beschäftigten konkret ablehnen
Die Forderungen der Konzernvorstände sind in beiden Fällen ähnlich gelagert - und treffen die Belegschaften an empfindlichen Stellen.
Bei Mercedes-Benz:
Die Beschäftigten demonstrierten gegen eine unbezahlte Erhöhung der Arbeitszeit auf 40 Stunden, Einschnitte bei tariflichen Leistungen, überzogene Dividenden und einen Kürzungskurs des Konzerns auf dem Rücken der Belegschaft.
Zudem verschob das Management eine Sonderzahlung - den sogenannten Transformationsbaustein in Höhe von 18,4 Prozent eines Monatsentgelts - für rund 90.000 Beschäftigte. Intern wird eine Ausweitung der Wochenarbeitszeit auf 40 Stunden ohne Lohnausgleich diskutiert, statt der derzeit üblichen 35 Stunden.
Bei Volkswagen:
Der VW-Konzern will Medienberichten zufolge seinen Sparkurs deutlich verschärfen. Bis zu 100.000 Stellen könnten weltweit wegfallen, doppelt so viele wie bisher geplant. Vier Werken in Deutschland - Hannover, Emden, Zwickau und Neckarsulm - drohe die Schließung.
Der Vorstand hat ein Paket ausarbeiten lassen, das einen Stellenabbau, eine Verringerung der Modellvielzahl sowie den Verkauf von Tochterfirmen vorsieht - darunter die Motorradmarke Ducati und die Autovermietung Europcar.
Die wirtschaftliche Lage dahinter
Beide Konzerne argumentieren, der Sparkurs sei keine Willkür, sondern wirtschaftliche Notwendigkeit. Die Zahlen geben ihnen zumindest teilweise recht.
Mercedes-Benz meldete für das erste Quartal 2026 einen Gewinnrückgang um 17 Prozent auf 1,43 Milliarden Euro - vor allem wegen des schwachen China-Geschäfts. Die Umsatzrendite lag bei 5,7 Prozent. 2025 brach der Gewinn von 10,4 Milliarden Euro auf 5,3 Milliarden Euro ein - unter anderem wegen Zöllen, negativer Wechselkurseffekte und intensiven Wettbewerbs in China.
Volkswagen liegt bei der Elektrifizierung und Digitalisierung seiner Modellpalette hinter der Konkurrenz zurück. Aufgrund des Rückstands sinkt die Nachfrage nach Fahrzeugen aus dem VW-Konzern. Hersteller wie BYD oder Xpeng aus China haben E-Autos mit deutlich höheren Reichweiten und ausgefeilterer digitaler Technik.
Das Ifo-Branchenbarometer für die Autoindustrie sank im Juni auf minus 21,4 Punkte - ein Wert, der die strukturelle Schwäche der gesamten Branche widerspiegelt, nicht nur einzelner Konzerne.
Die Gewerkschaft zieht eine klare Linie
Die Beschäftigten demonstrierten "gegen eine unbezahlte Erhöhung der Arbeitszeit auf 40 Stunden, Einschnitte bei tariflichen Leistungen, überzogene Dividenden und einen Kürzungskurs des Konzerns auf dem Rücken der Belegschaft".
IG-Metall-Bezirksleiter Daniel Friedrich brachte die Stimmung auf den Punkt: "Ob Mercedes oder Volkswagen, die Beschäftigten sind nicht bereit, die Zeche für das Managerversagen zu zahlen."
Die Bezirksleiterin der IG Metall in Baden-Württemberg, Barbara Resch, sagte in Rastatt, die 35-Stunden-Woche sei kein Auslaufmodell - gute Tarifverträge seien kein Standortnachteil und Beschäftigte seien keine Verfügungsmasse.
IG-Metall-Vorsitzende Christiane Benner sagte, der Schlüssel für eine starke Autoindustrie liege in Investitionen in zukunftsfeste Produkte, Standorte und Beschäftigte. "Auch von der Politik fordern wir ein klares Signal: Der industrielle Kern dieses Landes darf nicht ausgehöhlt werden. Wir brauchen eine aktive Industriepolitik, die Transformation absichert."
Was das für die Lieferkette bedeutet
Aus Sicht von Einkäufern und Produktionsplanern ist die aktuelle Lage mehr als ein arbeitsrechtlicher Konflikt. Wer Zulieferer in der deutschen Automobilindustrie hat oder selbst Teile an OEMs liefert, muss jetzt genau hinschauen.
Branchenexperten zufolge wurden allein 2025 rund 50.000 Stellen in der deutschen Autoindustrie abgebaut. Seit 2019 sind insgesamt etwa 111.000 Arbeitsplätze verloren gegangen. Diese Zahlen betreffen nicht nur die Konzerne selbst - sie laufen durch die gesamte Zuliefererpyramide.
Als größter industrieller Arbeitgeber ist VW entscheidend für die wirtschaftliche Lage Deutschlands. Zulieferer wie Bosch, Continental und ZF lasten ihre Fabriken mit Aufträgen des Konzerns aus. Wenn Werke schließen oder die Produktion zurückgefahren wird, trifft das Tier-1- und Tier-2-Lieferanten mit voller Wucht - oft schneller als die öffentliche Debatte es abbildet.
Konkret bedeutet das für die Beschaffungsplanung:
- Kapazitätsunsicherheit: Laufende Lieferverträge mit Werken auf der Streichliste (Emden, Hannover, Zwickau, Neckarsulm) sollten auf Alternativszenarien geprüft werden.
- Produktionsunterbrechungen: Ein Mercedes-Sprecher sagte, die Produktion im Hamburger Werk habe sich wegen der Aktion zeitweise verlangsamt. Der Rückstand könne aber schnell wieder aufgeholt werden. Kurzfristig sind solche Verzögerungen beherrschbar - aber bei einer Eskalation im Herbst sieht das anders aus.
- Investitionsstau: Die Werke wurden effizienter - doch gleichzeitig sank die Auslastung. Weniger produzierte Fahrzeuge bedeuten, dass sich die Fixkosten auf eine geringere Stückzahl verteilen. Dadurch steigen die Kosten pro Einheit wieder an. Effizienzgewinne werden so teilweise aufgezehrt.
Wie es weitergeht
Der Protest bei Mercedes-Benz soll der Auftakt für weitere bundesweite Aktionen sein. Am 9. Juli ist in der baden-württembergischen Landeshauptstadt ein Autokorso von Beschäftigten der Autoindustrie geplant.
Ähnliche Proteste wie bei Mercedes kündigte die IG Metall für die kommenden Wochen auch bei anderen Autobauern und Zulieferern an.
Der Vorstand um VW-Chef Blume will bei einer Ablehnung des rigiden Umbauplans durch den Aufsichtsrat eine außerordentliche Hauptversammlung einberufen. Niedersachsen ist der zweitgrößte Aktionär nach der Familie Porsche/Piëch und verfügt durch das sogenannte VW-Gesetz über ein Mitspracherecht bei Standort-Entscheidungen. Im Aufsichtsrat kommen Land und Betriebsrat auf 12 der 20 Stimmen - sie können also den Umbau blockieren.
Das ist die eigentliche Spannung: Ein Vorstand, der Tempo machen will. Ein Aufsichtsrat, der bremsen kann. Und eine Belegschaft, die gerade zeigt, dass sie sich nicht still verhält.
Für Produktionsplaner und Einkäufer in der Automobilzulieferkette ist das kein Hintergrundrauschen - es ist ein Frühwarnsignal. Wer jetzt Szenarien durchspielt, hat im Herbst die besseren Karten.
Warum demonstrieren die Mercedes-Beschäftigten — gibt es keinen Tarifvertrag?
Doch, es gibt einen laufenden Tarifvertrag. Deshalb handelt es sich auch nicht um einen Streik im rechtlichen Sinne, sondern um Kundgebungen und Arbeitsniederlegungen im Rahmen des Demonstrationsrechts. Die Gewerkschaft nutzt den Druck, um Verhandlungen über geplante Änderungen — Arbeitszeitverlängerung, Streichung von Sonderzahlungen — zu beeinflussen, bevor diese formell verhandelt werden.
Was bedeutet die VW-Aufsichtsratssitzung am 9. Juli konkret?
Dort soll über das neue, verschärfte Sparpaket abgestimmt werden. Da Betriebsrat und das Land Niedersachsen zusammen 12 von 20 Aufsichtsratsstimmen halten, können sie Werksschließungen blockieren. VW-Chef Blume hat angekündigt, bei einer Ablehnung eine außerordentliche Hauptversammlung einzuberufen — ein ungewöhnlicher und eskalierender Schritt.
Welche deutschen VW-Werke stehen konkret auf der Streichliste?
Laut Medienberichten, auf die sich auch die IG Metall bezieht, sind die Standorte Emden, Hannover, Zwickau und das Audi-Werk Neckarsulm mittelfristig gefährdet — sofern keine neuen Investitionsentscheidungen fallen und die Arbeitskosten nicht sinken.
Wie sollten Zulieferer jetzt reagieren?
Kurzfristig sind Produktionsunterbrechungen durch die Proteste beherrschbar. Mittelfristig empfiehlt sich eine Überprüfung laufender Lieferverträge mit Werken auf der Streichliste sowie eine Szenarioplanung für den Fall weiterer Eskalationen im Herbst. Besonders Tier-1-Lieferanten mit hoher Abhängigkeit von einzelnen OEM-Standorten sollten ihre Risikobewertung aktualisieren.





