Wer in der Industrie oder auf dem Bau arbeitet, trägt täglich Schutzkleidung. Doch für einen erheblichen Teil der Belegschaft schützt diese Ausrüstung nur unzureichend - nicht wegen mangelnder Qualität, sondern wegen schlechter Passform. Das Grundproblem ist seit Jahren bekannt: Persönliche Schutzausrüstung (PSA) wird nach wie vor überwiegend für den männlichen Körper entwickelt. Frauen tragen die Konsequenzen - im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.
Photo: ThisisEngineering / UnsplashDas Ausmaß des Problems: Zahlen, die aufhorchen lassen
Die Datenlage ist eindeutig. Eine internationale Erhebung der Non-Profit-Organisation The Safety Rack unter mehr als 500 Frauen aus Bau, Fertigung und verwandten Branchen ergab, dass 70 Prozent der befragten Arbeitnehmerinnen keinen Zugang zu passend sitzender PSA haben - und 20 Prozent berichteten, sich aufgrund schlecht sitzender Ausrüstung bereits verletzt zu haben.
Ähnliche Befunde liefert eine Studie des US-amerikanischen National Institute for Occupational Safety and Health (NIOSH): 41 Prozent der befragten Frauen gaben an, dass ihre PSA schlecht sitzt. Und in einer Umfrage unter fast 3.000 Frauen, die regelmäßig PSA tragen, berichteten über 80 Prozent von PSA-bezogenen Problemen - am häufigsten: falsche Passform, unzureichende Auswahl oder mangelnder Tragekomfort.
Für Deutschland liefert das Statistische Bundesamt den strukturellen Hintergrund: Im Jahr 2024 waren lediglich 15,0 Prozent der Beschäftigten in industriellen Tätigkeiten wie Maschinenbedienung und Montage weiblich; im Handwerk lag der Frauenanteil sogar bei nur 10,3 Prozent. Doch diese Zahlen steigen - und damit wächst auch die Gruppe derjenigen, für die das PSA-Angebot strukturell unzureichend ist.
Schlecht sitzende PSA ist kein Komfortproblem – sie ist ein Sicherheitsrisiko. Zu weite Hosenbeine oder Ärmel können sich an Maschinen, Türklinken oder Gerüstteilen verfangen und zu schweren Verletzungen führen. Zu enge Gurtsysteme schränken die Bewegungsfreiheit ein und können bei Absturzgefahr versagen.
Anatomie ist keine Kleinigkeit
Der Kern des Problems liegt in der Konstruktion. Die Grundlage für passgenauere PSA bei Frauen bildet das Verständnis anatomischer Unterschiede: Frauen haben im Durchschnitt eine schmalere Taille und breitere Hüften als Männer - ein Verhältnis, das die Passform von Bundhöhen, Jackenlängen und der Schnittführung im Hüftbereich direkt beeinflusst. Hinzu kommt: Frauen besitzen meist eine kürzere Oberkörperlänge sowie schmalere Schultern. Unisex- oder Männerschnitte sind daher oft zu breit und zu lang, was zu verrutschender oder behindernder Kleidung führt.
Auch bei Sicherheitsschuhen zeigt sich das Problem konkret: Frauenfüße sind in der Regel kleiner und schmaler als Männerfüße, der Knöchel- und Wadenumfang ist dagegen größer. Mittels spezieller Leisten lassen sich Sicherheitsschuhe entwickeln, die der Anatomie von Frauenfüßen gerecht werden und für eine optimale Passform sorgen.
Eine der vorliegenden Studien konstatierte als Folge der ergonomischen Mängel sogar eine doppelt so hohe Unfallquote während des Einsatzes als bei Männern. Dies liege vor allem daran, dass PSA immer noch auf die körperlichen Anforderungen von Männern zugeschnitten ist und von den Herstellern veraltete anthropometrische Daten verwendet werden.
Normenlage: Veraltet und lückenhaft
Das Problem reicht tiefer als die Produktebene - es ist in den Normen verankert. In einer 2024 veröffentlichten Studie im Auftrag der Europäischen Kommission wurden 2.650 harmonisierte europäische Normen mit Bezug zum Arbeitsschutz untersucht. In 36 Prozent dieser Normen wurde zwar auf anthropometrische Daten zurückgegriffen, aber diese wurden in den meisten Fällen nur unzureichend bei der Gestaltung der PSA berücksichtigt. Weiterhin waren viele der Maße veraltet oder bezogen sich nur auf die Körpermaße von Männern - aktualisierte Daten lagen, wenn überhaupt, zumeist ebenfalls nur für Männer vor.
Dieser Befund ist nicht neu, aber er bekommt durch die laufende Normreform Gewicht. Der europäische Normungsausschuss CEN arbeitet derzeit im Rahmen des Projekts AnthropoMachPPE an aktualisierten anthropometrischen Datensätzen - ein Vorhaben, das wir auf Industrieblatt bereits ausführlich beleuchtet haben. Bis diese Daten in neue Normen einfließen, bleibt die Lücke bestehen.
Was Arbeitgeber jetzt tun müssen
Die rechtliche Pflicht ist klar: Persönliche Schutzausrüstung muss gut sitzen - unabhängig von Geschlecht und Körperform derjenigen, die sie tragen. Das erhöht die Sicherheit deutlich. Die PSA-Benutzungsverordnung, die die EU-Verordnung 2016/425 in deutsches Recht überführt, verpflichtet Arbeitgeber, geeignete PSA bereitzustellen. "Geeignet" schließt die Passform ein.
Mit steigendem Frauenanteil in industriellen Branchen rückt auf Frauen zugeschnittene Arbeitskleidung und PSA immer mehr in den Fokus. Gut sitzende Berufskleidung in Damenpassform ist nicht nur eine Frage des Tragekomforts, sondern auch der Sicherheit: Sie muss Bewegungsfreiheit für industrielle Tätigkeiten bieten und zugleich vor Arbeitsgefahren wie Hängenbleiben, Hitze, Chemikalien oder mechanischen Einwirkungen schützen.
Erfassen Sie, welche PSA-Kategorien im Betrieb eingesetzt werden und ob für jede Kategorie Damengrößen und -schnitte verfügbar sind. Besonderes Augenmerk gilt Absturzsicherungen, Schutzanzügen und Sicherheitsschuhen.
Führen Sie Anprobiertage durch oder richten Sie einen betriebsinternen Onlineshop ein, über den Mitarbeiterinnen selbst auswählen können. Direkte Rückmeldungen aus dem Arbeitsalltag sind durch keine Produktbeschreibung zu ersetzen.
Fragen Sie Ihre PSA-Lieferanten explizit nach frauenspezifischen Modellen. Hersteller wie uvex, Engelbert Strauss oder Bierbaum-Proenen haben bereits dedizierte Damenlinien entwickelt – diese müssen aktiv beschafft werden.
Ergänzen Sie Ihre Gefährdungsbeurteilung um den Aspekt der Passformeignung für alle Beschäftigtengruppen. Schlechtsitzende PSA ist ein dokumentierbares Risiko, das in der Beurteilung abzubilden ist.
Sensibilisieren Sie Sicherheitsbeauftragte und Führungskräfte für das Thema. Wer die anatomischen Unterschiede und deren Auswirkungen auf die Schutzwirkung kennt, trifft bessere Beschaffungsentscheidungen.
Die Industrie reagiert - aber zögerlich
Auf Herstellerseite hat ein Umdenken eingesetzt. "Der Bedarf ist einfach da, und die Frauen erwarten zu Recht, dass wir ihnen Bekleidungslösungen anbieten, die ihre Bedürfnisse erfüllen", sagt Heike Altenhofen, Produktmanagerin für Persönliche Schutzausrüstung bei Bierbaum-Proenen. Engelbert Strauss bietet mit der e.s.motion-Linie eine vollständige Damenkollektion an, uvex entwickelt Sicherheitsschuhe auf Basis weiblicher Leistenformen. Betriebe wollen ihre Teams mit Workwear und Schutzkleidung ausstatten, die sich untereinander kombinieren lässt - DBL nimmt 2026 deshalb neue PSA-Kollektionen ins Sortiment auf, die mit regulärer Arbeitskleidung harmonieren.
Doch das Angebot allein löst das Problem nicht. Tatsächlich gibt es nur wenige Hersteller, die spezielle Schutzkleidung für Frauen produzieren - und auch Unternehmen und Organisationen setzen nicht immer auf diese auf Damen zugeschnittenen Artikel. Die Lücke zwischen verfügbarem Produkt und tatsächlicher Beschaffung bleibt das zentrale Hindernis.
Sicherheit ist nicht verhandelbar
PSA kann nur Schutz bieten, wenn sie bequem ist und gut sitzt. Eine schlechtsitzende PSA kann dazu führen, dass Beschäftigte abgelenkt werden, was wiederum das Risiko von Unfällen erhöht. Das gilt für Männer wie für Frauen - aber Frauen sind strukturell stärker betroffen, weil der Markt und die Normen historisch an ihnen vorbeientwickelt wurden.
Die Botschaft an Arbeitgeber ist eindeutig: Gendergerechte PSA ist keine Frage der Unternehmenskultur oder des Wohlbefindens. Sie ist eine Frage der Schutzwirkung - und damit eine gesetzliche Pflicht. Hersteller haben die Produktlinien entwickelt. Jetzt liegt der Ball bei den Betrieben.





