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Polaris 1: Das "UFO" im Eis - wie Bremerhaven die Arktisforschung neu erfindet

Die Tara Polar Station bricht zur ersten Arktis-Überwinterung auf - mit Bremerhavener Technik, 220 Messprotokollen und einem Plan, der bis 2045 reicht. Was steckt hinter Polaris 1?

Katrin Schreiber (KI)
Katrin Schreiber (KI)Ressortleiterin Automatisierung & Digitalisierung
black and white boat on sea during daytime
Foto von Jusdevoyage auf Unsplash

Ein Schiff, das aussieht wie ein gelandetes UFO, lässt sich absichtlich im Packeis einfrieren - und das ist kein Unfall, sondern der Plan. Seit dem 19. Juli 2026 ist die "Tara Polar Station" auf dem Weg in die Arktis, und mit ihr beginnt eines der ambitioniertesten Langzeitprogramme der Polarforschung der letzten Jahrzehnte. Dass dabei ein Bremerhavener Tandem die technische Verantwortung trägt, ist kein Zufall - sondern das Ergebnis jahrelanger Vorbereitung.[1]

Ein Schiff, das kein Schiff sein will

Wer die "Tara Polar Station" zum ersten Mal sieht, fragt sich unweigerlich: Was ist das? Sie sieht aus wie ein UFO, ist aber ein Forschungsschiff - oval, bauchig gebaut und gerade einmal 26 Meter lang. Die Assoziation mit einem UFO wird durch die geodätische Kuppel auf dem dicken, ovalen Aluminiumrumpf noch verstärkt - das länglich-ovale, scheibenartige Design entstand in Zusammenarbeit zwischen Polarschiffdesignern und Spezialfahrzeugherstellern.

Das ist kein Zufall und kein Designspielerei. Das Spezialschiff wurde für einen klaren Zweck entwickelt: Es soll im arktischen Packeis eingeschlossen werden und mit ihm driften - nicht aktiv durch die Arktis navigieren, sondern sich der langsamen, kreisförmigen Bewegung des Eises über Monate hinweg überlassen. Die Station wurde für Temperaturen bis hinunter zu -52 °C ausgelegt.

A red and white icebreaker ship cutting through icy waterPhoto: Nick Brice / Unsplash

Technisch ist das Fahrzeug konsequent auf Autonomie ausgelegt: Die Energieversorgung erfolgt emissionsfrei durch Windturbinen, Solarpanele und Biokraftstoffe der dritten Generation. An Bord gibt es einen 1,6 Meter großen Moon Pool für Unterwasserprobenahmen, Fernsteuerungsfahrzeuge und autonome Unterwasserfahrzeuge. Das Schiff verfügt über eine Wohnfläche von 400 Quadratmetern, aufgeteilt auf vier Ebenen - mit Brücke, Krankenstation, Sauna, Messe, zwölf Kabinen und sechs Laboratorien.

Was Bremerhaven einbringt

Das Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven ist zentraler Partner der Mission. Das AWI trägt mit seiner Expertise in der Arktisforschung zu Messprogrammen, wissenschaftlichen Konzepten und der internationalen Zusammenarbeit bei. AWI-Meereisphysiker Dr. Marcel Nicolaus war nicht nur an der rund zehnjährigen Planung des Projekts beteiligt - er berät die "Tara Polar Station" von Bremerhaven aus bei der Auswahl der Eisscholle, an der das Forschungsfahrzeug auf einer Position von etwa 82 Grad Nord und 140 Grad Ost festmachen soll.

Die zweite Bremerhavener Forscherin im Bunde ist Dr. Julia Regnery. Die AWI-Atmosphärenchemikerin wird den Fahrtabschnitt vom Start im norwegischen Kirkenes bis ins Frühjahr 2027 im Packeis begleiten. Ausgerechnet bei sommerlichen 34 Grad Celsius in Bremerhaven bereitet sie sich auf mehrere Monate in extremer Kälte vor. Das scheinbare Paradoxon ist symptomatisch für das gesamte Projekt: Was wie ein Widerspruch wirkt, ist in Wahrheit präzise geplante Wissenschaft.

Das AWI ist mit den Sektionen Meereisphysik, Physikalische Ozeanographie, Atmosphärenphysik, Polare Biologische Ozeanographie und Marine Biogeowissenschaften eingebunden. Auch die Ausstattung von Wissenschaft und Logistik fällt in den Bereich des AWI - darunter ein Tauchroboter, der im Winter das Wachstum des Eises misst und im Sommer das hindurchdringende Licht.

Der Zeitplan: Von Kirkenes ins Eis

Am 19. Juli 2026 legte das Schiff im französischen Lorient ab - vorerst noch ohne Forschungsteam, denn seine Route führt es über Rotterdam bis zum norwegischen Kirkenes. Von dort bricht die "Tara Polar Station" Mitte August zur eigentlichen Mission auf.

In Begleitung des chinesischen Forschungseisbrechers Xue Long steuert die Station das Zielgebiet an: Koordinaten 82°N 140°O, wo sie sich Anfang September im Eis festsetzen soll. Die Mission gliedert sich in eine Überwinterungsphase von September 2026 bis Ende April 2027, eine Frühjahrsphase bis Mitte Juli 2027 und eine Sommerphase bis Ende September 2027.

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Abfahrt Lorient
19. Juli 2026: Tara Polar Station verlässt den Heimathafen in Frankreich.
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🇳🇴
Stopp Tromsø & Kirkenes
Anfang/Ende August 2026: Letzte Ausrüstung und Crew gehen an Bord.
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Einfrieren im Packeis
September 2026: Planmäßiges Einfrieren bei 82°N 140°O – Beginn der Drift.
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Überwinterung
Oktober 2026 bis April 2027: Forschung im Polarnacht-Betrieb.
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☀️
Freischmelzen
Sommer 2027: Das Eis schmilzt zwischen Grönland und Spitzbergen – die Station kommt frei.

Dabei ist die Crew nicht allein. Neben der Schiffs- und Forschungscrew geht auch ein finnischer Hund namens Örkki mit an Bord - mit einer wichtigen Aufgabe: die Crew vor Eisbären warnen. "Der Hund wittert den Bären deutlich eher, als man ihn bei Dunkelheit mit einer kleinen Stirnlampe vor dem Kopf selbst sehen und hören könnte", erklärt Nicolaus.

Das eigentliche Alleinstellungsmerkmal: Wiederholbarkeit

Was Polaris 1 von früheren Expeditionen unterscheidet, ist nicht die Technologie allein - es ist das Konzept der Serialität. Vergleichbare Drift-Expeditionen wie die MOSAiC-Expedition des deutschen Forschungsschiffs Polarstern im Jahr 2019 lieferten zwar wertvolle Daten, aber immer nur einzelne Schnappschüsse. Die Tara Polar Station soll dagegen insgesamt zehnmal in zwanzig Jahren ins Eis driften - immer mit demselben Messprogramm. "Wir setzen heute den Grundstock und schauen dann, wie sich die Lage vor Ort langfristig verändert", so Nicolaus.

Insgesamt sind zehn Expeditionen zwischen 2026 und 2045 geplant, eine alle zwei Jahre.[1] Die Kosten der ersten Mission werden auf sechs Millionen Euro geschätzt. Das Gesamtprojekt wird von der französischen Regierung im Rahmen von France 2030 sowie aus EU-Mitteln (Next Generation EU) gefördert.

Das Messprogramm ist entsprechend standardisiert: "Diese sechs Leute machen am Ende Messungen für 35 Partnerinstitute zu Hause, die ihnen Geräte und Aufgaben mitgegeben haben", erklärt Nicolaus. Über 220 standardisierte Messprotokolle legen fest, was wann zu tun ist - nach einem fixen Wochenplan, der sich auch dann nicht ändert, wenn die Besatzung wechselt.

info Note

Was gemessen wird: Atmosphäre, Meereis, Ozean und Ökosystem – vier Systeme, die eng miteinander verknüpft sind. Die Daten fließen an 35 Partnerinstitute weltweit. Das AWI-Fachportal meereisportal.de berichtet laufend über den Expeditionsverlauf.

Warum das für die Industrie relevant ist

Man könnte einwenden: Was hat ein eingefriertes Forschungsschiff mit dem Shopfloor zu tun? Mehr als man zunächst denkt.

Die Arktis ist kein abstraktes Klimaphänomen. Die Region erwärmt sich viermal schneller als der Rest der Welt. Das hat direkte Konsequenzen für Lieferketten, Rohstoffverfügbarkeit und Extremwetterereignisse, die Produktionsstandorte und Transportwege betreffen. Die Ergebnisse der Expedition sollen Wettermodelle für Europa bis 2050 verfeinern und in Politikentscheidungen zur Governance der Arktis und des globalen Ozeans einfließen.

Darüber hinaus ist die Tara Polar Station ein Lehrstück in angewandter Systemintegration: Autonome Energieversorgung, Unterwasserrobotik, standardisierte Messketten über Besatzungswechsel hinweg, Datenübertragung aus dem Polarnacht-Betrieb - das sind keine akademischen Spielereien, sondern Ingenieursprobleme, deren Lösungen in andere Bereiche ausstrahlen werden.

Das Alfred-Wegener-Institut nennt das Projekt den "Beginn einer Ära arktischer Beobachtung". Ob das stimmt, wird sich zeigen, wenn die Daten aus dem ersten Überwinterungszyklus vorliegen. Bis dahin driftet das UFO - planmäßig eingefroren, präzise vermessen, und mit einem Hund an Bord, der besser als jede Technik vor dem erkennt, was im Dunkeln lauert.

  1. Polaris 1: Im „Ufo“ eingefroren am Nordpol
Katrin Schreiber (KI)

Katrin Schreiber (KI)

Ressortleiterin Automatisierung & Digitalisierung

Wirtschaftsinformatikerin mit Schwerpunkt Industrie-4.0-Transformationen. Berichtet über Automatisierung, Robotik, KI in der Industrie, IoT und digitale Transformation.