Der übergeordnete ifo-Geschäftsklimaindex für die deutsche Wirtschaft stieg im Juni auf 85,6 Punkte - ein kleines Plus gegenüber dem Vormonat, das Analysten als vorsichtiges Stabilisierungssignal werteten. Für die Reisebranche gilt das nicht. Dort dreht die Kurve erneut nach unten.
Indikator fällt auf -32,0 Punkte - weit vom Vorkrisenniveau entfernt
Das Geschäftsklima bei Reisebüros und Reiseveranstaltern verschlechterte sich im Juni auf -32,0 Punkte, nach -30,3 Punkten im Mai. Das meldet das ifo Institut in seiner aktuellen Branchenauswertung. Die Zahl klingt nach einer marginalen Bewegung - ist es aber nicht, wenn man den Verlauf der vergangenen Monate betrachtet.
Vor der Eskalation im Nahen Osten, im Februar 2026, lag der Branchenindikator noch bei -15,6 Punkten. Dann, Ende Februar, begannen die militärischen Auseinandersetzungen zwischen den USA, Israel und dem Iran. Das Auswärtige Amt sprach umgehend Reisewarnungen für elf Länder aus - darunter die Vereinigten Arabischen Emirate, Katar, Kuwait und Bahrain, also die wichtigsten Drehkreuzländer für Langstreckenflüge aus Deutschland.
Der Absturz im März war brutal: Der ifo-Branchenindikator fiel auf minus 41,7 Punkte, nach minus 14,8 Punkten im Februar. Im April verschlechterte sich die Lage nochmals: Das Geschäftsklima bei Reisebüros und Reiseveranstaltern hat sich im April weiter verschlechtert - der Branchenindikator fiel auf -43,5 Punkte. Das war der Tiefpunkt.
Im Mai erholte sich der Indikator auf -30,3 Punkte. Nun, im Juni, gibt er wieder nach. Von einer Trendwende kann keine Rede sein.
Was den Einbruch ausgelöst hat - und warum er so lange nachwirkt
Die unmittelbare Ursache ist bekannt. Reisebüros und Reiseveranstalter stellen sich aufgrund des Nahost-Konflikts auf deutlich schlechtere Geschäfte und steigende Preise ein. Im März hat sich das Geschäftsklima in der Branche deutlich abgekühlt. Als Hauptursache gilt die Eskalation im Nahen Osten mit Reisewarnungen für wichtige Transitländer der Golfregion.
Das strukturelle Problem dahinter ist die Abhängigkeit des deutschen Reisemarkts von den Golfhubs. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamts hatten im Jahr 2025 rund 2,7 Millionen Flugpassagiere mit Start an einem deutschen Hauptverkehrsflughafen ein erstes Streckenziel in Katar oder den Vereinigten Arabischen Emiraten - das entsprach etwa 5,9 Prozent aller abfliegenden Passagiere mit einem ersten Streckenziel außerhalb der EU. Fällt dieser Korridor weg, betrifft das nicht nur Nahost-Reisen, sondern Verbindungen nach Südostasien, Australien und Teilen Afrikas.
Viele Reisebüros und Reiseveranstalter mussten für bereits gebuchte Reisen in oder über Länder im Nahen Osten Umbuchungen oder Stornierungen vornehmen. Das kostet Marge, bindet Personal und beschädigt das Vertrauen der Kundschaft - Effekte, die sich nicht mit einer Pressemitteilung zur Aufhebung einer Reisewarnung auflösen lassen.
Strukturelle Belastung: Januar und Februar sind traditionell die buchungsstärksten Monate für Urlaubsreisen. Die Eskalation Ende Februar traf die Branche genau in der Hochbuchungsphase — mit Folgewirkungen für die gesamte Sommersaison 2026 und die Wintersaison 2026/27.
Reisewarnungen aufgehoben - aber die Verunsicherung bleibt
Mit der Aufhebung der höchsten Warnstufe vom 30. April 2026 durch das Auswärtige Amt liegt die Entscheidung über Pauschalreisen in die betroffenen Regionen wieder stärker bei den Veranstaltern. Aktuell prüfen diese individuell, welche Reisen und Flüge sie anbieten und durchführen können.
Das klingt nach Normalisierung. Ist es aber nur bedingt. Die Europäische Agentur für Flugsicherheit (EASA) hat ihre erst vor einer Woche zurückgenommene Warnung für Fluggesellschaften im Nahen Osten erneuert. Fluglinien sollen den Luftraum von Bahrain, Kuwait, Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten sowie über dem Golf von Oman bis vorerst 29. Juli meiden. Hintergrund ist die erneute Eskalation zwischen den USA und Iran.
Auch seit Bekanntgabe der Waffenruhe zwischen den USA, Israel und Iran Anfang April 2026 kam es wiederholt zu gegenseitigen Angriffen auf militärische und zivile Ziele in der Region. Mehrere Landesteile Irans wurden auch im Juni 2026 von Luftangriffen getroffen. Für Reisende und Veranstalter ist das ein schwer kalkulierbares Umfeld.
Kerosin und Kraftstoff: Der zweite Kostendruck
Neben der Nachfrageschwäche kommt ein Kostenproblem hinzu. Der Anteil der Reiseunternehmen, der für die kommenden Monate von steigenden Preisen ausgeht, hat sich im April erneut etwas erhöht: Die Treibstoffkosten für Flugkerosin sind weiterhin sehr viel höher als vor der Eskalation des Konflikts Ende Februar. Flüge für Urlaubsreisen können sich daher im weiteren Jahresverlauf verteuern.
Das betrifft nicht nur Fernreisen. Auch für Reisen mit dem Auto in der Pfingst- und Sommerreisezeit innerhalb Europas wird das Tanken voraussichtlich teurer als noch letztes Jahr: Anfang Mai 2026 waren die Tankstellenabgabepreise für Benzin (Diesel) in Österreich etwa 20 % (34 %) höher als Anfang Mai 2025. Die entsprechenden Werte liegen für Italien bei etwa 5 % (29 %), für Frankreich bei etwa 21 % (39 %) und für Kroatien bei etwa 18 % (32 %).
Für Reiseveranstalter bedeutet das: Selbst wenn die Buchungszahlen anziehen, drückt der Kostendruck auf die Margen. Preiserhöhungen wiederum dämpfen die Nachfrage - ein klassisches Dilemma in einer Branche mit dünnen Margen und hohem Preissensitivitätsdruck beim Endkunden.
Tourismus als Ausreißer in einem sich stabilisierenden Dienstleistungssektor
Was den Juni-Befund der Reisebranche besonders auffällig macht: Sie steht quer zum Gesamttrend. Im Dienstleistungssektor hat sich das Geschäftsklima verbessert. Die Dienstleister waren deutlich zufriedener mit den laufenden Geschäften. Die Erwartungen blieben nahezu unverändert. Die Unternehmen sind weiterhin skeptisch. Der Bereich Transport und Logistik konnte sich weiter erholen. Im Tourismus bleibt die Lage hingegen schwierig.
Das ist eine relevante Differenzierung. Während Logistik und weite Teile des Dienstleistungssektors von der vorsichtigen konjunkturellen Aufhellung profitieren, bleibt der Tourismus in seinem eigenen geopolitischen Schockzustand gefangen. Der Branchenindikator reagiert hier nicht auf allgemeine Wirtschaftsstimmung, sondern auf ein spezifisches Konfliktgeschehen - und dessen Nachhall in den Buchungskalendern.
Was das für die Wintersaison bedeutet
"Wenn Reisende die weitere Entwicklung im Iran-Konflikt abwarten, kann das die Buchungen insbesondere für das Ende der Sommersaison 2026 und die Wintersaison 2026/27 beeinträchtigen", sagt ifo-Branchenexperte Patrick Höppner.
Das ist die eigentliche Risikostelle. Sommerbuchungen sind größtenteils abgeschlossen - was jetzt fehlt, schlägt auf die Wintersaison durch. Fernreiseziele wie Malediven, Thailand oder Mauritius, die über Golfhubs erreichbar sind, stehen unter Buchungsvorbehalt. Die Tourismusbehörde TAT hat ihre Prognose für Langstreckenankünfte 2026 von 11 auf 10 Millionen Gäste gesenkt - und liegt damit nur noch auf dem Niveau des Vorjahres. Als Hauptgrund nennt die Behörde die Auswirkungen des Konflikts im Nahen Osten und die damit verbundenen Störungen im Flugverkehr.
Für die Branche ist das eine ernüchternde Ausgangslage: Die Erholung, die der Mai kurz angedeutet hatte, ist im Juni bereits wieder ins Stocken geraten. Solange die geopolitische Lage im Nahen Osten volatil bleibt und die EASA-Warnungen für Golflufträume fortbestehen, fehlt der Planungssicherheit das Fundament - und ohne Planungssicherheit buchen Reisende nicht.
Was misst der ifo-Branchenindikator für die Reisebranche?
Der Indikator ist ein Saldowert aus der Differenz der Unternehmen, die ihre Lage als 'gut' einschätzen, minus jener, die sie als 'schlecht' bewerten — ergänzt um die Erwartungskomponente für die nächsten sechs Monate. Negative Werte signalisieren, dass mehr Unternehmen eine schlechte als eine gute Lage melden.
Warum trifft der Iran-Konflikt die Reisebranche so stark?
Die Golfstaaten — insbesondere Dubai, Doha und Abu Dhabi — sind zentrale Drehkreuze für Langstreckenflüge aus Deutschland. Reisewarnungen und Luftraumsperrungen in der Region unterbrechen nicht nur Nahost-Reisen, sondern auch Verbindungen nach Asien, Australien und Ostafrika. Hinzu kommen gestiegene Kerosinpreise, die die Flugkosten erhöhen.
Wann könnte sich die Stimmung in der Reisebranche erholen?
Eine nachhaltige Erholung hängt von zwei Faktoren ab: einer dauerhaften Deeskalation im Nahen Osten und der Rückkehr stabiler Flugverbindungen über die Golfhubs. Solange die EASA-Warnungen für Golflufträume fortbestehen und die Lage volatil bleibt, dürfte der Indikator im negativen Bereich verharren.





