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Sachsen greift nach der Hauptrolle in der Weltraumtechnik

Sachsens Wirtschaftsminister Panter erklärt den Freistaat zum künftigen Raumfahrtstandort - und trifft auf der ILA Berlin auf eine Branche im Aufbruch. Was steckt dahinter?

Martin Brückner (KI)
Martin Brückner (KI)Ressortleiter Energie & Nachhaltigkeit
A space satellite hovering above the coastline
Foto von SpaceX auf Unsplash

Auf der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung in Berlin hat Sachsen eine klare Ansage gemacht: Der Freistaat will nicht länger nur Zulieferer sein, sondern selbst eine Hauptrolle in der europäischen Weltraumtechnik spielen. Das ist keine Bescheidenheitsübung - und die industrielle Substanz dahinter ist real.

Panters Ansage auf der ILA

Wirtschaftsminister Dirk Panter (SPD) erklärte anlässlich der ILA in Berlin, Sachsen solle ein führender Standort für Weltraumtechnologien werden. Die Begründung lieferte er gleich mit: [1] "Sachsen besitzt dafür mit der Mikroelektronik, langjähriger industrieller Expertise, Forschungskraft und innovativen Unternehmen starke Voraussetzungen."

18 sächsische Unternehmen und Institute präsentierten auf der ILA ihre Produkte und Projekte. Die Konkurrenz auf dem Messegelände in Schönefeld war groß: [2] Insgesamt mehr als 750 Aussteller aus 37 Ländern zeigten ihre Entwicklungen in der Luft- und Raumfahrttechnik.

Das Wirtschaftsministerium arbeitet nach eigenen Angaben an einem Impulspapier, das Sachsens Eignung als Raumfahrtstandort systematisch belegen soll. Solche Papiere sind häufig politische Absichtserklärungen ohne Substanz - in diesem Fall aber gibt es eine industrielle Basis, die die Ambitionen trägt.

Silicon Saxony als Fundament

Wer verstehen will, warum Sachsens Weltraumambitionen nicht aus der Luft gegriffen sind, muss sich die Halbleiterstruktur des Freistaats ansehen. "Silicon Saxony" ist Europas größter IKT- und Mikroelektronik-Standort - jeder dritte in Europa produzierte Chip trägt den Aufdruck "Made in Saxony". [3] Bosch, Globalfoundries, Infineon, Jenoptik - und ab 2027 auch TSMC - betreiben in Dresden einige der modernsten Halbleiter-Fabs der Welt.

Die Globalfoundries-300-Millimeter-Fab in Dresden ist mit 52.000 Quadratmetern Reinraumfläche und einer Kapazität von 850.000 Wafern pro Jahr die größte in Europa. [4] Und genau diese Chips sind das Rückgrat moderner Raumfahrtsysteme: Satelliten, Lageregelungssysteme, Avionik - alles hängt an zuverlässiger Mikroelektronik.

a couple of people wearing gloves and masks and glovesPhoto: Toon Lambrechts / Unsplash

Die Verbindung von Halbleiter-Know-how und Raumfahrt ist in Sachsen bereits gelebte Praxis. Das Dresdner Start-up Morpheus Space fertigt seit Juli 2024 in einer neu errichteten Fabrik [5] - der revolutionäre Flüssigmetall-Antrieb wurde an der Technischen Universität Dresden entwickelt. Daneben testet Applus+ IMA in Dresden Tankstrukturen und Triebwerksstrukturen für die Trägerrakete Ariane 6. Die Forschungsinfrastruktur ist ebenfalls beeindruckend: Dresden hat die bundesweit höchste Dichte an Fraunhofer-Einrichtungen - elf Institute sind in der Stadt beheimatet. [6]

Der Bayern-Effekt: Isar Aerospace heizt den Wettbewerb an

Während Sachsen seine Positionierung schärft, liefert Bayern gerade das schärfste Argument dafür, dass der Zeitpunkt richtig gewählt ist. Das Münchner Raumfahrt-Start-up Isar Aerospace hat eine Series-D-Finanzierungsrunde über [7] abgeschlossen. Damit hat Isar Aerospace seit 2018 insgesamt über 500 Millionen Euro eingesammelt. [8]

Das Geld soll konkret eingesetzt werden: [9] Die neue Produktionsstätte in Parsdorf ist auf die Herstellung von bis zu 40 Trägerraketen pro Jahr ausgelegt. Außerdem plant das Unternehmen den Bau eines zweiten Startplatzes in Nova Scotia, Kanada, von dem aus Satelliten in polare Umlaufbahnen befördert werden können. [10]

Die Spectrum-Rakete soll bis zu eine Tonne Nutzlast in erdnahe Umlaufbahnen befördern. Bisher hat sie erst einen Testflug absolviert - im Frühjahr 2025 vom norwegischen Weltraumbahnhof Andøya, der nach 30 Sekunden endete. Weitere Starts haben sich mehrfach verzögert. Dennoch ist das Unternehmen nach Angaben von CEO Daniel Metzler ausgebucht. Investoren glauben dem Geschäftsmodell - und das ist industriepolitisch relevant: Wer Trägerraketen baut, braucht Zulieferer für Avionik, Sensorik, Strukturbauteile. Genau dort liegt Sachsens Chance.

lightbulb Tip

Sachsens strategische Lücke: Isar Aerospace sitzt in Bayern, die Spectrum-Rakete wird in Parsdorf gebaut. Sachsen hat bislang keinen vergleichbaren Anker-Player in der Trägerraketen-Fertigung. Die Stärke liegt in der Komponenten- und Systemebene – Mikroelektronik, Sensorik, Antriebstechnik für Kleinsatelliten. Das Impulspapier des Wirtschaftsministeriums sollte genau diese Wertschöpfungslücke adressieren.

Der Markt wächst - aber Europa hinkt hinterher

Die Ambitionen aus Dresden und München fallen in einen Markt, der strukturell wächst. [11] geht davon aus, dass die globale Raumfahrtindustrie bis 2034 auf ein Volumen von rund 789 Milliarden US-Dollar wächst - bei einem durchschnittlichen Jahreswachstum von 6,7 Prozent. Der LEO-Satellitenmarkt allein soll sich laut Global Growth Insights von 6,9 Milliarden US-Dollar im Jahr 2025 auf [12] mehr als verfünffachen.

Das Problem: Europa schöpft dieses Potenzial bislang nicht aus. [13] zeigt, dass der europäische Marktanteil derzeit bei rund 17 Prozent liegt - und dass allein Deutschland seine Raumfahrtausgaben bis 2040 um mindestens 56 Milliarden Euro erhöhen müsste, um diesen Anteil zu halten. Für eine Steigerung auf 25 Prozent wären sogar 93 Milliarden Euro zusätzlich nötig.

[14] sieht für die New-Space-Ökonomie ein jährliches Wachstum von bis zu sechs Prozent. In Deutschland gibt es mittlerweile mehr als hundert New-Space-Unternehmen - von Isar Aerospace über die Rocket Factory Augsburg bis zu spezialisierten Kleinsatelliten-Herstellern. [15] Der Wettbewerb um Fachkräfte, Kapital und Standortvorteile ist bereits in vollem Gang.

Was Sachsen liefern muss

Panter hat die Richtung vorgegeben. Jetzt kommt es auf die Substanz an. Drei Punkte werden entscheidend sein:

Erstens: Klare Fokussierung. Sachsen kann nicht alles auf einmal werden. Die Stärke liegt in der Mikroelektronik und Sensorik für Raumfahrtanwendungen - nicht im Raketenbau. Das Impulspapier sollte diese Nische scharf definieren, statt eine Vollabdeckung zu versprechen.

Zweitens: Vernetzung mit bestehenden Playern. Die TU Dresden, das Fraunhofer IWS und Unternehmen wie Morpheus Space sind bereits aktiv. Was fehlt, ist eine koordinierte Clusterstruktur, die Sachsens Raumfahrtakteure ähnlich sichtbar macht wie Silicon Saxony die Halbleiterindustrie.

Drittens: Tempo. Der Markt wartet nicht. Isar Aerospace ist ausgebucht, bevor die Rakete überhaupt regulär fliegt. Wer als Zulieferer in die Wertschöpfungskette einsteigen will, muss jetzt Kapazitäten und Qualifikationen aufbauen - nicht erst, wenn das Impulspapier fertig ist.

help_outlineWelche Raumfahrtunternehmen sind bereits in Sachsen aktiv?expand_more

Morpheus Space in Dresden fertigt elektrische Feldemissionsantriebe für Kleinsatelliten. Applus+ IMA testet Strukturbauteile für die Ariane 6. Die TU Dresden und das Fraunhofer IWS forschen an Luft- und Raumfahrttechnologien. Dazu kommen zahlreiche Mikroelektronik-Unternehmen aus dem Silicon-Saxony-Cluster, deren Chips in Satelliten und Raumfahrtsystemen eingesetzt werden.

help_outlineWas ist die Spectrum-Rakete von Isar Aerospace?expand_more

Die Spectrum ist eine Trägerrakete des Münchner Start-ups Isar Aerospace, die bis zu eine Tonne Nutzlast in erdnahe Umlaufbahnen (LEO) befördern soll. Sie absolvierte im März 2025 ihren ersten Testflug vom norwegischen Weltraumbahnhof Andøya. Ein zweiter Start hat sich mehrfach verzögert. Das Unternehmen plant eine Serienproduktion von bis zu 40 Raketen pro Jahr in seiner Fabrik in Parsdorf bei München.

help_outlineWarum ist Sachsen als Raumfahrtstandort interessant?expand_more

Sachsen verfügt über Europas größten Mikroelektronik-Cluster (Silicon Saxony), eine dichte Forschungsinfrastruktur mit elf Fraunhofer-Instituten in Dresden sowie Erfahrung in der Präzisionsfertigung. Halbleiter und Sensorik aus Sachsen sind bereits in Luft- und Raumfahrtanwendungen im Einsatz. Der Freistaat hat damit eine industrielle Basis, die für Raumfahrtzulieferer und Systemintegratoren relevant ist.

help_outlineWie groß ist der globale Raumfahrtmarkt?expand_more

Laut Global Market Insights hatte der globale Raumfahrtmarkt 2023 ein Volumen von rund 418 Milliarden US-Dollar. Prognosen gehen von einem durchschnittlichen Jahreswachstum von 6,7 Prozent aus – bis 2034 könnte der Markt auf rund 789 Milliarden US-Dollar wachsen. Der LEO-Satellitenmarkt allein soll sich bis 2035 von 6,9 auf über 36 Milliarden US-Dollar mehr als verfünffachen.

Die Ansage von Dirk Panter auf der ILA ist mehr als Standortmarketing. Sie fällt in einen Moment, in dem Europa ernsthaft um eine eigenständige Raumfahrtkapazität ringt - und in dem Sachsen mit seiner Halbleiterbasis eine industriell belastbare Ausgangslage hat. Ob daraus eine echte Hauptrolle wird, entscheidet sich nicht auf Messen, sondern in den Auftragsbüchern der nächsten Jahre.

  1. freiepresse.de — Sachsen will bei weltraumtechnik ganz vorn mitmischen artikel14284130
  2. maschinenmarkt.vogel.de — Sachsen fuehrender standort weltraumtechnologien ila berlin a 0b9e9a4734b9fda28593246eb21fb113
  3. standort-sachsen.de — Silicon saxony mehr als nur chips
  4. smartes.sachsen.de
  5. bdli.de — Luft und raumfahrtrepublik deutschland sachsen
  6. dresden.de
  7. maschinenmarkt.vogel.de — Isar aerospace 270 millionen spectrum rakete a d52f198ec8bbcaf0ddd209f30e560392
  8. maresmedia.se — Isar aerospace sammelt 270 millionen euro fuer die spectrum rakete
  9. t-online.de
  10. abendzeitung-muenchen.de — Isar aerospace so viel geld erhaelt bayerns raketenbauer art 1136625
  11. sharedeals.de — Raumfahrt
  12. db.com — Index
  13. verbandsbuero.de — Raumfahrt milliarden investitionen als wachstumsmotor fuer deutschlands industrie und souveraenitaet
  14. fraunhofer.de
  15. sparkasse.de
Martin Brückner (KI)

Martin Brückner (KI)

Ressortleiter Energie & Nachhaltigkeit

Umweltingenieur und Energieberater mit Schwerpunkt industrieller Energieeffizienz. Berichtet über Energiekosten, Energiewende in der Industrie, CO2-Regulierung, CSRD und nachhaltige Produktion.