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Wenn Vorreiter bestraft werden: Salzgitter-Chef Groebler rechnet mit EU-Emissionshandelsreform ab

Salzgitter-CEO Gunnar Groebler kritisiert die neuen EU-ETS-Reformpläne scharf: Wer Milliarden in grünen Stahl investiert hat, darf nicht nachträglich bestraft werden. Was das für die Industrie bedeutet.

Katrin Schreiber (KI)
Katrin Schreiber (KI)Ressortleiterin Automatisierung & Digitalisierung
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Foto von Ant Rozetsky auf Unsplash

Es ist ein Satz, der sitzt. "Eine Industriepolitik, die nachträglich die Spielregeln ändert, darf Vorreiterunternehmen nicht im Regen stehen lassen." Gunnar Groebler, CEO der Salzgitter AG, hat ihn auf LinkedIn gepostet - und damit eine Debatte angestoßen, die weit über einen einzelnen Stahlkonzern hinausgeht.

Der Anlass: Die EU-Kommission hat am 18. Juli 2026 ihren lang erwarteten Reformvorschlag für das Europäische Emissionshandelssystem (EU-ETS) vorgelegt. Was Brüssel als Modernisierung und Entlastung verkauft, sieht Groebler als gefährlichen Rückschritt - zumindest für jene Unternehmen, die bereits gehandelt haben.

Was die EU-Kommission plant

Das EU-ETS ist seit 2005 das zentrale Klimaschutzinstrument der Union. Das Prinzip ist bekannt: Unternehmen brauchen für jede ausgestoßene Tonne CO₂ ein Zertifikat, die Gesamtzahl dieser Zertifikate sinkt kontinuierlich - und damit steigt der Druck zur Dekarbonisierung.

Genau an dieser Stellschraube dreht die Kommission jetzt. Unter dem Druck von Wirtschaft und Mitgliedsstaaten schlägt sie vor, dass die Gesamtzahl verfügbarer Emissionsrechte langsamer abnimmt als bisher geplant. Zusätzlich soll es in bestimmten Bereichen mehr kostenlose Zertifikate geben. Konkret: Ein separater Vorschlag sieht vor, die kostenlose Zuteilung für 2026-2030 durch eine Anpassung der sogenannten "Fallback"-Benchmarks um etwa 6 Milliarden Euro zu erhöhen. Für Sektoren unter dem CO₂-Grenzausgleich (CBAM) soll das Auslaufen der kostenlosen Zuteilung bis 2038 verlangsamt werden - ursprünglich war 2034 als Endpunkt vorgesehen.

info Note

Das EU-ETS erfasst Energieerzeuger, die Industrie sowie Teile der Luftfahrt und Schifffahrt. Ab 2028 soll ein zweites System (ETS-2) für Gebäude und den Straßenverkehr hinzukommen. Über den Reformvorschlag müssen nun der Rat der EU-Staaten und das Europaparlament entscheiden.

Die offizielle Begründung klingt ausgewogen. EU-Klimakommissar Wopke Hoekstra sprach davon, dass der Vorschlag "Klimaschutz, Wettbewerbsfähigkeit und Unabhängigkeit" vereint. Das Bundesumweltministerium begrüßte, dass der Emissionshandel als langfristig verlässliches Leitinstrument bestätigt werde und ein klarer Emissionspfad bis 2040 Investitionssicherheit schaffe.

Doch genau diese Investitionssicherheit sieht Groebler durch die Reform gefährdet - und das aus einem sehr konkreten Grund.

Milliarden investiert, Regeln geändert

Salzgitter ist kein Unternehmen, das beim Klimaschutz zugeschaut hat. Mit dem Programm SALCOS® (Salzgitter Low CO₂ Steelmaking) verfolgt der Konzern das Ziel, bis 2033 bis zu 95 Prozent seiner CO₂-Emissionen einzusparen - durch den Einsatz von grünem Wasserstoff anstelle von Kohle in der Direktreduktion. Das Gesamtinvestitionsvolumen für die erste Ausbaustufe beläuft sich auf 2,7 Milliarden Euro, davon rund eine Milliarde Euro aus öffentlichen Mitteln von Bund und Land Niedersachsen. Die erste Produktion über die neue Route soll im ersten Halbjahr 2027 beginnen.

Das SALCOS-Programm der Salzgitter AG hat ein Gesamtinvestitionsvolumen von 2,7 Milliarden Euro für die erste Ausbaustufe, davon rund eine Milliarde Euro aus öffentlichen Fördermitteln.

Diese Investition wurde getätigt - wie Groebler betont - "im Vertrauen auf einen stabilen und verlässlichen Rechtsrahmen". Der EU-ETS war dabei kein bürokratisches Beiwerk, sondern ein zentrales Kalkulationselement: Ein steigender CO₂-Preis macht grünen Stahl gegenüber konventionell produziertem Stahl wettbewerbsfähiger. Wer früh investiert, profitiert früher.

Genau diese Logik droht nun zu kippen. "Die Entlastungen, die für die Zeit nach 2030 geplant sind, könnten schon heute die Wirtschaftlichkeit und Finanzierbarkeit von Dekarbonisierungsprojekten in Europa erschweren", warnt Groebler. Und weiter: "Innovative, CO₂-arme Geschäftsmodelle drohen dadurch an Attraktivität zu verlieren - mit nachteiligen Folgen für die Investitionsbereitschaft und die industrielle Resilienz Europas."

Das ist keine abstrakte Klage. Es ist eine Kosten-Nutzen-Rechnung, die sich für Unternehmen wie Salzgitter gerade in Echtzeit verschlechtert.

interior of large industrial factoryPhoto: Ant Rozetsky / Unsplash

Das Dilemma der Gleichzeitigkeit

Man muss die Kritik Groeblers ernst nehmen, ohne die Gegenposition zu ignorieren. Die EU-Kommission steht vor einem echten Dilemma: Einerseits ist der Druck aus der Industrie real - steigende Energiepreise, schwache Konjunktur und internationale Konkurrenz ohne vergleichbare CO₂-Kosten haben die Stimmung gekippt. Andererseits untergräbt jede Aufweichung des ETS das Vertrauen genau jener Unternehmen, die bereits investiert haben.

Der Wirtschaftswissenschaftler Michael Pahle vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung bringt es auf den Punkt: Mehr Zeit für die Industrie sei grundsätzlich vertretbar - aber nur, wenn diese Zeit an konkrete Investitionsleistungen geknüpft wird. Das System funktioniere am Ende nur, wenn es Unternehmen dazu bringe, auf grüne Technologien zu setzen.

Der EU-ETS-Zertifikatspreis fiel von über 90 €/t Anfang Januar 2025 auf nahezu 60 €/t Mitte März 2025, unter anderem infolge von Unsicherheiten über die Reformrichtung.

Genau hier liegt das Problem mit dem aktuellen Reformvorschlag: Er sendet ein zweideutiges Signal. Wer noch nicht investiert hat, bekommt mehr Zeit und günstigere Zertifikate. Wer - wie Salzgitter - bereits Milliarden bewegt hat, schaut in die Röhre. Die Asymmetrie ist das eigentliche Problem.

Nicht nur Salzgitter

Groebler steht mit seiner Kritik nicht allein. Auch der Verband der Chemischen Industrie (VCI) reagierte scharf auf den Reformvorschlag: Hauptgeschäftsführer Wolfgang Große Entrup bezeichnete ihn als "gefährliche Augenwischerei" und warnte, dass ein verordneter Investitionszwang die kostenlosen Zertifikate entwerte.

Die EU-Kommission legte ihren Reformvorschlag für das EU-ETS am 18. Juli 2026 vor.

Interessant ist dabei, dass die Kritiken aus verschiedenen Richtungen kommen: Klimaschützer sehen die Reform als Aufweichung, Industrievertreter wie Groebler sehen sie als Bestrafung für Vorreiter, und Ökonomen mahnen zur Differenzierung. Die Debatte ist damit eröffnet - und EU-Parlament sowie Mitgliedsstaaten müssen im Gesetzgebungsprozess noch nachbessern, wie Groebler explizit fordert.

Was das konkret für den Shopfloor bedeutet

Die Frage, die sich Entscheider in der Industrie jetzt stellen müssen, ist pragmatisch: Wie verlässlich ist der regulatorische Rahmen, auf den ich meine Investitionsplanung aufbaue?

Für Unternehmen, die noch am Anfang ihrer Dekarbonisierungsplanung stehen, verändert sich die Kalkulation. Wenn CO₂-Zertifikate länger günstig bleiben und kostenlose Zuteilungen großzügiger werden, sinkt der unmittelbare Druck zur Transformation - und damit auch die Dringlichkeit, jetzt zu investieren. Das ist kurzfristig bequem, langfristig riskant.

Für Unternehmen wie Salzgitter, die bereits investiert haben, ist die Lage noch unangenehmer: Ihre Wettbewerbsposition gegenüber Zögerern verbessert sich durch die Reform nicht - im Gegenteil. Die Kostendifferenz zwischen grünem und konventionellem Stahl bleibt größer als erwartet, weil der CO₂-Preis als Ausgleichsmechanismus geschwächt wird.

help_outlineWas ist das EU-ETS und warum ist es für die Industrie relevant?expand_more

Das EU-Emissionshandelssystem (ETS) ist seit 2005 das zentrale Klimaschutzinstrument der EU. Unternehmen aus Industrie, Energieerzeugung und Teilen der Luftfahrt und Schifffahrt benötigen für jede ausgestoßene Tonne CO₂ ein Zertifikat. Die Gesamtzahl der Zertifikate sinkt kontinuierlich, was den CO₂-Preis erhöht und Investitionen in klimafreundliche Technologien wirtschaftlich attraktiver macht.

help_outlineWas plant die EU-Kommission mit der ETS-Reform konkret?expand_more

Die Kommission schlägt vor, dass die Zahl verfügbarer Emissionsrechte langsamer sinkt als bisher geplant. Zusätzlich soll es mehr kostenlose Zertifikate geben — unter anderem durch angepasste 'Fallback'-Benchmarks im Wert von rund 6 Milliarden Euro für 2026–2030. Das Auslaufen der kostenlosen Zuteilung für CBAM-Sektoren soll von 2034 auf 2038 verschoben werden.

help_outlineWarum kritisiert Salzgitter-Chef Groebler die Reform?expand_more

Salzgitter hat bereits 2,7 Milliarden Euro in das SALCOS-Programm für grünen Stahl investiert — im Vertrauen auf einen stabilen CO₂-Preisrahmen. Eine Lockerung des ETS senkt den CO₂-Preis und damit die Wirtschaftlichkeit dieser Investition. Groebler sieht darin eine Bestrafung von Unternehmen, die früh gehandelt haben.

help_outlineWelche anderen Akteure kritisieren den Reformvorschlag?expand_more

Neben Salzgitter hat auch der Verband der Chemischen Industrie (VCI) den Vorschlag als 'gefährliche Augenwischerei' bezeichnet. Klimaschützer warnen vor einer grundsätzlichen Aufweichung der europäischen Klimaambitionen. Ökonomen wie Michael Pahle vom Potsdam-Institut betonen, dass mehr Zeit für die Industrie nur dann vertretbar sei, wenn sie an konkrete Investitionspflichten geknüpft wird.

Planungssicherheit als Standortfaktor

Groeblers LinkedIn-Post ist mehr als ein Stimmungsbild. Er benennt ein strukturelles Problem, das über den Emissionshandel hinausgeht: Wenn regulatorische Rahmenbedingungen rückwirkend verändert werden, sinkt die Bereitschaft, auf Basis dieser Rahmenbedingungen zu investieren. Das gilt für Stahl, für Chemie, für Zement - und für jede andere Branche, die gerade vor einer milliardenschweren Transformationsentscheidung steht.

Die niedersächsische Stahlproduktion trägt mit fast acht Millionen Tonnen CO₂-Ausstoß jährlich zu mehr als zehn Prozent der Treibhausgasemissionen in Niedersachsen bei.

Die eigentliche Botschaft aus Salzgitter lautet: Europas Industriepolitik muss sich entscheiden. Entweder sie setzt auf Verlässlichkeit und belohnt Vorreiter - oder sie optimiert kurzfristig für politischen Frieden und riskiert, dass die nächste Generation von Transformationsinvestitionen ausbleibt. Beides gleichzeitig geht nicht.

Groebler fordert EU-Parlament und Mitgliedsstaaten auf, im Gesetzgebungsprozess nachzubessern. Ob sie das tun, wird sich zeigen. Die Debatte hat jedenfalls gerade erst begonnen.

Katrin Schreiber (KI)

Katrin Schreiber (KI)

Ressortleiterin Automatisierung & Digitalisierung

Wirtschaftsinformatikerin mit Schwerpunkt Industrie-4.0-Transformationen. Berichtet über Automatisierung, Robotik, KI in der Industrie, IoT und digitale Transformation.