Der Herzogenauracher Automobilzulieferer Schaeffler und das kalifornische Softwareunternehmen Sonatus haben eine globale Partnerschaft bekannt gegeben, die das Steuergerät neu definieren soll. Das Ziel ist präzise: Künstliche Intelligenz direkt auf Steuergeräte für softwaredefinierte Fahrzeuge bringen - ohne Umweg über die Cloud, ohne zusätzliche Hardware. Die Ankündigung fiel am 10. Juni 2026 und trifft einen Nerv, der die gesamte Branche gerade beschäftigt.
Vom statischen Bauteil zur lernenden Plattform
Das Steuergerät war jahrzehntelang ein verlässlich passives Element: einmal kalibriert, selten verändert, fest verdrahtet in seiner Funktion. Softwaredefinierte Fahrzeuge (SDVs) brechen mit diesem Modell. Die Partnerschaft zeigt, dass softwaredefinierte Fahrzeuge nicht allein durch leistungsfähige Rechner entstehen - entscheidend ist, wie Steuergeräte, eingebettete Software, Daten und KI-Funktionen zusammenarbeiten.
Als Motion Technology Company bringt Schaeffler domänenübergreifende Steuergeräte sowie umfassende Systemintegrationskompetenz in den Bereichen Antrieb, Energie, Fahrwerk und Karosserie ein - und schafft damit die Grundlage für zentrale und zonale Fahrzeugarchitekturen, die das Rückgrat softwaredefinierter Fahrzeuge bilden. Sonatus ergänzt genau das, was Schaeffler bislang nicht selbst liefert: serienreife KI-Software, die bereits im Feld erprobt ist.
Sonatus-Technologien sind bereits in mehr als acht Millionen Fahrzeugen weltweit im Einsatz - [1]. Das ist kein Pilotprojekt, sondern ein Beweis für Serientauglichkeit.
Was die beiden Produkte konkret leisten
Im Mittelpunkt der Kooperation stehen zwei Softwarekomponenten von Sonatus, die in Schaefflers Steuergeräte vorintegriert werden:
Sonatus Collector AI ermöglicht eine gezielte Datenerfassung in Echtzeit - ohne auf umfangreiche Datenlogs angewiesen zu sein. Sonatus AI Director übernimmt die Ausführung und das Lifecycle-Management von KI-Modellen direkt im Fahrzeug.
Der entscheidende Unterschied zur bisherigen Praxis liegt in der Architektur: KI-Inferenz findet nicht mehr in einem zentralen Hochleistungsrechner oder gar in der Cloud statt, sondern direkt dort, wo die Daten entstehen - auf dem Steuergerät selbst. Das reduziert Latenz, senkt Bandbreitenanforderungen und macht Fahrzeugfunktionen unabhängiger von Netzwerkverbindungen.
Edge-KI vs. Cloud-KI im Fahrzeug: Bei Edge-KI laufen KI-Modelle direkt auf dem Steuergerät im Fahrzeug. Das ermöglicht Echtzeit-Reaktionen ohne Netzwerklatenz, schützt sensible Fahrzeugdaten und funktioniert auch ohne Mobilfunkverbindung — entscheidende Vorteile für sicherheitskritische Funktionen wie Lenken oder Bremsen.
Konkrete Vorteile für OEMs
Gemeinsam ermöglichen die Partner den Automobilherstellern, zentrale Fahrzeugfunktionen - zum Beispiel Lenken, Bremsen und Energiemanagement - direkt auf den Steuergeräten auszuführen und fortlaufend zu optimieren. Neue Funktionen und Verbesserungen lassen sich über den gesamten Lebenszyklus hinweg aufspielen, ganz ohne Änderungen der Hardware. Die flexible Datenerfassung sorgt zudem für schnellere Fehleranalysen und tiefere Einblicke in die Fahrzeugperformance. Automobilhersteller können so die steigende Systemkomplexität besser beherrschen und ihre Entwicklungszyklen deutlich verkürzen.
Das klingt nach Marketingsprache, hat aber einen handfesten Hintergrund: Traditionelle Fahrzeugentwicklung und moderne Softwareentwicklung folgen unterschiedlichen Paradigmen und sprechen unterschiedliche "Sprachen" - was zu fragmentierten Toolchains, ineffizienter Zusammenarbeit und langsameren Innovationszyklen führt. Genau hier setzt die vorintegierte Lösung an.
"Unsere zentralen Steuergeräte sind mit einer vorintegrierten Software-Infrastruktur ausgestattet, zu der auch Lösungen von Sonatus zählen. Das erleichtert unseren Kunden die Integration deutlich und hilft ihnen, ihre Software-Architekturen schneller zu zentralisieren", sagt Rodrigo Peres, Senior Vice President Business Unit Vehicle and Battery Controls der Schaeffler AG.
Photo: Anne Nygård / UnsplashWarum der Zeitpunkt kein Zufall ist
2026 gilt in der Branche als Wendepunkt für softwaredefinierte Fahrzeuge: 2026 wird für Software-defined Vehicles zum Realitätstest - entscheidend sei nicht mehr die Vision, sondern wer konkrete Software liefern kann.
Der Markt für fahrzeuginterne KI wächst entsprechend rasant. In-Vehicle-KI ist auf dem Weg, eine der transformativsten Technologien der Automobilindustrie zu werden, mit einem Gesamtmarktpotenzial, das laut einem Bericht von Frost & Sullivan von 43 Milliarden Dollar im Jahr 2025 auf 238 Milliarden Dollar im Jahr 2030 anwachsen soll.
Gleichzeitig verschärft sich der Druck auf Zulieferer, sich neu zu positionieren. Die Automobilindustrie kämpft nicht nur mit Chipmangel, sondern mit einem strukturellen Timingproblem: Hardwarezyklen dauern Jahre, Software entwickelt sich in Monaten. Wer als Tier-1-Lieferant in diesem Umfeld relevant bleiben will, muss mehr liefern als Mechanik - er muss Software-Kompetenz nachweisen.
Die Partnerschaft unterstreicht Schaefflers strategischen Fokus auf Software- und Systemkompetenz für softwaredefinierte Fahrzeuge. Das ist keine Diversifikation am Rande, sondern eine Neupositionierung des Kerngeschäfts.
Was die Partnerschaft für die Branche bedeutet
Schaeffler und Sonatus adressieren mit ihrer Lösung einen zentralen Punkt der SDV-Entwicklung: Fahrzeugfunktionen sollen über Software steuerbar, aktualisierbar und auswertbar werden. Damit rückt das Steuergerät von einer statischen Hardwarekomponente stärker in die Rolle einer updatefähigen Softwareplattform.
Das hat strukturelle Konsequenzen für die gesamte Wertschöpfungskette. Künstliche Intelligenz gilt in der Automobilindustrie zunehmend als Grundvoraussetzung - entscheidender für die Differenzierung von Fahrzeugen ist inzwischen weniger die Verfügbarkeit einzelner KI-Funktionen als deren Integration in stabile, validierbare und über den Fahrzeuglebenszyklus hinweg updatefähige Systeme.
Genau das liefert die Kombination aus Schaefflers Hardware-Kompetenz und Sonatus' serienerprobter KI-Software: keine Einzelfunktion, sondern eine Plattform, die sich über die gesamte Fahrzeuglebenszeit weiterentwickeln kann.
Was ist Edge-KI im Fahrzeugkontext?
Edge-KI bezeichnet KI-Modelle, die direkt auf einem lokalen Gerät — hier dem Steuergerät im Fahrzeug — ausgeführt werden, statt Daten zur Verarbeitung in die Cloud zu senden. Das ermöglicht Echtzeit-Reaktionen, reduziert Latenz und macht Funktionen unabhängig von einer Netzwerkverbindung.
Was macht Sonatus Collector AI?
Sonatus Collector AI ermöglicht eine gezielte, echtzeitfähige Datenerfassung direkt im Fahrzeug — ohne dass dafür umfangreiche Datenlogs angelegt werden müssen. Das beschleunigt Fehleranalysen und liefert tiefere Einblicke in die Fahrzeugperformance.
Was macht Sonatus AI Director?
Sonatus AI Director übernimmt die Ausführung und das Lifecycle-Management von KI-Modellen direkt auf dem Steuergerät. Neue Modelle oder Updates lassen sich so über die gesamte Fahrzeuglebensdauer aufspielen, ohne Hardware-Änderungen vornehmen zu müssen.
Welche Fahrzeugfunktionen profitieren konkret?
Laut Schaeffler und Sonatus lassen sich zentrale Fahrzeugfunktionen wie Lenken, Bremsen und Energiemanagement direkt auf den Steuergeräten ausführen und kontinuierlich optimieren. Die Lösung deckt die Domänen Antrieb, Energie, Fahrwerk und Karosserie ab.
Ist die Sonatus-Technologie bereits serienreif?
Ja. Sonatus gibt an, dass seine KI-Lösungen bereits in mehr als acht Millionen Fahrzeugen weltweit im Einsatz sind — die Technologie ist also nicht erst im Prototypenstadium, sondern hat Serienreife nachgewiesen.





