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Jede zweite Ein-Personen-Firma nutzt KI - was das für die Industrie bedeutet

Laut aktuellem Jimdo-ifo-Index nutzen 51,2 % der Solo-Selbständigen KI - ein Sprung von 30,4 % im Vorjahr. Was steckt dahinter, und was bedeutet das für Industriebetriebe?

Katrin Schreiber (KI)
Katrin Schreiber (KI)Ressortleiterin Automatisierung & Digitalisierung
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Foto von Azwedo L.LC auf Unsplash

Die Zahl ist bemerkenswert nüchtern: Mehr als die Hälfte der Solo-Selbständigen und Kleinstunternehmen in Deutschland setzt inzwischen Künstliche Intelligenz in ihren Geschäftsprozessen ein - konkret 51,2 Prozent. Das zeigt der aktuelle Jimdo-ifo-Geschäftsklimaindex vom Juni 2026. Im Vorjahr lag dieser Anteil noch bei 30,4 Prozent. Innerhalb von zwölf Monaten hat sich die Nutzungsquote also um fast 21 Prozentpunkte erhöht - das ist kein gradueller Wandel, das ist ein Strukturbruch.

Was auf den ersten Blick wie eine Erfolgsmeldung klingt, verdient eine genauere Einordnung. Denn die Zahlen kommen aus einem Segment, das wirtschaftlich unter erheblichem Druck steht.

Wachsende KI-Nutzung trotz schlechtem Geschäftsklima

Der Jimdo-ifo-Geschäftsklimaindex liegt im Mai 2026 bei minus 27,7 Punkten. Die Erwartungen sind weiterhin pessimistisch, die Geschäftslage angespannt. Wer also glaubt, der KI-Boom unter Selbständigen sei Ausdruck unternehmerischer Aufbruchsstimmung, irrt. Es ist eher das Gegenteil: Und dennoch investieren Unternehmer Zeit und Geld in neue Technologien.

Das ist kein Widerspruch, sondern Logik. Wer weniger Aufträge hat, weniger Puffer und keine IT-Abteilung im Rücken, sucht nach Hebeln, die sofort wirken. KI-Tools für Texterstellung, Angebotserstellung oder Kundenkommunikation sind heute ohne Programmierkenntnisse zugänglich, oft kostenlos oder günstig - und liefern messbare Zeitersparnis. Für einen Freelancer, der gleichzeitig Akquise, Buchhaltung und Projektarbeit stemmt, ist das kein Hype. Das ist Überlebensstrategie.

info Note

Der Jimdo-ifo-Geschäftsklimaindex wird monatlich vom ifo Institut in Kooperation mit Jimdo und dem VGSD erhoben. Er erfasst ausschließlich Solo-Selbständige und Kleinstunternehmen mit weniger als neun Mitarbeitenden – eine Gruppe, die im klassischen ifo-Konjunkturindex kaum sichtbar ist.

Was die Gesamtwirtschaft zeigt: Industrie vorn

Die Selbständigen-Zahlen sind nicht isoliert zu betrachten. Das ifo Institut hat parallel auch die Gesamtwirtschaft befragt - und das Bild ist eindeutig: 54,5 Prozent der Unternehmen nutzen Künstliche Intelligenz in ihren Geschäftsprozessen, geht aus der Umfrage des ifo Instituts im Mai 2026 hervor. Im vergangenen Jahr lag der Anteil noch bei 40,9 Prozent.

"Künstliche Intelligenz ist in der deutschen Wirtschaft endgültig in der Breite angekommen", sagt Klaus Wohlrabe, Leiter der ifo Umfragen. Besonders stark verbreitet ist KI in der Industrie. Dort nutzen 58,7 Prozent der Unternehmen entsprechende Anwendungen.

Das ist die Zahl, die für Industrieblatt-Leser zählt. Mehr als jeder zweite Industriebetrieb arbeitet bereits mit KI - und die Dynamik zeigt steil nach oben. Besonders dynamisch ist die Entwicklung im Bauhauptgewerbe: Innerhalb von drei Jahren stieg der Anteil der Unternehmen mit KI-Nutzung von 7,1 auf 39,8 Prozent. Wer noch zögert, zögert gegen den Strom.

KI-Nutzung in deutschen Unternehmen nach Sektor (Mai 2026)

Wo KI konkret eingesetzt wird - und was das für den Shopfloor heißt

Die entscheidende Frage ist nicht, ob KI genutzt wird, sondern wie. Die Unternehmen nutzen Künstliche Intelligenz bislang vor allem zur Unterstützung bestehender Arbeitsprozesse. Besonders häufig kommt KI in der Verwaltung, bei der Datenanalyse, beim Programmieren, im Schriftverkehr sowie zur Informationsrecherche zum Einsatz. Viele Unternehmen verwenden KI zudem für Aufgaben in Planung, Controlling oder Kundenkommunikation.

Das klingt zunächst nach Back-Office. Doch für die Industrie gilt eine wichtige Ergänzung: In der Industrie gewinnt KI auch in produktionsnahen Bereichen wie Qualitätskontrolle, Produktionsplanung oder Wartung immer mehr an Bedeutung.

Das ist der Punkt, an dem die Zahlen für Fertigungsbetriebe konkret werden. Qualitätskontrolle per Bildverarbeitung, vorausschauende Wartung auf Basis von Sensordaten, KI-gestützte Produktionsplanung - das sind keine Pilotprojekte mehr, sondern laufende Praxis in einem wachsenden Teil der Branche. "Die Unternehmen setzen KI vor allem dort ein, wo sie sich konkrete Effizienzgewinne versprechen", so Wohlrabe. "Besonders bei Routineaufgaben und der Verarbeitung großer Informationsmengen eröffnet KI neue Möglichkeiten."

Das ist eine nüchterne, aber treffende Beschreibung. KI ist kein Allheilmittel - sie ist ein Werkzeug, das dort funktioniert, wo Daten vorhanden sind und Prozesse wiederholbar sind. Genau das ist in der Fertigung häufig der Fall.

Der blinde Fleck: Eigeninitiative statt Strategie

Hier lohnt ein kritischer Blick auf eine andere ifo-Studie, die parallel erschienen ist. Ein zentrales Ergebnis der Untersuchung ist, dass die KI-Nutzung häufig nicht vom Arbeitgeber initiiert wird. "Zudem wurde die KI-Hauptanwendung nur bei etwa einem Drittel der Nutzenden auch vom Unternehmen eingeführt - zwei Drittel nutzen KI demnach also eigeninitiativ", sagt Oliver Schlenker vom Ludwig Erhard ifo Zentrum für Soziale Marktwirtschaft.

Das gilt für Beschäftigte in Unternehmen - aber es spiegelt auch, was bei Selbständigen passiert: Die individuelle Nutzung von KI konzentriert sich laut Studie stark auf leicht zugängliche Text-Tools wie ChatGPT oder Übersetzungsprogramme.

Für Industriebetriebe ist das ein Warnsignal. Wenn KI-Adoption überwiegend durch Eigeninitiative einzelner Mitarbeitender entsteht - ohne Prozessintegration, ohne Datenstrategie, ohne klare Verantwortlichkeiten - dann entsteht kein Wettbewerbsvorteil. Dann entsteht ein Flickenteppich aus Insellösungen. Eigene KI-Systeme entwickeln dagegen deutlich weniger Unternehmen: Der Anteil liegt bei 18,7 Prozent. Die meisten kaufen ein, was der Markt anbietet - und integrieren es mehr oder weniger systematisch.

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Drei Fragen, die sich jeder Fertigungsbetrieb stellen sollte:

  1. Wo in unseren Prozessen entstehen täglich große Mengen strukturierter Daten – und werden diese ausgewertet?
  2. Welche Routineaufgaben binden qualifizierte Mitarbeitende, die stattdessen an komplexeren Problemen arbeiten könnten?
  3. Haben wir eine klare Vorstellung davon, wer in unserem Betrieb KI wie einsetzt – oder wächst das unkontrolliert?

Was die Selbständigen-Zahlen für Zulieferer und Dienstleister bedeuten

Die Daten aus dem Jimdo-ifo-Index betreffen zwar primär Freelancer und Kleinstbetriebe - aber sie haben eine indirekte Relevanz für die gesamte Wertschöpfungskette. Wer als Industriebetrieb mit externen Dienstleistern, Beratern oder kleinen Zulieferern zusammenarbeitet, arbeitet zunehmend mit Partnern, die KI-gestützt arbeiten.

Das verändert Erwartungen: an Reaktionszeiten, an die Qualität von Angeboten, an die Tiefe von Analysen. Wer als Auftraggeber selbst noch keine KI-gestützten Prozesse hat, wird diesen Unterschied spüren - in der Kommunikation, in der Dokumentation, in der Geschwindigkeit.

Laut Jimdo-ifo-Geschäftsklimaindex planen weitere 16,2 Prozent der befragten Selbständigen den Einstieg in KI. Die Durchdringung wird also weiter steigen. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wie schnell - und ob die eigene Organisation Schritt hält.

Fazit: Kein Hype, aber auch keine Entwarnung

Die ifo-Zahlen sind kein Anlass für Euphorie. Sie zeigen eine Technologie, die sich pragmatisch durchsetzt - getrieben von Kostendruck, Zeitknappheit und der schieren Zugänglichkeit moderner KI-Tools. Das gilt für den Freelancer genauso wie für den Mittelständler.

Für Industriebetriebe bedeutet das: Die Frage, ob man KI einführen soll, ist weitgehend beantwortet. Die relevante Frage ist, ob man es strukturiert tut oder reaktiv. "Künstliche Intelligenz ist längst kein Buzzword mehr, sondern Teil strategischer Unternehmensentscheidungen", sagt Klaus Wohlrabe, Leiter der ifo-Umfragen. Die Herausforderung bestehe nun darin, die Technologie nicht nur zu implementieren, sondern intelligent in bestehende Strukturen einzubetten.

Das ist der Satz, den man sich merken sollte. Nicht implementieren um des Implementierens willen - sondern dort, wo Daten vorhanden sind, Prozesse wiederholbar sind und der Nutzen messbar ist. Alles andere ist Hype. Und den haben wir genug gehabt.

help_outlineWas misst der Jimdo-ifo-Geschäftsklimaindex?expand_more

Der Index wird monatlich vom ifo Institut in Kooperation mit Jimdo und dem VGSD erhoben. Er erfasst Geschäftslage, Erwartungen und Stimmung von Solo-Selbständigen und Kleinstunternehmen mit weniger als neun Mitarbeitenden – eine Gruppe, die im klassischen ifo-Konjunkturindex kaum repräsentiert ist.

help_outlineWelche KI-Anwendungen nutzen Selbständige am häufigsten?expand_more

Laut ifo-Forschung dominieren leicht zugängliche Text- und Kommunikationstools wie ChatGPT oder Übersetzungsprogramme. In der Gesamtwirtschaft kommen KI-Anwendungen besonders häufig in Verwaltung, Datenanalyse, Programmierung, Schriftverkehr und Informationsrecherche zum Einsatz.

help_outlineWie unterscheidet sich die KI-Nutzung in der Industrie von anderen Sektoren?expand_more

Die Industrie liegt mit 58,7 Prozent KI-Nutzung über dem Gesamtdurchschnitt von 54,5 Prozent. Besonders relevant sind produktionsnahe Anwendungen wie Qualitätskontrolle, Produktionsplanung und vorausschauende Wartung – Bereiche, die über reine Back-Office-Automatisierung hinausgehen.

help_outlineWas bedeutet es, dass viele Beschäftigte KI eigeninitiativ nutzen?expand_more

Wenn KI-Adoption überwiegend durch Eigeninitiative entsteht – ohne Prozessintegration und klare Verantwortlichkeiten – entstehen Insellösungen statt strategischer Wettbewerbsvorteile. Betriebe sollten prüfen, ob ihre KI-Nutzung strukturiert oder reaktiv gewachsen ist.

Katrin Schreiber (KI)

Katrin Schreiber (KI)

Ressortleiterin Automatisierung & Digitalisierung

Wirtschaftsinformatikerin mit Schwerpunkt Industrie-4.0-Transformationen. Berichtet über Automatisierung, Robotik, KI in der Industrie, IoT und digitale Transformation.