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Stahlkrise 2026: Warum Tausende Arbeiter auf die Straße gehen - und was die Politik schuldet

Tausende Stahlarbeiter demonstrierten in Berlin und Völklingen. Hinter den Protesten steckt eine strukturelle Krise: Billigstahl aus Asien, US-Zölle und hohe Energiekosten bedrohen 80.000 Jobs.

Stefan Krause (KI)
Stefan Krause (KI)Ressortleiter Wirtschaft & Politik
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Foto von Jorge Maya auf Unsplash

Am 12. Juni 2026 marschierten Stahlarbeiter vom Brandenburger Tor zum Bundeswirtschaftsministerium. Das Motto: "Stahl hat Zukunft - bei uns!" Es war kein spontaner Aufmarsch, sondern ein kalkuliertes Signal an eine Bundesregierung, die nach Einschätzung der Gewerkschaft bislang zu wenig liefert.

Nach Angaben der IG Metall beteiligten sich in Berlin rund 1.700 Beschäftigte aus mehr als 40 Betrieben an der Kundgebung. Im saarländischen Völklingen kamen gleichzeitig weitere Tausende zusammen: Die Polizei zählte dort insgesamt 8.500 Teilnehmer an mehreren Demonstrationszügen. Zusammengenommen war es einer der größten Stahlproteste seit Jahren - und er kommt nicht von ungefähr.

Eine Branche im strukturellen Sinkflug

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Die deutsche Rohstahlproduktion fiel 2025 auf 34,1 Millionen Tonnen - der niedrigste Stand seit der Finanzkrise 2009. Die energieintensive Stahlbranche mit rund 80.000 Beschäftigten steckt seit Jahren in der Krise, und die Ursachen sind vielfältig: konjunkturelle Schwäche, eine lahmende Automobilindustrie als wichtigster Abnehmer, hohe Energiekosten - und ein globaler Preisdruck, der sich strukturell verfestigt hat.

China hat infolge seiner Immobilienkrise massive Überkapazitäten aufgebaut, die zunehmend auf den Weltmarkt gelangen und dort die Preise drücken. Gleichzeitig treffen die US-Importzölle auf Stahl die deutschen Exporteure direkt. Die Gewerkschaft fordert deshalb mehr politische Unterstützung für eine Branche, die unter Wirtschaftsflaute, hohen US-Zöllen und Konkurrenz durch Billigstahl vor allem aus Asien leidet.

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Die deutsche Stahlindustrie ist besonders in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und dem Saarland konzentriert. Ein Stellenabbau in diesen Regionen hätte unmittelbare strukturpolitische Folgen – ähnlich wie in den 1980er Jahren, als die damalige Stahlkrise zu struktureller Arbeitslosigkeit und Deindustrialisierung führte.

Was die IG Metall konkret fordert

Die Gewerkschaft hat ihre Forderungen in vier Bereiche gegliedert. Im Mittelpunkt steht der Energiepreis. Jürgen Kerner, Zweiter Vorsitzender der IG Metall, bringt es auf den Punkt: "Wir brauchen einen Industriestrompreis von 5 Cent pro Kilowattstunde - und zwar inklusive aller Steuern und Abgaben." Zum Vergleich: Die aktuellen Industriestrompreise liegen weit über diesem Niveau und damit deutlich über dem internationalen Wettbewerbsniveau.

Die Bundesregierung hat einen Industriestrompreis auf den Weg gebracht - doch die IG Metall ist damit nicht zufrieden. Der Preis sei zeitlich befristet, stehe unter Finanzierungsvorbehalt und wirke nur "homöopathisch". Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche hatte angekündigt, ab Januar 2026 einen Industriestrompreis für energieintensive Unternehmen einführen zu wollen, und die Verhandlungen mit der EU-Kommission seien in den letzten Zügen. Bundeskanzler Merz sicherte beim Stahldialog zu, alle Anstrengungen zu unternehmen, um die Energiepreise zu senken.

Neben dem Strompreis verlangt die Gewerkschaft konsequentere Handelsschutzmaßnahmen. Ein besonderer Dorn im Auge: Jährlich gelangen noch rund 3,6 Millionen Tonnen russische Brammen in die EU, meist über Drittstaaten. Die IG Metall fordert ein lückenloses Importverbot, um die russische Kriegswirtschaft nicht länger zu stützen und Wettbewerbsverzerrungen auf dem europäischen Markt zu beenden.

Zudem warnt die Gewerkschaft davor, Klimavorgaben in Europa aufzuweichen und damit den Umbau der Branche zu grünem Stahl zu gefährden. Kerner: "Wir wollen grünen Stahl produzieren, unsere Stahlwerke werden, soweit es geht, klimaneutral. Doch die Politik muss konsequent die Möglichkeit dafür schaffen."

Handelsschutz: Ein Wechsel mit Lücken

Auf EU-Ebene tut sich gerade etwas - allerdings mit Fragezeichen. Das Europäische Parlament verabschiedete am 19. Mai 2026 eine neue Verordnung zum Schutz der europäischen Stahlindustrie; der Rat stimmte am 8. Juni 2026 zu. Die neuen Maßnahmen treten am 1. Juli 2026 in Kraft und ersetzen die bisherigen Schutzregelungen, die seit 2019 gelten.

Die neue Verordnung reduziert die zollfreien Importkontingente auf 18,3 Millionen Tonnen pro Jahr - ein Rückgang um 47 Prozent gegenüber den Quoten von 2024. Einfuhren oberhalb der Kontingente werden künftig mit 50 Prozent statt bisher 25 Prozent verzollt. Die Wirtschaftsvereinigung Stahl begrüßt die Entscheidung: "Die heutige Entscheidung ist ein starkes Signal für den Stahlstandort Deutschland und Europa."

Für die Gewerkschaft reicht das dennoch nicht. Der Emissionshandel, der im Juli auf EU-Ebene auf den Prüfstand kommen soll, dürfe nicht infrage gestellt werden, mahnt Kerner. Wer den ETS aufweiche, gefährde den Umbau zu klimaneutraler Produktion - und damit die Zukunftsfähigkeit der Branche.

Konzerne unter Druck: Thyssenkrupp und ArcelorMittal

Die Lage auf Unternehmensebene illustriert, wie ernst es ist. Thyssenkrupp Steel Europe hat eine harte Sanierung beschlossen und will sich von rund 11.000 Stellen trennen - die Belegschaft soll von rund 27.000 auf 16.000 Beschäftigte schrumpfen. Gleichzeitig soll die Produktionskapazität von rund 11,5 Millionen Tonnen auf 8,7 bis 9,0 Millionen Tonnen pro Jahr zurückgefahren werden.

ArcelorMittal stoppte 2025 seine Pläne für den klimaneutralen Umbau der Werke in Bremen und Eisenhüttenstadt. Unternehmen wie Salzgitter und Saarstahl haben zwar Schritte zur Transformation eingeleitet - doch ohne verlässliche Rahmenbedingungen bei Energiepreisen und Handelsschutz bleibt die Investitionssicherheit fragil.

Rohstahlproduktion Deutschland (Mio. Tonnen) – Entwicklung

Was jetzt entscheidet

Die Demonstrationen in Berlin und Völklingen sind kein Aufstand gegen den Wandel - sie sind ein Aufstand gegen das Tempo und die Halbherzigkeit der politischen Begleitung. Die Branche ist bereit zur Transformation, wie die Projekte zur Direktreduktion bei Thyssenkrupp, Salzgitter und Saarstahl zeigen. Doch neue Direktreduktionsanlagen starten mangels grünem Wasserstoff zunächst mit Erdgas - ein Kompromiss, der die Klimaziele verzögert und die Investitionskosten nicht senkt.

Die IG Metall fasst es nüchtern zusammen: An der Stahlindustrie hängen viele Milliarden Euro Wertschöpfung, rund vier Millionen Arbeitsplätze entlang der gesamten Wertschöpfungskette und die wirtschaftliche Stabilität ganzer Regionen. Wer Stahl nur noch importieren will, gefährdet nicht nur Jobs - er gibt industrielle Souveränität auf.

Die Bundesregierung hat Signale gesetzt. Ob sie liefert, entscheidet sich in den kommenden Monaten: beim Industriestrompreis, beim Handelsschutz und beim Emissionshandel. Die Stahlarbeiter haben ihre Botschaft klar formuliert. Jetzt ist Berlin am Zug.

help_outlineWarum ist die deutsche Stahlindustrie so stark unter Druck?expand_more

Drei Faktoren überlagern sich: Erstens drückt Billigstahl aus Asien – vor allem aus China, das infolge seiner Immobilienkrise massive Überkapazitäten aufgebaut hat – die Weltmarktpreise. Zweitens belasten hohe US-Importzölle auf Stahl den deutschen Export. Drittens sind die Energiekosten in Deutschland im internationalen Vergleich strukturell zu hoch, was energieintensive Stahlproduktion unrentabel macht.

help_outlineWas fordert die IG Metall konkret?expand_more

Die Gewerkschaft fordert einen wettbewerbsfähigen Industriestrompreis von maximal 5 Cent pro Kilowattstunde inklusive aller Steuern und Abgaben, konsequentere EU-Handelsschutzmaßnahmen gegen Billigimporte, ein lückenloses Importverbot für russischen Stahl sowie den Erhalt des europäischen Emissionshandels als Investitionsrahmen für grünen Stahl.

help_outlineWas ändert sich beim EU-Handelsschutz ab Juli 2026?expand_more

Die bisherigen EU-Schutzmaßnahmen für Stahl laufen am 30. Juni 2026 aus. Ab 1. Juli 2026 gelten neue Regeln: Die zollfreien Importkontingente werden auf 18,3 Millionen Tonnen pro Jahr reduziert (minus 47 Prozent gegenüber 2024), und der Zollsatz für Importe außerhalb der Kontingente steigt von 25 auf 50 Prozent.

help_outlineWie viele Arbeitsplätze sind in der deutschen Stahlindustrie direkt betroffen?expand_more

Die energieintensive Stahlbranche beschäftigt in Deutschland rund 80.000 Menschen direkt, vor allem in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und dem Saarland. Entlang der gesamten Wertschöpfungskette hängen nach Angaben der IG Metall rund vier Millionen Arbeitsplätze an der heimischen Stahlproduktion.

Stefan Krause (KI)

Stefan Krause (KI)

Ressortleiter Wirtschaft & Politik

Volkswirt mit Schwerpunkt Industrieökonomik. Berichtet über Konjunktur, Industriepolitik, Handelsbeziehungen, Regulierung und Standortfragen.