Die Verhandlungen sind gescheitert, das Angebot zurückgezogen. Der Kieler Marineschiffbauer TKMS steigt aus den Gesprächen über einen Kauf der Nachbarwerft German Naval Yards Kiel (GNYC) aus - und die Begründung von Konzernchef Oliver Burkhard klingt so nüchtern wie eindeutig.
Kein Muss, keine Einigung
"Der Erwerb der German Naval Yards Kiel wäre eine schöne Option gewesen, aber kein Muss", erklärte TKMS-Chef Oliver Burkhard. Konkreter wird er in einer zweiten Aussage: Man habe die Möglichkeit zur potenziellen Flächenoptimierung sorgfältig geprüft und sehe nach abgeschlossener Confirmatory Due Diligence zu den gegebenen Parametern und Konditionen aktuell keine Notwendigkeit für einen Erwerb.
Das ist die Sprache eines Unternehmens, das die Verhandlungsposition des Verkäufers nicht akzeptiert - und sich den Ausstieg leisten kann. Nach Angaben von TKMS konnte sich die Werft nach intensiven Gesprächen mit den Eigentümern CMN NAVAL nicht auf die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Transaktion verständigen. Das nicht bindende Angebot für den möglichen Kauf der Werft wurde deshalb zurückgezogen.
TKMS und German Naval Yards teilen sich in Kiel eine gemeinsame Werftfläche. Beide Unternehmen gehen auf die frühere Traditionswerft HDW (Howaldtswerke-Deutsche Werft AG) zurück, deren Ursprünge bis ins Jahr 1838 reichen. Der ehemalige HDW-Überwasserschiffbau wurde ausgegliedert und firmiert heute als German Naval Yards.
Rheinmetall übernimmt das Feld
Mit dem Rückzug von TKMS verändert sich die Bieterstruktur grundlegend. Die Entscheidung lässt Rheinmetall als einzigen verbliebenen Bieter für die Werft zurück, die rund 350 Mitarbeitende beschäftigt.
Rheinmetall ist in diesem Rennen kein Zufallskandidat. Erst seit kurzem ist der Düsseldorfer Konzern auch Schiffsbauer - er hat die Marinesparte der Bremer Werftengruppe Lürssen übernommen, diese Akquisition wurde Ende Februar abgeschlossen. CEO Armin Papperger will den maritimen Umsatz bis 2030 auf fünf Milliarden Euro steigern. Die GNYC wäre der nächste Baustein dieser Strategie.
"Wir haben ein unverbindliches Angebot abgegeben, um German Naval Yards zu kaufen", sagte Rheinmetall-Chef Armin Papperger bei einer Analysten-Telefonkonferenz. Das Ziel: ein deutscher Vollversorger für alle Teilstreitkräfte.
Photo: Jan Libbertz / UnsplashWarum TKMS trotzdem nicht verliert
Der Rückzug klingt nach Niederlage, ist aber strategisch folgerichtig. TKMS ist seit Oktober 2025 börsennotiert - am 20. Oktober 2025 wurde die Aktie im Prime Standard der Frankfurter Wertpapierbörse erstnotiert, im Rahmen der Abspaltung wurden 49 Prozent der Anteile an die Thyssenkrupp-Aktionäre übertragen. ThyssenKrupp hält weiterhin 51 Prozent.
Als eigenständiges, börsennotiertes Unternehmen steht TKMS unter einem anderen Bewertungsdruck als noch vor zwei Jahren. Jede Akquisition muss sich vor Analysten und Aktionären rechtfertigen lassen - und zwar zu den tatsächlich gezahlten Konditionen, nicht zu Wunschpreisen des Verkäufers.
TKMS-CEO Burkhard hatte bereits im Mai signalisiert, dass sein Unternehmen nicht "jeden Preis der Welt" für GNYC zahlen werde, nachdem Rheinmetall als konkurrierender Bieter aufgetaucht war. Die Grenze war also schon früh gezogen.
Dazu kommt: TKMS erwartet für das Geschäftsjahr bis September 2026 ein bereinigtes operatives Ergebnis von 100 bis 150 Millionen Euro, nach 131 Millionen Euro im Jahr 2025. Der Ausblick ist vorsichtig - kein Umfeld, in dem man einen Preiskampf um eine Werft riskiert, die man selbst als "keine Notwendigkeit" eingestuft hat.
Der Auftragsbestand von TKMS belief sich zum Zeitpunkt des Börsengangs auf über 18 Milliarden Euro. Das Orderbuch ist voll. Die Kapazitätsfrage stellt sich für TKMS anders als für Rheinmetall, das gerade erst in den Marineschiffbau eingestiegen ist und Volumen braucht.
Konsolidierung mit Tempo
Der Fall GNYC ist kein Einzelereignis, sondern ein Symptom. Europäische Marineunternehmen erkunden Partnerschaften, während sich die Konsolidierung im Verteidigungssektor beschleunigt. Deutschland ist dabei kein Beobachter, sondern Zentrum dieser Bewegung.
Vor dem Hintergrund der angespannten internationalen Sicherheitslage, dem anstehenden Bauprogramm für die Deutsche Marine und der beschränkten Eignung ziviler Werften für den Marineschiffbau haben Spezialwerften in diesem Segment - entweder als Partner oder Übernahmeziel - an Attraktivität gewonnen.
Die Zahlen sprechen für sich: TKMS profitiert von einem Anstieg der Verteidigungsausgaben, angetrieben durch den Wandel in der US-Außenpolitik, der Europa unter Druck setzt, seine eigene Verteidigung gegen Russland zu stärken. Dieser Nachfrageschub trifft auf eine begrenzte Zahl spezialisierter Werften - was deren Bewertungen in die Höhe treibt und Einigungen erschwert.
Was jetzt zählt
Für die GNYC-Belegschaft - rund 400 Beschäftigte - ist die Lage unverändert offen. Rheinmetall führt die Due Diligence durch, ein bindendes Angebot steht noch aus. Der französische Eigentümer CMN Naval wird nun mit einem einzigen Bieter verhandeln - eine deutlich schwächere Ausgangsposition als noch vor Wochen.
Für TKMS hingegen ist der Rückzug eine Botschaft an den Kapitalmarkt: Disziplin vor Expansion. Das Unternehmen wächst organisch, mit einem Auftragsbestand, der Kapazitäten auf Jahre hinaus bindet. Eine teure Akquisition zu Konditionen, die intern nicht überzeugen, hätte dieses Bild beschädigt.
Die eigentliche Frage ist, ob Rheinmetall den Preis zahlen wird, den CMN Naval verlangt - oder ob auch dieser Prozess noch Überraschungen bereithält.





