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Varta meldet Insolvenz an: Droht die Zerschlagung einer deutschen Batterie-Ikone?

Varta hat Insolvenz in Eigenverwaltung beantragt. Gläubiger wollen die profitable Haushaltsbatterien-Sparte herauslösen. Was das für den Batteriestandort Deutschland bedeutet.

Julia Hartmann (KI)
Julia Hartmann (KI)Ressortleiterin Forschung & Innovation
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KI-generiert

Der schwäbische Batteriehersteller Varta steht erneut am Abgrund - und diesmal könnte es das endgültige Aus für den Konzern in seiner bisherigen Form bedeuten. Was sich seit Wochen abgezeichnet hatte, ist nun Realität: Varta hat beim Amtsgericht Stuttgart Insolvenz in Eigenverwaltung beantragt. Vier Anträge wurden eingereicht, das Gericht hat deren Eingang bestätigt. Und mit der Insolvenz rückt ein Szenario in greifbare Nähe, das Branchenexperten mit Sorge beobachten: die Zerschlagung eines der letzten großen deutschen Batteriehersteller.

Was ist passiert - und warum jetzt?

Varta hat beim Amtsgericht Stuttgart ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung angemeldet. Betroffen sind neben der Konzernmutter Varta AG auch die operativen Einheiten Varta Microbattery GmbH, Varta Micro Production GmbH und Varta Storage GmbH. Das Unternehmen selbst betont, die Antragstellung erfolge nicht aufgrund einer akuten Zahlungsunfähigkeit im laufenden Betrieb, sondern wegen einer strukturellen Finanzierungslücke auf Ebene der Konzernmutter - insbesondere mit Blick auf die Unternehmensentwicklung ab 2027.

Der unmittelbare Auslöser ist schnell benannt: Die Eigentümer - der österreichische Investor Michael Tojner und der Stuttgarter Sportwagenbauer Porsche, die Varta je zur Hälfte halten - waren nicht mehr bereit, frisches Kapital bereitzustellen. Nach Angaben der Gläubiger hätte Varta kurzfristig einen Finanzbedarf im mittleren zweistelligen Millionenbereich gebraucht, um den laufenden Betrieb aufrechtzuerhalten. Dieses Geld blieb aus.

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Das Amtsgericht Stuttgart bestellte den Stuttgarter Rechtsanwalt Tobias Wahl von der auf Insolvenz- und Restrukturierungsrecht spezialisierten Kanzlei Anchor zum vorläufigen Sachwalter.

Der Apple-Schock: Wie ein Großkunde den Konzern ins Wanken brachte

Um die aktuelle Lage zu verstehen, muss man ein paar Monate zurückblicken. Im Frühjahr 2026 verlor Varta seinen wichtigsten Kunden: Apple entschied, die wiederaufladbaren "CoinPower"-Knopfzellen für seine AirPods-Kopfhörer künftig von einem Lieferanten aus China beziehen zu lassen. Das Werk im bayerischen Nördlingen hatte nahezu ausschließlich diese Zellen produziert.

Die Konsequenzen waren unmittelbar und brutal: Rund 350 Arbeitsplätze in Nördlingen und am Firmensitz in Ellwangen sind von der Schließung des Standorts betroffen. Neue Großkunden, die den Wegfall hätten kompensieren können, fehlten. Damit entfiel für die hochspezialisierte Produktionseinheit in Nördlingen die wirtschaftliche Grundlage - und mit ihr ein wesentlicher Teil der Einnahmen, mit denen Varta die laufende Sanierung hätte stemmen wollen.

Es ist ein Muster, das sich in der Unternehmensgeschichte wiederholt: Bereits 2022 hatte Apple begonnen, einen zweiten Zulieferer aus China für die AirPods-Akkus aufzubauen, was Varta damals erstmals in ernsthafte Schieflage brachte. 2025 zog Apple den Stecker endgültig.

Gläubiger wollen die Filetstücke - Experte schlägt Alarm

Das eigentlich Brisante an der aktuellen Insolvenz ist nicht die Pleite an sich, sondern der Plan dahinter. Die sogenannte Ad-hoc-Gläubigergruppe - bestehend aus der Deutschen Bank sowie den Finanzinvestoren RBC BlueBay, Blantyre und Whitebox - hat angekündigt, das profitable Geschäft mit Haushaltsbatterien aus dem Konzern herauslösen zu wollen. Der Wert der Haushaltsbatterien-Sparte wird mit rund 240 Millionen Euro veranschlagt, bei einem Verkauf könnte sie aber auch mehr als 300 Millionen Euro einbringen.

Für die Hedgefonds, die sich mit hohen Abschlägen in die Varta-Kredite eingekauft hatten, wäre das ein lukratives Geschäft. Für den Rest des Unternehmens - die Microbattery-Sparte, das Energiespeichergeschäft, die kundenspezifischen Batterielösungen - stellt sich dann die Frage nach der Zukunft.

Genau hier setzt die Kritik von Dirk Uwe Sauer an. Der Batterieexperte und Inhaber des Lehrstuhls für Elektrochemische Energiewandlung und Speichersystemtechnik an der RWTH Aachen warnt unmissverständlich: "Die Zerschlagung von Varta wäre ein weiterer Schlag für die Batterieindustrie in Deutschland." Und er benennt das strukturelle Problem dahinter: "Wenn bei einer Zerschlagung jetzt der Gewinnbringer aus dem Unternehmen genommen wird, stellt sich die Frage, wie Innovationen finanziert werden können."

a large machine in a large buildingPhoto: Homa Appliances / Unsplash

Das strukturelle Dilemma der deutschen Batteriebranche

Sauer macht in seiner Einschätzung deutlich, dass der Fall Varta kein Einzelschicksal ist, sondern symptomatisch für ein tieferes Problem. "Technologisch ist das, was Varta macht, sehr gut", sagt er - und schiebt sofort nach: Letzten Endes sei aber alles eine Frage des Preises. "Wir verfügen nicht über eine große Volumenherstellung", so Sauer. In China hingegen gebe es genau diese Volumenproduktion - verbunden mit einem ruinösen Preiskampf, dem europäische Hersteller strukturell kaum gewachsen sind.

Die Abhängigkeit von wenigen Großkunden - wie im Fall Apple - ist dabei nur die eine Seite der Medaille. Die andere: Ohne die Skaleneffekte einer Massenproduktion können deutsche Hersteller bei den Stückkosten nicht mithalten. Hohe Energie- und Lohnkosten verschärfen diesen Nachteil zusätzlich.

Vartas Krisenjahre auf einen Blick

Gibt es noch eine Chance auf Rettung?

Die Zerschlagung ist noch nicht besiegelt. Mehrere Akteure versuchen, das Ruder herumzureißen.

Der Schweizer Retter? Die Allswiss-Gruppe aus der Schweiz hat angeboten, Varta-Forderungen im Nominalwert von rund 298 Millionen Euro zu übernehmen - mit dem erklärten Ziel, den Konzern als Einheit zu erhalten und neue Batterietechnologien aufzubauen. Die Gläubigergruppe reagiert bisher reserviert, in der Finanzbranche gibt es Zweifel an der finanziellen Leistungsfähigkeit des Interessenten. Zu direkten, abschließenden Verhandlungen kam es bislang nicht.

Die Politik meldet sich zu Wort. Sowohl Baden-Württemberg als auch das Saarland haben erklärt, Varta als Ganzes erhalten zu wollen. Ob das über politische Bekenntnisse hinausgeht, bleibt abzuwarten.

Tojner will Teile retten. Der Haupteigentümer hat Interesse an der Microbattery-Sparte - etwa Knopfzellen für Hörgeräte - angemeldet und will den verbleibenden Rest des Unternehmens in Nischenbereichen positionieren. Die Haushaltsbatterien-Sparte, die nicht von der Insolvenz betroffen ist, soll eine neue Eigentümerstruktur erhalten.

Was auf dem Spiel steht: Natrium-Ionen und die Zukunft

Das Tragische an der Situation ist, dass Varta technologisch keineswegs am Ende ist. Varta arbeitet unter anderem an Natrium-Ionen-Batterien, die als Zukunftstechnologie gelten. Sauer sieht darin eine echte strategische Chance für Europa: "Natrium-Ionen-Batterien sind für Europa eine echte Chance, um weniger abhängig von China zu sein, weil man über den Weltmarkt hierfür besser an die benötigten Rohstoffe kommt."

Genau diese Forschung und Entwicklung kostet Geld - Geld, das aus dem laufenden Betrieb kommen muss. Wird der profitable Gewinnbringer, das Haushaltsbatteriengeschäft, herausgelöst, fehlt die interne Finanzierungsquelle für Innovation. Das ist das Dilemma, das Sauer so klar benennt.

Aus Sicht des Experten ist es jedenfalls keine Option, auf europäische Batteriehersteller zu verzichten. Die Autoindustrie etwa lasse sich nicht von kleinen Start-ups beliefern - sie brauche Unternehmen mit Qualität, Zuverlässigkeit und einer gewissen Größe. Varta war genau so ein Unternehmen.

help_outlineWelche Varta-Bereiche sind von der Insolvenz betroffen?expand_more

Betroffen sind die Varta AG als Konzernmutter sowie die operativen Einheiten Varta Microbattery GmbH, Varta Micro Production GmbH und Varta Storage GmbH. Das Geschäft mit Haushaltsbatterien (Consumer Batteries) ist ausdrücklich nicht von der Insolvenz betroffen.

help_outlineWarum will die Gläubigergruppe die Haushaltsbatterien-Sparte herauslösen?expand_more

Die Gläubiger — darunter die Deutsche Bank sowie Hedgefonds wie RBC BlueBay, Blantyre und Whitebox — hatten sich mit Abschlägen in Varta-Kredite eingekauft. Die profitable Haushaltsbatterien-Sparte ist mit bis zu 300 Millionen Euro bewertet und bietet ihnen die Möglichkeit, trotz Insolvenz Gewinne zu realisieren.

help_outlineWas passiert mit den Mitarbeitern?expand_more

Rund 350 Stellen in Nördlingen und am Hauptsitz in Ellwangen sind bereits durch die Schließung des Apple-Werks gefährdet. Insgesamt beschäftigt Varta mehr als 3.000 Mitarbeiter — deren Zukunft hängt vom Ausgang des Insolvenzverfahrens und einer möglichen Zerschlagung ab.

help_outlineHatte Varta nicht bereits 2024 eine Restrukturierung abgeschlossen?expand_more

Ja. Im Rahmen des Restrukturierungsgesetzes (StaRUG) hatte sich Varta 2024 neu aufgestellt: Altaktionäre verloren ihre Beteiligungen, Gläubiger verzichteten auf einen Teil ihrer Forderungen, Porsche und Tojner investierten gemeinsam 60 Millionen Euro. Anfang April 2025 erklärte Varta die Restrukturierung für abgeschlossen — doch die wirtschaftliche Lage verschlechterte sich erneut, vor allem durch den Verlust des Apple-Auftrags.

Fazit: Ein Warnsignal für den Industriestandort Deutschland

Der Fall Varta ist mehr als eine Unternehmensinsolvenz. Er ist ein Lehrstück über die Verwundbarkeit hochspezialisierter Industrieunternehmen, wenn Kundenbindung, Finanzierungsstruktur und geopolitische Wettbewerbsbedingungen gleichzeitig unter Druck geraten. Ein einziger Großkunde - Apple - hat durch seinen Abgang eine Kettenreaktion ausgelöst, die nun den gesamten Konzern in Frage stellt.

Was bleibt, ist die Hoffnung, dass die Technologiekompetenz, die Varta über Jahrzehnte aufgebaut hat, nicht einfach verschwindet - sei es durch eine Rettung als Ganzes oder durch eine geordnete Fortführung der innovativsten Sparten. Denn wie Dirk Uwe Sauer unmissverständlich formuliert: "Wir wissen schon lange, dass wir in dieses Dilemma mit der Abhängigkeit von China hineinlaufen." Varta ist nicht das erste Opfer - und ohne strukturelle Antworten auf europäischer Ebene wohl auch nicht das letzte.

Julia Hartmann (KI)

Julia Hartmann (KI)

Ressortleiterin Forschung & Innovation

Physikerin mit Schwerpunkt Materialwissenschaften. Berichtet über F&E, Werkstoffforschung, Patente und Technologietransfer — mit Fokus auf den Transfer von Forschungsergebnissen in die industrielle Praxis.