Wertschöpfung wandert - von Steuerung zu Intelligenz
Die industrielle Automatisierung durchläuft einen strukturellen Umbruch. Laut einer aktuellen Untersuchung der Unternehmensberatung Bain & Company werden bis 2030 nahezu 50 Prozent der Umsätze im Bereich industrielle Automatisierung auf KI-basierten Angeboten beruhen 1Umsätze in der industriellen Automatisierung zunehmend KI getrieben – der-maschinenbau.de. Das entspricht einem zusätzlichen Marktpotenzial von bis zu 70 Milliarden US-Dollar - ein Wachstum von rund 22 Prozent gegenüber dem heutigen Marktvolumen 2Industrial Automation: From Control to Intelligence – Bain & Company.
Das Bild, das die Studienautoren zeichnen, ist klar: Die klassische Automatisierungspyramide - mit der Steuerungsebene als profitablem Kern - weicht einer "Sanduhr"-Struktur. Künftig werden mehr als 80 Prozent des Gewinnpools an den beiden Enden dieser Struktur liegen: Software, Datenplattformen und KI-gestützte Ebenen vereinen über die Hälfte der Gewinne; weitere 25 bis 30 Prozent entfallen auf intelligente Feldgeräte 1Umsätze in der industriellen Automatisierung zunehmend KI getrieben – der-maschinenbau.de.
"Was sich verändert, ist nicht nur die Technologie, sondern auch, wo im Markt wirtschaftlicher Wert geschaffen wird", formuliert Bain-Partner Adrien Bron 1Umsätze in der industriellen Automatisierung zunehmend KI getrieben – der-maschinenbau.de. Die traditionelle Steuerungsebene - SPS, DCS und SCADA - bleibe zwar funktional unverzichtbar, bilde aber nicht länger den profitabelsten Kern der Branche.
Messbare Effekte: Produktivität, Wartung, Anlagenlebensdauer
Die Studie belegt, dass Unternehmen, die Daten, Software und intelligente Geräte in großem Maßstab orchestrieren, bereits heute messbare Ergebnisse erzielen. Bain nennt Produktivitätssteigerungen von 30 bis 50 Prozent, Wartungskostensenkungen um bis zu 35 Prozent und eine verlängerte Anlagenlebensdauer 1Umsätze in der industriellen Automatisierung zunehmend KI getrieben – der-maschinenbau.de. Drei Anwendungsfelder treiben dabei einen überproportionalen Teil des Potenzials: adaptive Robotik, vorausschauende Wartung und wissensbasierte Systeme 2Industrial Automation: From Control to Intelligence – Bain & Company.
Nahezu 60 Prozent des zusätzlichen Wachstums werden laut Bain aus vertikal spezialisierten Systemen stammen, die auf einzelne Branchen zugeschnitten sind 1Umsätze in der industriellen Automatisierung zunehmend KI getrieben – der-maschinenbau.de. In der Lebensmittelindustrie stehen Rückverfolgbarkeit und Hygiene im Fokus, bei Batterie- und Automobilherstellern Durchsatz und flexible Produktionsumstellungen, in den Life Sciences regulatorische Compliance. Horizontale Plattformen allein reichen nicht - der Mehrwert entsteht an der Schnittstelle von KI und branchenspezifischem Prozesswissen.
Chinas Patentaktivität: Datengetriebene Fertigung im Detail
Dass die Verschiebung Richtung datenbasierter Steuerung nicht nur ein Beratungsnarrativ ist, zeigen drei am 14. April veröffentlichte chinesische Patente. Sie adressieren unterschiedliche Ebenen der KI-gestützten Fertigungssteuerung - von der Geräteanalyse über die Echtzeit-Prozessüberwachung bis zur datengetriebenen Liniensteuerung.
Besonders aufschlussreich ist das Patent CN121857535A zur Multi-Source-Informationsfusion an Mehrstation-Werkzeugmaschinen. Das Verfahren kombiniert Sensordaten aus unterschiedlichen Quellen - Schwingung, Kraft, Strom - und verschmilzt sie in Echtzeit zu einem Gesamtzustandsbild des Bearbeitungsprozesses 3CN121857535A – Online-Zustandserfassung an Werkzeugmaschinen durch Multi-Source-Informationsfusion. In der wissenschaftlichen Literatur ist dieser Ansatz als "Multi-Sensor Information Fusion" etabliert und gilt als Schlüsseltechnologie für prädiktive Wartung und adaptive Prozessregelung 4Multi-Sensor Information Fusion for Machine Tool Condition Monitoring – Forschungsübersicht.
Das Patent CN121857610A geht einen Schritt weiter und beschreibt eine Steuerungsmethode für automatisierte Produktionslinien auf Basis "hochwertiger Datensätze" 5CN121857610A – Steuerung automatisierter Produktionslinien auf Basis hochwertiger Datensätze. Der Ansatz spiegelt eine Erkenntnis, die auch die Bain-Studie unterstreicht: Nicht die schiere Datenmenge entscheidet über den Erfolg KI-gestützter Automatisierung, sondern die Qualität und Kontextualisierung der Trainingsdaten.
Einordnung: Was das für deutsche Unternehmen bedeutet
Die Bain-Zahlen treffen auf eine deutsche Industrielandschaft, in der KI-Adoption noch keine Breitenphänomen ist. Wie bereits berichtet, setzen laut einer Studie des Fraunhofer ISI bislang nur rund 16 Prozent der deutschen Produktionsunternehmen KI-Technologien ein. Die Kluft zwischen den von Bain beschriebenen "Orchestrierern" und dem typischen Mittelständler ist erheblich.
Gleichzeitig bestätigt auch die International Federation of Robotics (IFR) die Richtung. Der globale Marktwert installierter Industrieroboter hat 2025 einen Rekordwert von 16,7 Milliarden US-Dollar erreicht 6Top 5 Global Robotics Trends 2026 – International Federation of Robotics (IFR). Die IFR identifiziert die Konvergenz von KI und Robotik sowie die Verschmelzung von IT und OT als zentrale Trends für 2026 6Top 5 Global Robotics Trends 2026 – International Federation of Robotics (IFR).
Für Automatisierungsanbieter bedeutet die Bain-Prognose: Wer ausschließlich auf Steuerungshardware setzt, verliert Margen. Für Anwender aus der produzierenden Industrie lautet die Botschaft: Die Investitionsentscheidung verschiebt sich - von der Frage "Welche SPS?" hin zu "Welche Datenplattform, welches KI-Ökosystem?"
Ausblick: Strategische Weichenstellungen stehen an
Die Verschiebung der Gewinnpools ist kein abrupter Bruch, sondern ein gradueller Prozess. Doch die Geschwindigkeit nimmt zu. Chinas Patentdynamik zeigt, dass die technologischen Bausteine - von der Informationsfusion bis zur datengetriebenen Liniensteuerung - bereits in die Schutzrechtsstrategien einfließen. Koreas milliardenschwere KI-Fertigungsprogramme erhöhen den Wettbewerbsdruck zusätzlich.
Für deutsche Maschinen- und Anlagenbauer stellt sich die strategische Frage, wo sie in der neuen "Sanduhr" Wert schöpfen wollen: auf der Ebene der intelligenten Feldgeräte, bei denen tiefes Domänenwissen und Sensorik-Kompetenz entscheidend sind - oder auf der Plattformebene, wo Softwarearchitektur und Datenökosysteme den Ausschlag geben. Beides gleichzeitig zu beherrschen, dürfte nur den wenigsten gelingen. Die Hannover Messe nächste Woche wird zeigen, welche Antworten die Branche formuliert.
Bild: Aron Visuals / Unsplash

