Ein vollständig elektrisches SUV, rund fünf Meter lang, fast zwei Tonnen schwer - und es dreht einen vollständigen 360°-Looping an der Decke eines geschlossenen Tunnels. Was nach CGI klingt, soll Realität sein. Mit diesem Stunt bewirbt der chinesische Hersteller Voyah sein neues Modell Passion S[1] - und löst damit eine Debatte aus, die weit über das Fahrzeug selbst hinausgeht.
Das Vorbild: Schumacher und der SLS AMG
Die Referenz ist bewusst gewählt. Der Stunt ist eine Hommage an die ikonische Tunnelwerbung, die vor 16 Jahren mit Rennlegende Michael Schumacher und dem Mercedes-Benz SLS AMG gedreht wurde. Jener historische Werbespot ist bis heute umstritten, da behauptet wird, nicht Schumacher selbst, sondern ein professioneller Stuntfahrer habe den Looping durchgeführt. Schumacher hielt bei der Tunnelrolle nicht selbst das Steuer in der Hand - er wurde nachträglich in den Spot hineingeschnitten.
Voyah greift diese Ambiguität bewusst auf - und setzt ihr eine eigene Behauptung entgegen.
Die Physik dahinter: knapper als es aussieht
Das Fahrzeug musste auf rund 130 km/h beschleunigen und mit einem präzisen Lenkwinkel von 16° in die gebogene Tunnelwand einlenken. Durch die Nutzung der Zentrifugalkraft zur Überwindung der Schwerkraft absolvierte das Fahrzeug eine vollständige 360°-Rotation. Die Toleranz dabei ist minimal: Fällt die Geschwindigkeit auch nur 3 bis 5 km/h unter den Schwellenwert, verliert das Fahrzeug den Kontakt zur Oberfläche und stürzt ab.
Voyah behauptet, der Stunt sei mit einem serienmäßigen Produktionsfahrzeug ohne Sondermodifikationen durchgeführt worden - und damit als erstes Serienfahrzeug der Welt. Ein vollständiger Looping mit einem mittelgroßen bis großen FUV stellt eine erheblich größere physikalische Herausforderung dar als mit einem leichten Supersportwagen wie dem SLS AMG - das Fahrzeug behielt dabei seinen vollständigen Akkupack und die gesamte Fahrassistenz-Hardware, ohne jede Gewichtsreduktion.

Das eigentliche Problem: Niemand glaubt es
Am 13. August kündigte Voyah an, dass der Passion S erfolgreich einen "360° Tunnel Big Loop" absolviert habe. Während Voyah darauf bestand, dass das Material eine echte Aufnahme ohne Spezialeffekte sei, löste der Clip sofort eine Welle der Skepsis im Netz aus.
Das ist das eigentlich bemerkenswerte Kapitel dieser Geschichte. Im Jahr 2010 konnte ein Stunt noch von Mehrdeutigkeit leben: Das Publikum glaubte halb daran, spürte den Nervenkitzel und machte weiter. Im Jahr 2026, wenn jeder einen makellosen Fake-Tunnel-Looping auf einem Laptop in einem Nachmittag generieren kann, ist Sehen nicht mehr Glauben - und die Marketingherausforderung hat sich still und leise umgekehrt.
Voyah reagierte mit dem einzig wirksamen Mittel: Beim offiziellen Launch-Event veröffentlichte das Unternehmen ein ungeschnittenes "One-Take"-Video des Stunts. Ein zuvor geleaktes Video eines fehlgeschlagenen Versuchs hatte die Authentizität des Stunts bereits indirekt gestützt - es zeigte einen getarnten Passion-S-Prototypen, der von der Tunneldecke fällt.
Das geleakte Fail-Video ist in diesem Kontext kein PR-Schaden, sondern ein Glaubwürdigkeitsbeweis: Wer scheitert, der versucht es wirklich. Ein CGI-Produzent rendert keine Fehler.
Dennoch wurde der Weltrekord-Anspruch bislang nicht unabhängig verifiziert - und Voyah weiß genau, dass der Zweifel inzwischen Teil der Show ist.
Das Fahrzeug: Technische Eckdaten des Passion S
Abseits des Stunts ist der Passion S ein ernstzunehmendes Fahrzeug. Der Voyah Passion S ist ein vollelektrisches Fastback-SUV des chinesischen Herstellers Voyah. Das Modell ist seit Mitte August 2026 in China erhältlich und positioniert sich als Konkurrent zum Xiaomi YU7.
| Merkmal | Wert |
|---|---|
| Länge × Breite × Höhe | 5.050 × 1.998 × 1.656 mm |
| Radstand | 3.000 mm |
| Antrieb (Basis) | Hinterrad, 300 kW (ca. 402 PS) |
| Antrieb (Top) | Allrad, 475 kW (ca. 636 PS) |
| Batteriekapazitäten | 81,6 kWh / 98,1 kWh (LFP) |
| Reichweite (CLTC) | bis zu 740 km |
| Ladearchitektur | 800 V, 5C-Schnellladen |
| Luftwiderstandsbeiwert | cw 0,24 |
| Einstiegspreis (China) | ab 229.900 Yuan (ca. 33.800 USD) |
Die 800-Volt-Ladearchitektur unterstützt 5C-Schnellladen. Das Fahrzeug trägt einen Luftwiderstandsbeiwert von 0,24. Preise beginnen bei 229.900 Yuan, umgerechnet rund 33.800 US-Dollar, für eine Version mit 800-V-Ladetechnik und dem neuesten Fahrassistenzsystem von Huawei.
Voyah in Europa: Zwischen Zollmauern und Stellantis-Allianz
Für europäische Industriebeobachter ist der Stunt auch ein Signal über die Markenambitionen von Voyah jenseits Chinas. Dongfeng wollte Voyah bereits vor längerer Zeit in mehreren europäischen Ländern einführen - für 2024 war ein Start in Deutschland, Frankreich, Italien, Portugal und Spanien angekündigt. Die Pläne scheiterten jedoch vermutlich an den EU-Sonderzöllen auf chinesische Elektrofahrzeuge.
Aktuell sind Voyah-Fahrzeuge in Europa lediglich in den Nicht-EU-Ländern Norwegen und Schweiz offiziell erhältlich. Das soll sich ändern: Im ersten Schritt fokussiert sich ein neues Joint Venture zwischen Stellantis und Dongfeng auf den Vertrieb der Marke Voyah in ausgewählten europäischen Märkten - inklusive einer möglichen Produktion im Werk Rennes. Stellantis übernimmt dabei die Führung im Joint Venture mit einem Anteil von 51 Prozent, Dongfeng hält die verbleibenden 49 Prozent.
Stellantis und Dongfeng verbindet eine bereits 34 Jahre alte Partnerschaft, auf deren Basis das neue Europa-Joint-Venture gegründet werden soll. Die Zusammenarbeit mit Stellantis dürfte den Rollout in Europa nun deutlich beschleunigen.
Was der Stunt wirklich kommuniziert
Der Looping im Tunnel ist kein Fahrdynamiktest und kein Sicherheitsbeweis. Er ist eine Aussage über Ingenieursvertrauen - und über den Wettbewerbsdruck im chinesischen EV-Markt, wo Marken wie Xiaomi, BYD und Huawei-backed-Modelle mit spektakulären Launches um Aufmerksamkeit konkurrieren.
Voyah wählt dabei eine doppelte Strategie: Erstens die direkte Konfrontation mit einem westlichen Ikonenstunt - dem Mercedes-Schumacher-Spot. Zweitens die Transparenz durch Ungeschnittenheit: Das One-Take-Video und das geleakte Fail-Material zusammen ergeben ein Echtheitssignal, das kein Hochglanz-Werbefilm allein liefern könnte.
Ob das reicht, um in Europa Marktanteile zu gewinnen, ist eine andere Frage. Die Physik des Tunnelloopings lässt sich berechnen. Die Physik des Vertrauensaufbaus in einem neuen Markt ist komplizierter - und duldet keinen Geschwindigkeitsverlust.





