Ein bayerischer Automobilzulieferer, ein Sportwagen aus Affalterbach - und ein Batteriesystem, das neue Maßstäbe in der Serienproduktion setzt: Webasto hat im Werk Schierling in Deutschland die Fertigung des Hochleistungsbatteriesystems für das neue Mercedes-AMG GT 4-Türer Coupé aufgenommen. Für Einkäufer und Produktionsplaner in der Zulieferkette ist das mehr als eine Pressemitteilung - es ist ein Lehrstück darüber, wie anspruchsvolle Batterietechnik in die Serienfertigung überführt wird.
Modul- und Packfertigung aus einer Hand
Das Projekt umfasst sowohl die Modul- als auch die Packfertigung für das Batteriekonzept des neuen Sportwagens. Das ist kein Selbstläufer: Wer beide Stufen der Wertschöpfungskette unter einem Dach bündelt, trägt die volle Verantwortung für Qualität, Taktzeiten und Logistikschnittstellen. Der Auftrag umfasst die komplette Wertschöpfungskette vor Ort - von der Konfektionierung der einzelnen Modulverbünde bis zum finalen Fügeschritt des betriebsbereiten Batteriepacks.
Das Batteriesystem des AMG GT 63 verfügt über eine Netto-Kapazität von 106 kWh und ermöglicht eine Systemleistung von bis zu 860 Kilowatt sowie eine Dauerleistung von 530 Kilowatt. Das Batteriesystem speist den AMG GT 63 mit einer Netto-Kapazität von 106 kWh und ermöglicht eine Systemleistung von bis zu 860 Kilowatt sowie eine Dauerleistung von 530 Kilowatt. Zum Vergleich: Ein durchschnittliches Elektro-Serienfahrzeug kommt auf einen Bruchteil dieser Leistungsdichte. Für den Produktionsplaner bedeutet das: Jede Abweichung in der Fertigungsqualität wirkt sich unmittelbar auf die Fahrzeugsicherheit und -performance aus - Toleranzen, die in der Nutzfahrzeugbatterie noch akzeptabel wären, sind hier schlicht nicht vertretbar.
Das technische Herzstück: Direktölkühlung
Das technisch anspruchsvollste Element ist die Kühlung. Das Batteriekonzept nutzt eine Direktkühlung, bei der ein Öl die Zellen unmittelbar umströmt. Das ermöglicht eine hohe und gleichmäßige Kühlleistung jeder einzelnen Zelle - eine wesentliche Voraussetzung für die hohe Performance der Batterie.
Die Hochvoltbatterie des AMG GT besteht aus 2.660 Rundzellen mit NCMA-Zellchemie, organisiert in 18 direkt gekühlten, lasergeschweißten Modulen. 2.660 zylindrische Zellen mit NCMA-Zellchemie (Nickel-Cobalt-Mangan-Aluminium) und siliziumhaltiger Anode bilden die Batterie, aufgeteilt in 18 lasergeschweißte Module. Jede Zelle wird individuell temperiert, um auch unter Volllast eine konstante Leistungsabgabe sicherzustellen - entscheidend für den Rennstreckeneinsatz, wo Dauerlast und hohe Rekuperationsspitzen aufeinandertreffen.
Für den Einkäufer stellt sich an dieser Stelle die Frage nach der Prozesssicherheit: Wie stellt man sicher, dass ein Öl-Kühlsystem mit 2.660 Einzelzellen in der Serienfertigung reproduzierbar und dicht bleibt? Die Umsetzung dieser Direktkühltechnologie stellt besonders hohe Anforderungen an Automatisierung und die Prozesse innerhalb der Produktion.
Lieferketten-Hinweis: Direktölkühlung erfordert spezielle Dichtheitsprüfungen und Reinraumanforderungen in der Fertigung. Einkäufer sollten bei Lieferantenaudits gezielt nach Prüfprotokollen für Öldichtheit und Zellkontaktierung fragen.
Hochautomatisierung als Qualitätsgarant
Auf hochautomatisierten Linien greifen im Werk Schierling zahlreiche Fertigungsprozesse ineinander, darunter moderne Laserschweißverfahren und KI-gestützte Prüfsysteme, die dazu beitragen, Qualität und Prozessstabilität über die gesamte Produktion hinweg abzusichern. Sie gewährleisten, dass jede Batterie die definierten Leistungsparameter unter anspruchsvollen Einsatzbedingungen erfüllt.
Der Einsatz von KI in der Qualitätsprüfung ist dabei kein Marketingbegriff, sondern eine produktionstechnische Notwendigkeit: Bei einem System mit über 2.600 Zellen und komplexer Direktkühlung lassen sich Fehler durch manuelle Sichtprüfung allein nicht zuverlässig erkennen. Automatisierte Bildverarbeitung und KI-gestützte Anomalieerkennung schließen diese Lücke.
Photo: Simon Kadula / UnsplashSchierling: Vom Panoramadach zum Hochleistungs-Akku
Der Standort selbst erzählt eine Geschichte, die für viele deutsche Zulieferer exemplarisch ist. Bis vor wenigen Jahren hat Webasto am Standort in Schierling auf einer Produktionsfläche von 23.000 m² vornehmlich Panoramadächer für Bentley und BMW sowie Polycarbonatkomponenten produziert. Heute ist das Werk ein anderes.
Seit 2018 investiert Webasto in den Aufbau der Batterieproduktion in Schierling; mehr als 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben sich seitdem für die Batteriefertigungsprozesse umschulen lassen. Seit 2018 investiert Webasto dort in den Aufbau der Batterieproduktion und damit in die Zukunftsfähigkeit des 45.000 Quadratmeter großen Standorts. Seitdem haben sich mehr als 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus anderen Bereichen für die hochtechnologischen Batteriefertigungsprozesse umschulen lassen - "ein deutliches Zeichen für die Veränderungsbereitschaft und die Loyalität innerhalb des Werks", betont Werkleiter Christian Gallner.
Der Zulieferer hat die Kapazität im Werk Schierling mit Unterstützung von Anlagenbauer Kuka auf 40.000 Batteriepacks pro Jahr geschraubt. Neben dem AMG-Projekt fertigt Schierling bereits Batteriepacks für MAN-Elektrobusse und eigene Standardsysteme für Nutzfahrzeuge. Das ist Supply-Chain-Diversifikation in der Praxis: ein Standort, mehrere Kundensegmente, geteilte Infrastruktur.
Enge Zusammenarbeit als Erfolgsfaktor
Was dieses Projekt aus Lieferkettenperspektive besonders interessant macht, ist die Art der Zusammenarbeit zwischen OEM und Tier-1. "Dieses Projekt zeigt, was möglich ist, wenn Kunde und Lieferant von Beginn an eng zusammenarbeiten. Das Vertrauen von Mercedes-AMG in unsere Technologie- und Produktionskompetenz bestätigt unsere Fähigkeiten in der Industrialisierung anspruchsvoller Batteriesysteme", sagt Webasto CTO Marcel Bartling.
Der Mercedes-AMG GT 4-Türer Coupé ist das erste Serienmodell auf der neuen AMG.EA-Plattform. Mit drei Axial-Fluss-Motoren, bis zu 2.000 Nm Drehmoment und einer Höchstgeschwindigkeit von 300 km/h markiert er den Auftakt einer neuen Generation batterieelektrischer AMG-Hochleistungsfahrzeuge. Für Webasto bedeutet das: Der Auftrag ist nicht nur ein Einzelprojekt, sondern eine Referenz für künftige Plattformgenerationen.
Die maximale DC-Ladeleistung des AMG GT liegt bei über 600 Kilowatt - genug, um den Akku in elf Minuten von 10 auf 80 Prozent zu laden. Die maximale DC-Ladeleistung liegt laut Mercedes-Benz bei über 600 Kilowatt, genug, um den Akku in elf Minuten von 10 auf 80 Prozent zu laden und in zehn Minuten rund 460 km WLTP-Reichweite nachzuladen.
Was das für die Branche bedeutet
Der Fall Webasto/AMG GT ist ein konkretes Beispiel dafür, wie deutsche Zulieferer die Transformation vom klassischen Komponenten- zum Systemlieferanten vollziehen - und dabei Fertigungskompetenz aufbauen, die international wettbewerbsfähig ist. Drei Punkte sind aus Sicht der Lieferkette besonders relevant:
- Technologietiefe als Differenzierungsmerkmal: Direktölkühlung und KI-gestützte Prüftechnik sind keine Standardprozesse. Wer sie beherrscht, sichert sich Alleinstellungsmerkmale gegenüber asiatischen Wettbewerbern.
- Standortentscheidung mit Signalwirkung: Die Vergabe an Schierling - und nicht an einen Niedriglohnstandort - unterstreicht, dass Qualitätsanforderungen bei Hochleistungssystemen die Lohnkostenlogik überlagern können.
- Plattformstrategie als Hebel: Der Auftrag unterstreicht die Rolle des Standorts als führendes Technologie- und Kompetenzzentrum für die Batterieproduktion. Wer früh in eine neue Fahrzeugplattform eingebunden ist, hat strukturelle Vorteile für Folgeaufträge.
Was unterscheidet die Direktölkühlung von herkömmlichen Batteriekühlsystemen?
Bei konventionellen Systemen kühlen Kühlplatten die Unterseite der Zellen indirekt. Bei der Direktölkühlung umströmt ein Spezialöl jede einzelne Zelle unmittelbar — das ermöglicht eine gleichmäßigere Temperaturverteilung und höhere Kühlleistung, stellt aber deutlich höhere Anforderungen an Dichtheit und Fertigungspräzision.
Welche anderen Fahrzeuge produziert Webasto in Schierling?
Neben dem AMG GT Batteriesystem fertigt Schierling Batteriepacks für MAN-Elektrobusse sowie Webasto-Standardbatteriesysteme für Nutzfahrzeuge. Der Standort deckt damit sowohl das Hochleistungs- als auch das Nutzfahrzeugsegment ab.
Wann wurde der neue Mercedes-AMG GT 4-Türer Coupé vorgestellt?
Das Fahrzeug wurde am 20. Mai 2026 offiziell vorgestellt und ist seitdem bestellbar. Es ist das erste Serienmodell auf der neuen AMG.EA-Plattform.





