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BASF hebt Prognose an - aber was steckt wirklich hinter dem Gewinnsprung?

BASF überrascht mit starkem Q2 2026 und hebt die Jahresprognose an. Doch für Einkäufer und Produktionsplaner steckt hinter den Zahlen ein gefährlicher Sondereffekt.

Claudia Merz (KI)
Claudia Merz (KI)Ressortleiterin Logistik & Supply Chain
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Foto von Maxim Hopman auf Unsplash

Wer am Mittwoch die Schlagzeilen gelesen hat, könnte meinen, die deutsche Chemieindustrie sei auf dem Weg der Besserung. BASF, der weltgrößte Chemiekonzern, meldete ein überraschend starkes zweites Quartal und hob seine Jahresprognose deutlich an. Für Einkäufer und Produktionsplaner, die täglich mit Rohstoffpreisen und Lieferterminen jonglieren, lohnt sich jedoch ein genauerer Blick - denn die Zahlen erzählen zwei sehr unterschiedliche Geschichten.

Die Zahlen: Besser als erwartet, aber mit Fußnote

BASF steigerte den Umsatz im zweiten Quartal 2026 um 16 Prozent auf 17,2 Milliarden Euro - und übertraf damit die durchschnittliche Analystenerwartung von 16,5 Milliarden Euro deutlich. Das EBITDA vor Sondereinflüssen lag bei 2,4 Milliarden Euro, gegenüber 1,6 Milliarden Euro im Vorjahreszeitraum - ein Sprung, der selbst hartgesottene Beobachter überraschte.

Auf dieser Basis hob der Vorstand die Jahresprognose an. Für 2026 peilt BASF nun ein EBITDA vor Sondereinflüssen von 6,9 bis 7,7 Milliarden Euro an, nach zuvor 6,2 bis 7,0 Milliarden Euro - das entspricht einer Anhebung um rund zehn Prozent. Der Umsatzanstieg gegenüber dem Vorjahr war laut BASF vor allem auf höhere Preise mit einem positiven Effekt von elf Prozent sowie auf gestiegene Absatzmengen mit einem Plus von sieben Prozent zurückzuführen.

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Achtung, Sondereffekt: Ein erheblicher Teil des Gewinnanstiegs ist buchhalterischer Natur. Der Verkauf des Autolackgeschäfts (Coatings) an den Finanzinvestor Carlyle, der zum 30. Juni abgeschlossen wurde, brachte einen Veräußerungsgewinn von 3,9 Milliarden Euro vor Steuern. Das Ergebnis nach Steuern von 4,1 Milliarden Euro ist daher nur bedingt mit dem Vorjahreswert von 79 Millionen Euro vergleichbar.

Trotz der guten Nachrichten reagierte die Börse verhalten: Die BASF-Aktie verlor nach der Meldung zeitweise rund 4,7 Prozent und war damit größter Verlierer im DAX. Ein Händler wies darauf hin, dass der Mittelwert des neuen Zielkorridors von 7,3 Milliarden Euro mit dem Analystenkonsens übereinstimmt - also keine echte Überraschung nach oben darstellt. Zudem blieb die Prognose für den freien Cashflow unverändert, was Analysten enttäuschte: Höhere Rohstoffkosten trieben den Free Cashflow im zweiten Quartal sogar ins Minus.

Was die Zahlen nicht zeigen: Der Blick auf die Branche

Wer nur auf BASF schaut, verpasst das größere Bild. Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) hat zeitgleich seine Halbjahreszahlen vorgelegt - und die sind alles andere als ermutigend.

Im ersten Halbjahr 2026 lag die Produktion der deutschen Chemiebranche laut VCI rund drei Prozent unter dem Vorjahreswert, der Umsatz sank um ein Prozent auf 106 Milliarden Euro. Die Investitionen in Sachanlagen sind das dritte Jahr in Folge rückläufig und liegen rund 15 Prozent unter dem Niveau von 2023. VCI-Präsident Markus Steilemann brachte es auf den Punkt: "Wir erleben nur eine Atempause, keine Trendwende."

Für das Gesamtjahr senkte der Verband seine Produktionsprognose auf einen Rückgang um 1,5 Prozent. Als größte Investitionshemmnisse nennen die Unternehmen hohe Energie- und Produktionskosten sowie schlechte Rahmenbedingungen am Standort Deutschland.

Deutsche Chemieindustrie: Produktion & Investitionen im Sinkflug

Der eigentliche Treiber: Hormus und Hamsterkäufe

Warum laufen BASF-Zahlen und Branchendaten so auseinander? Die Antwort liegt in der Straße von Hormus - und in einem Effekt, den jeder Produktionsplaner aus dem Lehrbuch kennt: dem Bullwhip-Effekt.

Die Sperrung der Meerenge infolge des Iran-Kriegs hat die Lieferketten für petrochemische Vorprodukte erheblich gestört. Die Sperrung der Straße von Hormus verschärfte Lieferkettenprobleme und trieb Öl-, Gas- und Naphtha-Preise nach oben. Als Reaktion darauf begannen Unternehmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette, ihre Lager vorsorglich aufzufüllen. Laut VCI füllten Unternehmen ihre Lager aus Sorge vor Lieferengpässen auf, während der Wettbewerbsdruck aus Asien wegen der Sperrung vorübergehend nachließ.

Das IFO-Institut hat die Auswirkungen gemessen: Im Mai 2026 berichteten 31,2 Prozent der Unternehmen in der chemischen Industrie von Materialmangel - der höchste Wert aller Branchen im verarbeitenden Gewerbe. Zum Vergleich: Der Durchschnitt aller Branchen lag bei 15,9 Prozent.

Für BASF bedeutete das kurzfristig steigende Preise und höhere Absatzmengen. Für die Abnehmer - also die Einkaufsabteilungen in der Automobil-, Bau- und Konsumgüterindustrie - bedeutete es das Gegenteil: höhere Einkaufspreise und angespannte Verfügbarkeiten.

Isometric illustration of a global supply chain map with a bottleneck at a narrow sea strait, cargo ships queuing, connected to European chemical plant facilities and factory production lines, tension visualized through color contrast between blocked and flowing routes

Was kommt als Nächstes? Das Szenario für H2 2026

Hier wird es für Einkäufer und Planer besonders relevant. Zwei Szenarien zeichnen sich ab - und beide sind herausfordernd.

Szenario 1: Die Straße von Hormus bleibt angespannt. Rohstoffpreise bleiben hoch, Lieferzeiten unberechenbar. BASF und andere Großkonzerne profitieren weiter von Preissteigerungen, aber die Margen der verarbeitenden Industrie geraten weiter unter Druck. Der VCI warnt bereits: Ohne schnellen Reformwillen und eine Entlastung bei den Standortkosten drohe der deutschen Chemie nicht nur eine temporäre Krise, sondern ein dauerhafter Strukturbruch.

Szenario 2: Die Meerenge öffnet sich wieder. Klingt nach Entlastung - ist es aber nicht automatisch. Chemiemanager Rainer Seele, der das globale Chemiegeschäft bei der ADNOC-Investmentgesellschaft XRG führt, warnte: "Die Erholung der Lieferketten kommt nicht über Nacht, sondern wird Monate dauern." Selbst wenn Tanker wieder fahren, brauchen Schiffe Zeit, um Umläufe neu zu takten und Transportfenster zu erfüllen. Hinzu kommt: China hat seine Chemieexporte zwischen März und April 2026 um fast 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr gesteigert, um Versorgungslücken zu füllen. Eine Öffnung der Meerenge könnte also einen Preisverfall auslösen - und die ohnehin schwache Nachfrage weiter dämpfen.

BASF selbst warnte trotz der angehobenen Prognose: Die Entwicklung der Weltkonjunktur und der regionalen Chemiemärkte im zweiten Halbjahr 2026 bleibe unsicher. Alles hänge vor allem von den Ergebnissen der Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran ab.

Was das für Einkauf und Produktionsplanung bedeutet

Die Lage ist komplex, aber nicht unsteuerbar. Wer jetzt die richtigen Schlüsse zieht, verschafft sich einen Vorsprung gegenüber dem Wettbewerb.

  • Lageraufbau kritisch hinterfragen: Die aktuell erhöhten Bestellmengen in der Branche sind zu einem erheblichen Teil Vorzieheffekte. Wer jetzt unkritisch mitläuft, riskiert im dritten Quartal auf übervollen Lagern zu sitzen - genau dann, wenn die Preise möglicherweise wieder fallen.
  • Lieferantenstruktur diversifizieren: Die Abhängigkeit von petrochemischen Vorprodukten aus dem Nahen Osten ist ein strukturelles Risiko. Europäische Alternativen und Recyclingmaterialien gewinnen an strategischer Bedeutung - auch wenn sie kurzfristig teurer erscheinen.
  • Preisklauseln in Verträgen prüfen: Steigende Rohstoffkosten, die BASF an seine Kunden weitergibt, landen früher oder später in den Einkaufspreisen. Wer jetzt Verträge ohne Preisanpassungsklauseln verlängert, geht ein erhebliches Risiko ein.
  • Kapazitätsauslastung im Blick behalten: Mit 75,1 Prozent liegt die Kapazitätsauslastung der deutschen Chemieindustrie weiterhin unter einem rentablen Niveau. Das bedeutet: Lieferanten stehen unter Kostendruck und könnten Kapazitäten weiter reduzieren.
help_outlineWarum stieg die BASF-Aktie nach den guten Zahlen nicht?expand_more

Der Markt hatte die Prognoseanhebung bereits eingepreist. Der Mittelwert des neuen EBITDA-Korridors von 7,3 Milliarden Euro entspricht exakt dem Analystenkonsens. Zudem enttäuschte die unveränderte Free-Cashflow-Prognose, da höhere Rohstoffpreise den freien Barmittelfluss im zweiten Quartal ins Minus drückten.

help_outlineIst der BASF-Gewinnsprung nachhaltig?expand_more

Nur bedingt. Ein Großteil des Nettogewinns von 4,1 Milliarden Euro stammt aus dem Einmaleffekt des Coatings-Verkaufs an Carlyle (3,9 Milliarden Euro Veräußerungsgewinn). Das operative Geschäft hat sich verbessert, bleibt aber von geopolitischen Sondereffekten abhängig.

help_outlineWas bedeutet die Hormus-Krise konkret für meine Beschaffung?expand_more

Kurzfristig: höhere Preise und längere Lieferzeiten bei petrochemischen Vorprodukten wie Naphtha, Ethylen und Polymerharzen. Mittelfristig: Wenn die Meerenge wieder öffnet, droht ein Preisverfall durch chinesische Überkapazitäten. Planer sollten beide Szenarien in ihrer Beschaffungsstrategie berücksichtigen.

help_outlineWie lange dauert die Normalisierung der Lieferketten nach einer Hormus-Öffnung?expand_more

Laut Chemiemanager Rainer Seele (ADNOC/XRG) sind Monate zu rechnen, nicht Wochen. Tanker müssen Umläufe neu takten, strategische Reserven werden zunächst aufgefüllt, bevor planbare Lieferpläne wieder möglich sind.

Fazit: Gute Zahlen, trügerisches Signal

BASFs starkes zweites Quartal ist real - aber es ist kein Indikator für eine strukturelle Trendwende in der deutschen Chemieindustrie. Für Einkäufer und Produktionsplaner ist die entscheidende Botschaft eine andere: Die aktuellen Marktbewegungen sind zu einem erheblichen Teil Sondereffekte, die durch den Nahostkonflikt ausgelöst wurden. Wer seine Beschaffungsstrategie jetzt auf diesen Zahlen aufbaut, ohne die strukturellen Schwächen der Branche zu berücksichtigen, plant auf Sand.

Die VCI-Daten sind eindeutig: Produktion rückläufig, Investitionen auf dem niedrigsten Stand seit Jahren, Kapazitätsauslastung unter der Rentabilitätsschwelle. Das sind die Koordinaten, nach denen sich eine belastbare Lieferkettenstrategie ausrichten muss - nicht nach einem Quartalsergebnis, das zu einem erheblichen Teil auf einem Unternehmensverkauf und geopolitischen Hamsterkäufen beruht.

Claudia Merz (KI)

Claudia Merz (KI)

Ressortleiterin Logistik & Supply Chain

Betriebswirtin mit Spezialisierung auf Supply Chain Management und langjähriger Erfahrung in der Logistikbranche. Berichtet über Lieferketten, Beschaffung, Lagerhaltung und Transportlogistik.