arrow_back
Anzeige

Ökodesign-Verordnung ESPR und Digitaler Produktpass: Was Hersteller jetzt wissen müssen

Die Verordnung (EU) 2024/1781 gilt seit Juli 2024 und erfasst nahezu alle physischen Produkte. Was der ESPR-Arbeitsplan 2025-2030 und der Digitale Produktpass für Hersteller bedeuten.

Claudia Merz (KI)
Claudia Merz (KI)Ressortleiterin Logistik & Supply Chain
red and white plastic bottle on brown cardboard box
Foto von Vindemia Winery auf Unsplash

Mit der Verordnung (EU) 2024/1781 - der sogenannten Ecodesign for Sustainable Products Regulation (ESPR) - hat die Europäische Union einen neuen Rechtsrahmen für die nachhaltige Produktgestaltung geschaffen. Die Verordnung ist am 18. Juli 2024 in Kraft getreten und ersetzt die bisherige Ökodesign-Richtlinie 2009/125/EG. Der Anwendungsbereich wurde dabei grundlegend ausgeweitet: Nicht mehr nur energieverbrauchsrelevante Produkte, sondern [1], die in der EU in Verkehr gebracht oder in Betrieb genommen werden, fallen künftig unter den Regelungsrahmen. Für Hersteller, Importeure und Händler bedeutet das: Die Compliance-Anforderungen an Produktentwicklung, Lieferkette und Datenmanagement steigen erheblich.


Von der Richtlinie zur Verordnung: Was sich strukturell ändert

Die bisherige Ökodesign-Richtlinie 2009/125/EG musste von den EU-Mitgliedstaaten in nationales Recht umgesetzt werden. Die ESPR gilt als Verordnung unmittelbar in allen EU-Mitgliedstaaten, ohne dass eine nationale Umsetzung erforderlich ist - ein wesentlicher Unterschied mit praktischen Konsequenzen für die Rechtsanwendung. Unternehmen können sich nicht mehr auf unterschiedliche nationale Auslegungen verlassen.

Der sachliche Anwendungsbereich ist deutlich breiter gefasst. [2], einschließlich Bauteilen und Zwischenprodukten. Ausgenommen sind lediglich Arzneimittel, Lebensmittel, Erzeugnisse menschlichen Ursprungs sowie bestimmte Sonderfahrzeuge. Auch der Kreis der Verpflichteten wurde ausgeweitet: [3] zur Einhaltung der ESPR-Vorgaben verpflichtet.

Die ESPR ist als Rahmenverordnung konzipiert. Die konkreten Ökodesign-Anforderungen für einzelne Produktgruppen werden nicht direkt durch die Verordnung selbst, sondern durch [1] festgelegt. Diese können produktspezifisch oder horizontal - also für mehrere Produktgruppen übergreifend - ausgestaltet sein.


Produktanforderungen: Was delegierte Rechtsakte regeln können

Die ESPR definiert einen umfangreichen Katalog möglicher Produktaspekte, die durch delegierte Rechtsakte adressiert werden können. Dazu zählen unter anderem:

  • Haltbarkeit und Zuverlässigkeit - Mindestanforderungen an die Lebensdauer unter normalen Nutzungsbedingungen
  • Reparierbarkeit - Verfügbarkeit von Ersatzteilen, Reparaturanleitungen für unabhängige Werkstätten, Reparierbarkeits-Score
  • Wiederverwendbarkeit und Recyclingfähigkeit - Mindestquoten für Rezyklateinsatz, Anforderungen an die Demontierbarkeit
  • Energie- und Ressourceneffizienz - Verbrauchskennwerte über den gesamten Lebenszyklus
  • CO₂-Fußabdruck - Offenlegung von Treibhausgasemissionen je Produkteinheit
  • Schadstoffgehalt - Beschränkungen für Substanzen, die Recycling oder Wiederverwendung behindern

[2] - ein Jahr nach Inkrafttreten der Verordnung selbst. [4] zur Umsetzung der jeweiligen Anforderungen.

star Important

Konformitätsbewertung: Produkte dürfen nur dann in Verkehr gebracht oder in Betrieb genommen werden, wenn sie die geltenden Ökodesign-Anforderungen erfüllen. Hersteller müssen eine EU-Konformitätserklärung ausstellen. Je nach delegiertem Rechtsakt ist entweder eine interne Fertigungskontrolle (Anhang VI) oder die Einbindung einer notifizierten Stelle (Anhang VII) vorgeschrieben. Technische Unterlagen sind mindestens zehn Jahre nach Inverkehrbringen der letzten Einheit aufzubewahren.


Der ESPR-Arbeitsplan 2025-2030: Prioritäten und Zeitplan

Am 16. April 2025 hat die Europäische Kommission den ersten Arbeitsplan 2025-2030 zur Umsetzung der ESPR angenommen. Er legt fest, welche Produktgruppen in den kommenden Jahren vorrangig mit delegierten Rechtsakten belegt werden sollen. [5]. Diese wurden aufgrund ihres hohen Potenzials für die Kreislaufwirtschaft ausgewählt.

Priorisierte Produktgruppen im ESPR-Arbeitsplan 2025–2030
ProduktgruppeTypRegulierungsschwerpunkt
Stahl & EisenZwischenproduktRessourceneffizienz, Rezyklatanteil, CO₂-Fußabdruck
AluminiumZwischenproduktRessourceneffizienz, Rezyklatanteil, CO₂-Fußabdruck
Textilien / BekleidungEndproduktHaltbarkeit, DPP, Vernichtungsverbot
Möbel / MatratzenEndproduktReparierbarkeit, Recyclingfähigkeit, DPP
ReifenEndproduktHaltbarkeit, Ressourceneffizienz, DPP
Elektronik / IKTEndprodukt (horizontal)Reparierbarkeits-Score, Recyclingfähigkeit, DPP

Für Zwischenprodukte wie Stahl und Aluminium soll [6]. Für Produkte der Informations- und Kommunikationstechnologie sind zunächst [7] - darunter ein Reparierbarkeits-Score und Anforderungen an die Recyclingfähigkeit. [8]. Eine Halbzeitüberprüfung ist für 2028 vorgesehen.

Die [6] - rund 600 Milliarden Euro entfallen auf energieverbrauchsrelevante Produkte, knapp 500 Milliarden Euro auf neue Produktgruppen.


Das Vernichtungsverbot: Fristen und Ausnahmen

Ein unmittelbar wirksames Element der ESPR betrifft die Vernichtung unverkaufter Verbraucherprodukte. Ab dem 19. Juli 2026 gilt für große Unternehmen ein Vernichtungsverbot für unverkaufte Bekleidung, Bekleidungszubehör und Schuhe. [9]. Das Verbot kann durch delegierte Rechtsakte auf weitere Produktgruppen ausgeweitet werden.

Parallel dazu gilt bereits jetzt eine Informationspflicht: [2]. Die Kommission hat einen Entwurf einer Durchführungsverordnung veröffentlicht, die diese Offenlegungspflichten näher konkretisiert.


Der Digitale Produktpass: Architektur und Anforderungen

Der Digitale Produktpass (DPP) ist das zentrale Transparenzinstrument der ESPR. [2]. Er enthält produktbezogene Informationen entlang des gesamten Lebenszyklus - von der Materialzusammensetzung über Reparierbarkeit und CO₂-Fußabdruck bis hin zu Recyclinganweisungen.

Technisch ist der DPP kein zentrales Datensystem. [2]. [2]. Ergänzend entsteht ein öffentlich zugängliches Webportal, über das DPP-Daten gesucht und verglichen werden können.

Der Zugriff auf DPP-Daten erfolgt in der Regel [10], wobei differenzierte Zugriffsrechte für verschiedene Nutzergruppen - Verbraucher, Reparaturbetriebe, Recycler, Behörden - vorgesehen sind. [11].

Sechs von acht zentralen EN-Normen zur technischen Infrastruktur des DPP - unter anderem zu Datenträgern, Unique Identifiers, Datenprotokollen und Interoperabilität - haben im April 2026 die nationale Abstimmung der europäischen Normungsinstitute bestanden, wie [12] berichtet. Die technische Grundlage nimmt damit konkrete Form an.

a model of a building with a lot of furniturePhoto: Declan Sun / Unsplash

Praxisherausforderung: Datenmanagement und Lieferkette

Die Einführung des DPP stellt Hersteller vor erhebliche operative Herausforderungen. [13]. Der DPP zwingt zur Harmonisierung dieser Datenstrukturen. [14].

Besonders anspruchsvoll ist die Lieferkettendimension: [13]. [14]. Das erhöht die Anforderungen an Kommunikation und Datenaustausch innerhalb der gesamten Lieferkette erheblich. [15].

Für die technische Umsetzung kommen verschiedene Ansätze in Betracht: [11]. [16].


Sanktionen und Marktüberwachung

Die ESPR sieht eine verstärkte Marktüberwachung und verschärfte Zollkontrollen vor. [4]. Darüber hinaus können [4]. [17].


Handlungsfelder für Hersteller

Angesichts der noch ausstehenden delegierten Rechtsakte und der laufenden Normierungsarbeiten empfiehlt sich für Hersteller ein strukturierter Vorbereitungsansatz:

1. Betroffenheitsanalyse: Klären, ob und wann die eigenen Produktgruppen durch delegierte Rechtsakte erfasst werden. Der ESPR-Arbeitsplan 2025-2030 liefert erste Orientierung; die Kommission aktualisiert die Produktgruppenlisten fortlaufend.

2. Datenstrategie: [13]. Eine frühzeitige Bestandsaufnahme der vorhandenen Dateninfrastruktur - ERP, PLM, Stücklisten, Lieferantendaten - ist Voraussetzung für eine effiziente DPP-Umsetzung.

3. Lieferantenmanagement: [12]. Zulieferer müssen frühzeitig in die Datenprozesse eingebunden werden.

4. Konformitätsbewertung vorbereiten: Die Anforderungen an technische Dokumentation, EU-Konformitätserklärung und ggf. notifizierte Stellen sind produktgruppenspezifisch und werden in den jeweiligen delegierten Rechtsakten festgelegt.

5. Regulatorisches Monitoring: [18] und sich rechtzeitig vor den jeweiligen Compliance-Terminen vorbereiten.


Orientierungshilfe: ESPR Navigator

Für Unternehmen, die sich einen ersten, allgemeinverständlichen Überblick verschaffen möchten, steht die unabhängige Informationsplattform [19] kostenfrei zur Verfügung. Die Plattform bietet unter anderem einen Anwendbarkeits- und Scope-Check, einen Fristen-Tracker sowie ein Glossar zu den zentralen Begriffen der Verordnung. Der ESPR Navigator ist nicht mit der EU-Kommission verbunden, verkauft keine Software und ersetzt keine Rechtsberatung - er dient als niedrigschwelliger Einstiegspunkt für die Orientierung im regulatorischen Umfeld der ESPR.

help_outlineAb wann gelten konkrete Ökodesign-Anforderungen für mein Produkt?expand_more

Konkrete Anforderungen gelten erst, wenn die EU-Kommission einen delegierten Rechtsakt für die jeweilige Produktgruppe erlassen hat. Delegierte Rechtsakte können frühestens ab Juli 2025 in Kraft treten. Nach Veröffentlichung im Amtsblatt erhalten betroffene Unternehmen eine Übergangsfrist von 18 Monaten. Mit dem Geltungsbeginn erster Rechtsakte für priorisierte Produktgruppen ist in den Jahren 2026 und 2027 zu rechnen.

help_outlineGilt die ESPR auch für Unternehmen außerhalb der EU?expand_more

Ja. Entscheidend ist nicht der Firmensitz, sondern ob das Produkt auf dem EU-Markt in Verkehr gebracht wird. Hersteller aus Drittstaaten, die ihre Produkte in der EU verkaufen, unterliegen denselben Anforderungen wie EU-ansässige Unternehmen – in der Regel über einen in der EU niedergelassenen Bevollmächtigten.

help_outlineSind KMU von der ESPR ausgenommen?expand_more

Nein, grundsätzlich nicht. Allerdings sieht die ESPR besondere Berücksichtigung der Bedürfnisse kleiner und mittlerer Unternehmen vor. Beim Vernichtungsverbot für unverkaufte Textilien und Schuhe sind Kleinst- und Kleinunternehmen dauerhaft ausgenommen; mittlere Unternehmen erhalten eine verlängerte Übergangsfrist bis Juli 2030. Für delegierte Rechtsakte sind ebenfalls KMU-spezifische Erleichterungen vorgesehen.

help_outlineWelche Daten muss ein Digitaler Produktpass enthalten?expand_more

Die konkreten Datenanforderungen werden produktgruppenspezifisch in delegierten Rechtsakten festgelegt. Mindestinhalte umfassen typischerweise Produktidentifikation, Hersteller- und Herkunftsangaben, Materialzusammensetzung, Reparier- und Recyclinghinweise sowie Umweltkennzahlen wie den CO₂-Fußabdruck. Anhang III der ESPR listet die Datenkategorien, die in delegierten Rechtsakten aufgenommen werden können.

help_outlineWas passiert, wenn ein Unternehmen die ESPR-Anforderungen nicht erfüllt?expand_more

Sanktionen hängen von der nationalen Umsetzung der Marktüberwachungsvorschriften ab. Die bisherige Rechtslage sah Bußgelder von bis zu 50.000 Euro vor; für ESPR-Verstöße werden deutlich höhere Sanktionen erwartet. Darüber hinaus können Verbraucher Schadensersatzansprüche geltend machen, und Produkte können vom Markt genommen werden.

  1. umweltbundesamt.de — Neue oekodesign verordnung fuer nachhaltige
  2. frankfurt-main.ihk.de — Die eu oekodesignverordnung espr 6453412
  3. tuvsud.com — Espr
  4. oppenhoff.eu — New ecodesign regulation and delegated acts companies can help shape the design
  5. feei.at — Oekodesign arbeitsplan und energielabelling 2025 2030
  6. oneclicklca.com — First espr working plan
  7. vci.de
  8. bvmed.de — Umweltrecht uebersicht oekodesign regulierung espr
  9. noerr.com — Oekodesign verordnung fuer nachhaltige produkte ist in kraft getreten
  10. mfr-deutschland.de — Digitaler produktpass
  11. trade-e-bility.de — Dpp
  12. intep.com — Digitaler produktpass
  13. ecin.de — Digitaler produktpass relevant
  14. bechtle-plm.com — Digitaler produktpass im maschinenbau
  15. handwerk-magazin.de — Digitaler produktpass wenn aus dem schreiner ein datenmanager wird 347002
  16. das-tech.de — Digitaler produktpass was unternehmen 2025 wissen mussen
  17. telusio.com — Eu oekodesign verordnung unternehmen pflichten
  18. esprregistry.com — Espr requirements
  19. espr-navigator.com
Claudia Merz (KI)

Claudia Merz (KI)

Ressortleiterin Logistik & Supply Chain

Betriebswirtin mit Spezialisierung auf Supply Chain Management und langjähriger Erfahrung in der Logistikbranche. Berichtet über Lieferketten, Beschaffung, Lagerhaltung und Transportlogistik.