Wer Pharmazeutika verpackt, bewegt sich in einem Spannungsfeld aus drei gleichzeitig wachsenden Anforderungen: strengere Regulierung, dünnere Margen und komplexere Materialien. Auf der Interpack 2026 in Düsseldorf hat Multivac unter dem Motto "Protecting what protects health" gezeigt, wie sich diese Anforderungen technisch auflösen lassen - mit zwei Systemen, die unterschiedliche Punkte der Linie adressieren, aber zusammen ein konsistentes Konzept ergeben.
Der Markt wächst, der Druck auch
Der globale Markt für Pharmaverpackungen hatte 2025 ein Volumen von rund 116,6 Milliarden US-Dollar und soll bis 2034 auf 201,7 Milliarden US-Dollar wachsen - bei einer jährlichen Wachstumsrate von 6,4 Prozent. Deutschland spielt dabei eine überproportionale Rolle: Allein im ersten Quartal 2025 erzielte der deutsche Pharmamarkt einen Umsatz von rund 16,6 Milliarden Euro - damit ist Deutschland der größte Pharmamarkt Europas und der viertgrößte weltweit.
Dieser Markt ist kein einfaches Wachstumsfeld. Regulatorische Rahmenbedingungen werden enger, nicht weiter. Die EU-Verpackungsverordnung PPWR betrifft Pharma- und Medizinprodukteverpackungen zwar erst ab Übergangsfristen bis 2035 beziehungsweise 2040 - doch wer heute noch nicht investiert, wird dann unter Zeitdruck reagieren müssen. Hinzu kommen UDI-konforme Kennzeichnungspflichten, Serialisierungsanforderungen und der Druck, recyclingfähige Folien einzusetzen, ohne dabei Prozesssicherheit einzubüßen.
Die EU-Verpackungsverordnung PPWR gilt für Pharma- und Medizinprodukteverpackungen zunächst nicht direkt — Übergangsfristen laufen bis 2035 bzw. 2040. Wer jetzt auf recyclingfähige Folien und präzise Siegeltechnologie umrüstet, sichert sich einen Vorsprung gegenüber Wettbewerbern, die erst unter regulatorischem Druck handeln.
Pixelseal: Siegeln auf Pixel-Ebene
Das Kernstück der Multivac-Pharmalinie auf der Interpack ist das Kontursiegelsystem Pixelseal. Das Prinzip ist einfach zu beschreiben, aber technisch anspruchsvoll umzusetzen: Statt einer gleichförmig beheizten Siegelplatte arbeitet das System mit individuell ansteuerbaren Siegelpixeln, die Wärme exakt dort einbringen, wo sie gebraucht wird.
Die steuerbaren Siegelpixel bringen die Hitze mit einer Temperaturtoleranz von ±1 °C ein - das erlaubt die zuverlässige Verarbeitung auch höchst komplexer Verpackungsmaterialien. Für die Pharmaindustrie ist das kein akademischer Vorteil: Wer Herzkathetersysteme, Autoinjektoren oder empfindliche Biologika verpackt, arbeitet oft mit Materialkombinationen aus Tyvek, Aluminiumverbundfolien oder PP/PE-Monomaterialien. Jedes dieser Substrate verhält sich thermisch anders. Ein konventionelles Siegelsystem muss auf den schwierigsten Werkstoff ausgelegt werden - und überhitzt dabei die einfacheren. Pixelseal löst diesen Kompromiss auf.
Photo: Mina Rad / UnsplashDer wirtschaftliche Effekt ist messbar: Der Energieverbrauch beim Siegeln lässt sich mit dem Pixelseal-System um bis zu 50 Prozent reduzieren - trotz besonders kurzer Aufheizzeit. In einer Branche, in der Energiekosten und Ausschussraten direkt auf die Stückkosten durchschlagen, ist das ein Argument, das sich in Kalkulationen abbilden lässt. Gleichzeitig ermöglicht das System die zuverlässige Verarbeitung recyclingfähiger Folien - ein Faktor, der angesichts der PPWR-Anforderungen an Gewicht gewinnt.
Multivac entwickelt Pixelseal in Kooperation mit der Watttron GmbH und bietet es für Tiefziehverpackungsmaschinen aller Leistungsklassen an. Die Integration in die Tiefziehverpackungsmaschine R 245 - die auf der Interpack mit UDI-konformem Direktdruck, integrierter Siegelnahtprüfung und Druckbildkontrolle gezeigt wurde - macht deutlich, dass das System nicht als Einzellösung gedacht ist, sondern als Baustein einer durchgängig validierbaren Linie.
H 300: Cobot als Einstieg in die End-of-Line-Automatisierung
Am anderen Ende der Linie steht das H 300 Cobot-Handling-Modul. Die Aufgabe klingt unspektakulär: Palettierung. Aber genau hier stockt in vielen mittelgroßen Pharmabetrieben die Automatisierung - weil klassische Industrieroboter für Palettieraufgaben entweder zu teuer, zu unflexibel oder zu aufwändig in der Sicherheitsabschirmung sind.
Der H 300 adressiert dieses Problem direkt. Das kollaborative Robotermodul lässt sich in bestehende Produktionslinien integrieren und bietet eine kostengünstige Einstiegsmöglichkeit in automatisierte End-of-Line-Lösungen - ohne Kompromisse bei Sicherheit und Effizienz. Der Cobot ist nahtlos in die Multivac Line Control (MLC) eingebunden, was linienübergreifendes Batch-Handling, MES-Anbindung und CRA-Konformität aus einer Hand ermöglicht.
Für Pharmahersteller, die Palettierprozesse automatisieren möchten, ohne umfangreiche Änderungen an bestehenden Anlagen vorzunehmen, ist das ein relevantes Angebot. Der Fachkräftemangel macht repetitive End-of-Line-Tätigkeiten zunehmend schwer besetzbar - gleichzeitig schrecken viele Betriebe vor dem Investitionsvolumen klassischer Roboterzellen zurück. Der H 300 besetzt genau diesen Mittelweg.
Zwei Systeme, eine Logik
Was Pixelseal und H 300 verbindet, ist mehr als der gemeinsame Messeauftritt. Beide Systeme folgen derselben industriellen Logik: Modularität statt Komplettlösung, Integration in bestehende Linien statt Greenfield-Investition, messbare Effizienzgewinne statt vager Versprechen.
Das passt zur Lage der Pharmaindustrie. Pharmahersteller investieren verstärkt in Automatisierung, KI-gestützte Systeme und durchgängige Datenvernetzung, um Prozesskontrolle, Zuverlässigkeit und Durchsatz zu verbessern - so beschreibt es Thomas Fricke, Commercial Director bei IMA, stellvertretend für die Branche. Multivac bedient diesen Bedarf mit einem Ansatz, der keine Komplettumrüstung voraussetzt.
Der globale Cobot-Markt überschritt 2025 erstmals die Marke von 3 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz - rund zwei Jahre früher als von den meisten Analysten prognostiziert. Pharmaverpackung ist dabei ein Wachstumssegment, weil die Anforderungen an Hygiene, Rückverfolgbarkeit und Flexibilität genau die Stärken kollaborativer Roboter treffen.
Was Hersteller jetzt abwägen sollten
Die Entscheidung für oder gegen Pixelseal oder den H 300 ist keine Technologiefrage, sondern eine Wirtschaftlichkeitsfrage. Drei Faktoren sind dabei entscheidend:
- Materialportfolio: Wer heute noch ausschließlich mit konventionellen Folien arbeitet, wird den Vorteil von Pixelseal erst dann voll ausschöpfen, wenn der Umstieg auf Monomaterialien oder recyclingfähige Substrate ansteht - was regulatorisch absehbar ist.
- Linienstruktur: Der H 300 entfaltet seinen Nutzen vor allem in Linien, die bisher manuell palettieren. Wer bereits eine vollautomatische Roboterzelle betreibt, braucht keinen Cobot.
- Investitionshorizont: Beide Systeme sind als modulare Ergänzungen konzipiert. Das senkt die Einstiegshürde, bedeutet aber auch, dass der Gesamtnutzen davon abhängt, wie gut sie in die bestehende Liniensteuerung integriert werden.
Die Interpack 2026 hat gezeigt, dass die Verpackungsindustrie die Digitalisierung nicht mehr als Zukunftsthema behandelt, sondern als laufendes Investitionsprogramm. Multivac ist dabei kein Einzelfall - aber Pixelseal ist eines der wenigen Systeme, das den Dreiklang aus Prozesssicherheit, Energieeffizienz und Materialflexibilität in einer Technologie vereint. Das ist der Maßstab, an dem sich Wettbewerber messen lassen müssen.
Was ist der Unterschied zwischen Pixelheat und Pixelseal?
Pixelheat ist das Matrixheizsystem für den Formprozess beim Tiefziehverpacken — es steuert die Temperaturverteilung beim Formen der Verpackungstiefe. Pixelseal ist das entsprechende System für den Siegelprozess: Es versiegelt die fertige Verpackung mit individuell ansteuerbaren Siegelpixeln bei einer Temperaturtoleranz von ±1 °C. Beide Systeme können kombiniert eingesetzt werden und ermöglichen jeweils bis zu 50 Prozent Energie- bzw. Materialeinsparung.
Für welche Pharmaprodukte eignet sich die Pixelseal-Technologie?
Pixelseal ist besonders geeignet für Verpackungen mit komplexen Materialkombinationen — etwa Tyvek/Folie-Verbunde, Aluminiumverbundfolien oder PP/PE-Monomaterialien. Typische Anwendungen sind Herzkathetersysteme, Autoinjektoren, Spritzen, Ampullen und andere sensible Medizinprodukte, bei denen eine gleichmäßige Siegelnahtqualität regulatorisch nachgewiesen werden muss.
Ist der H 300 Cobot GMP-konform einsetzbar?
Das H 300 Cobot-Modul ist in die Multivac Line Control (MLC) integriert und unterstützt MES-Anbindung sowie CRA-Konformität. Für den spezifischen GMP-Nachweis im eigenen Produktionsumfeld ist eine Validierung nach den geltenden Anforderungen (z. B. GAMP 5) erforderlich — Multivac bietet hierfür Beratungsleistungen an.
Welche Einsparungen sind mit Pixelseal realistisch?
Multivac gibt an, dass der Energieverbrauch beim Siegeln mit Pixelseal um bis zu 50 Prozent reduziert werden kann — bei gleichzeitig kurzer Aufheizzeit. Das Schwesternsystem Pixelheat ermöglicht zudem die Herstellung von Tiefziehverpackungen mit bis zu 50 Prozent weniger Folienmaterial bei gleicher mechanischer Festigkeit. Die tatsächlichen Einsparungen hängen vom Ausgangsmaterial und der Maschinenauslastung ab.





